Ostermünchener trotz Handicaps auf Höllenritt

von Redaktion

Eigenblut-Therapie verhilft Dr. Reiner Bunse trotz Kniearthrose zu Höchstleistungen bei Marathon des Sables

Tuntenhausen – Der Ostermünchener Landarzt Dr. Reiner Bunse hat an einem der härtesten Extremläufe der Welt teilgenommen: dem Marathon des Sables. Mit gerade verheilten Brüchen und einem kaputten Kniegelenk lief er bei über 50 Grad Hitze 252 Kilometer durch die marokkanische Wüste. Wie er sich auf den Höllenritt vorbereitet hat.

Zum Sport gehört
auch Abenteuer

Der Ostermünchener Landarzt Dr. Reiner Bunse liebt den Nervenkitzel. Ob mit Mountainbike, Enduro oder beim Laufen – für ihn gehört zum Sport auch das Abenteuer. Von seinem jüngsten kam er gerade zurück. Vom 14. bis 20. April nahm er an einem der härtesten Etappen-Ultramarathons der Welt teil. Mit 63 Jahren, gerade verheilten Schlüsselbein-, Rippen- und Hüftbrüchen, mit zwei Meniskusrissen und einem kaputten Kniegelenk.

So „lädiert“ absolvierte er beim 38. Marathon des Sables (MDS) eine 252 Kilometer lange Strecke durch die marokkanische Sahara. „Bei praller Sonne, Temperaturen von über 50 Grad Celsius und teilweise noch höheren Bodentemperaturen haben wir 2788 Höhenmeter, Berge, Dünen und Geröll überwunden und hatten dabei einen bis zu zehn Kilogramm schweren Rucksack mit Verpflegung und Ausrüstung auf dem Rücken, zusätzlich noch zwei bis drei Liter Wasser“, berichtet er von der Extremerfahrung. Er ist wahnsinnig stolz darauf, dass er diesen Höllenritt geschafft hat – vor allem wegen seines Handicaps.

Sport und Abenteuer
gehören zusammen

Dr. Reiner Bunse treibt schon ein Leben lang Sport. Mit dem Laufen beginnt er eigentlich erst richtig während der Corona-Krise. Weil der Weg das Ziel ist, entscheidet er sich spontan dazu, an Ultralangstreckenläufen teilzunehmen. „Dabei ging es mir nicht vorrangig um das Absolvieren eines solchen Laufs, sondern vor allem um den Weg dorthin, das regelmäßige Training, das Laufen und die entsprechende Ernährung.“ Im Oktober 2022 nimmt Bunse am ersten Halb-Marathon des Sables (HMDS) in Fuerteventura teil.

Auf der Gesamtdistanz von 120 Kilometern in vier Tagen infiziert er sich mit dem Lauf-Virus: „Wer einmal dieses Hochgefühl erfährt, durchs Ziel zu laufen, möchte an der Mutter aller Ultradistanzläufe – dem Marathon des Sables – teilnehmen.“ Er greift nach dem Gral, meldet sich im Januar 2023 für den Wüstenmarathon in Marokko an. Einen Monat später bricht er sich mehrere Rippen, Hüfte und Schlüsselbein. Trainingspause. „Im Mai konnte ich endlich wieder laufen, um mich auf den MDS vorzubereiten“, erzählt der Landarzt.

Er trainiert intensiv, läuft alle zwei Wochen einen Halbmarathon, zwischenzeitlich immer wieder Zehn-Kilometer-Distanzen. „Es ging alles gut, mit guten Regenerationszeiten zwischen den Läufen“, erzählt er. Doch im Oktober streikt sein Körper. Das rechte Knie ist schmerzfrei, aber dick.

Zwangspause
kurz vor dem Start

Bis dahin hatte er nie Probleme mit dem Knie – auch nicht beim MDS-Halbmarathon auf Fuerteventura. Doch nun bildet die MRT die bitteren Tatsachen ab: Er hat an der linken, medialen Kondyle – das ist der knöcherne Teil des Gelenks – einen hochgradigen Knorpeldefekt, viertgradig. Im Klartext heißt das: Dort ist kein Knorpel mehr vorhanden. Der Arzt weiß: Bei weiterer Belastung würde sich der Zustand seines Knies verschlimmern, die „Knorpelglatze“ vergrößern. Und das liefe letztlich auf eine Knieendoprothese hinaus, die heute Standard ist.

