Tuntenhausen – Es ist eine Mischung aus Wut und Verzweiflung, die Marion Schmur (Name von der Redaktion geändert) ins Gesicht geschrieben steht. Während sie in ihrem heimischen Wohnzimmer über die vergangenen Monate spricht, kommt ihr dreijähriger Sohn angehetzt und grinst seine Mutter frech, aber liebevoll an. Dass sich um ihn zuletzt ein erbitterter Streit entfacht hat