An Training ist erst einmal nicht zu denken. „Ich konnte wochenlang nichts machen, bin schließlich am Silvesterabend trotzdem wieder losgelaufen. Nach 2,2 Kilometern ging vor Schmerzen gar nichts mehr.“ Seine Enttäuschung ist riesig. Sein Traum vom Ultramarathon in Marokko scheint geplatzt zu sein. In 14 Wochen will er an den Start gehen. Doch 252 Kilometer mit „Sand“ im Gelenk? „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich es schaffe und hatte eigentlich schon damit abgeschlossen“, erinnert er sich.

Mitte Februar 2024 treffen sich deutsche und österreichische MDS-Teilnehmer im Chat. Sie ermutigen Bunse, trotzdem anzutreten. Sie trösten ihn damit, dass er das Rennen langsam angehen könne und so mancher der 870 Starter aus 60 Nationen das Ziel sowieso nie erreiche.

Doch das ist für den Ostermünchener keine Option: Er will das härteste Ultralang-Distanzrennen der Welt schaffen. Sein Knie muss bis dahin einfach wieder funktionieren. Er hat noch sechs Wochen Zeit.

Innovative
Arthrosetherapie

Hyaluronsäure-Injektionen ins Gelenk helfen ihm nicht. Also therapiert er sich mit seinem eigenen Blut und hofft, dass die körpereigenen Heilungskräfte dadurch möglichst effektiv in Gang gesetzt werden.

Während seiner Ausbildung hat Bunse mehrere Jahre in der Orthopädie gearbeitet. „Auch wenn das schon 30 Jahre her ist“, wie er sagt, hat er sein Faible für das Fach nie verloren und sich auf dem Gebiet weitergebildet. „Die Therapie nennt sich Platelet Rich Plasma (PRP) und verwendet thrombozytenreiches Plasma“, erläutert der Mediziner.

Thrombozytenreiches
Plasma selbst injiziert

Im März 2024 wagt er den Selbstversuch: Er nimmt sich Blut ab, zentrifugiert es. „Dabei wird das Blut in seine Bestandteile zerlegt. Am Boden setzen sich die schweren Partikel ab, also die roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Darüber liegen die weißen Blutplättchen (Thrombozyten) in einer sehr schmalen Schicht und das Serum“, erklärt er.

Die weißen Blutplättchen sind es, die Wachstumsfaktoren enthalten und das Knorpelwachstum anregen. Die werden mit einer Spritze vorsichtig abpipettiert.

Dann injiziert er sich die Thrombozyten ins Knie. „Direkt neben der Kniescheibe wird es in den Bereich des Gelenkes gespritzt, in dem bei einem gesunden Knie die Gelenkknorpel wären. Das muss in einer hochsterilen Umgebung erfolgen, denn wenn man eine Infektion ins Knie bringt, kann man das Gelenk vergessen“, beschreibt Dr. Bunse – so, als wäre absolut nichts dabei, sich einfach mal schnell eine Spritze unter die Kniescheibe zu schieben.

„Ich bin da abgehärtet“, sagt er lachend, „punktiere mir auch mal einen Bluterguss an Bauch oder Hüfte selbst oder nähe mir eine Schnittwunde“.

Er geht aufs Ganze. Normalerweise wird PRP alle zwei Wochen injiziert. Doch Bunse hat keine Zeit. Also spritzt er sich zweimal pro Woche, geht wieder auf die Piste und trainiert für Marokko. Hart. Aber schmerzfrei.

Am 10. April tritt der 63-jährige Ostermünchener in der Wüste das Rennen an. Im Gepäck spezielle Schuheinlagen mit maximaler Außenranderhöhung. „Sie verlagern die Belastung beim Laufen vom mittleren aufs äußere Knie“, erklärt er.

Bunse entwickelt
spezielle Tape-Technik

Auch seine eigenen Physio-Tapes hat er dabei, um mit einer selbst entwickelten Tape-Technik Muskeln, Bänder und Gelenke zu stabilisieren und das mediale Kniegelenk zu entlasten.

„Das kam alles noch obendrauf auf den kiloschweren Rucksack“, beschreibt er den Höllenritt durch die marokkanische Wüste. In sechs Etappen überwinden die Starter 252 Kilometer. „Da läuft man nicht über eine gerade Ebene, sondern bergauf und bergab durch den tiefen Sand der Dünen, über Geröll. Das war extrem hart.“

Mediziner ist Teil der
MDS-Medical-Patrol

Tagsüber sind die Sportler auf der Strecke. Nachts schlafen sie in offenen Beduinenzelten. „Wir hatten fast täglich Sandstürme. Da wachst Du am Morgen auf und hast Halden von Sand auf den Lidern und dann natürlich auch in den Augen.“

Der Marathon des Sables geht an die absolute Leistungsgrenze der Läufer. 2021 wurde er von drei Todesfällen überschattet. Drei Jahre später gehört der Ostermünchener Arzt zur MDS-Medical-Patrol: Um Läufern auf der Strecke im Notfall medizinische Hilfe leisten zu können, packt er auch professionellen Funk, Blutzuckermessgerät, Pulsoximeter, Fieberthermometer und Medikamente ein. „Zum Glück konnten wir Ärzte dafür Equipment mit gleichem Gewicht aus unserem Rucksack nehmen, das von der MDS-Organisation transportiert wurde.“ Trotzdem bleibt die Last auf dem Rücken enorm.

Beduinenzelt gleicht
einem Lazarett

Spätestens nach der härtesten, der 85 Kilometer langen Etappe, sieht das Beduinenzelt am Abend wie ein Lazarett aus. Totale Erschöpfung und Gliederschmerzen sind das eine, Blasen an den Füßen aber das größere Problem. „Und überall Sand“, beschreibt Reiner Bunse die Herausforderung. Doch beim Start am Morgen habe keiner mehr Schmerzen verspürt, denn „da hatte jeder ein enorm hohes Adrenalinlevel“.

Die schönsten Erlebnisse auf der Strecke? „Der Traum von einer eiskalten Cola“, sagt er lachend. Wenn man tagelang nur 35 Grad warmes Wasser trinke, träume man sogar davon. Oder von gezuckertem Minz-Tee, den die Beduinen am Ende jeder Etappe reichten. „Im Ziel habe ich mich mehr über eine Dusche und ein gutes Essen im Hotel gefreut als über die Medaille“, beschreibt er die Sehnsucht nach Normalität nach sechs entbehrungsreichen Tagen mit gefriergetrockneter Nahrung.

Mentale Stärke und
moderne Medizin

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen. Dr. Reiner Bunse ist wieder daheim. Sein Adrenalinspiegel hat sich auf den Normalzustand eingepegelt. Er kommt allmählich an und hat Zeit zum Nachdenken, Zeit für ein medizinisches Fazit: „Trotz eines hochgradigen Knieschadens hatte ich während des gesamten Marathons über 252 Kilometer und fast 2800 Höhenmeter keinerlei Schmerzen. Selbst auf der längsten Etappe spürte ich mein Knie nicht.“ Er kann es selbst kaum glauben, und doch hat er im Selbstversuch den Beweis dafür angetreten, was mit mentaler Stärke und effektiver regenerativer Medizin möglich ist.

Ob sich die Knorpel in seinem Knie inzwischen gebessert haben? Das kann der Mediziner erst beantworten, wenn er wieder eine MRT gemacht hat. Fakt ist aber eines: „Die Überwindung von körperlichen Hindernissen beweist, dass die Medizin heutzutage auch bei fortgeschrittenen Gelenkproblemen effektive und erfolgreiche Behandlungsoptionen bietet.“

Deshalb führt Dr. Reiner Bunse seinen Selbstversuch fort. Jetzt allerdings nicht mehr im Sport-, sondern im Komfort-Modus, denn auch der stärkste Motor braucht eine Regenerationsphase.

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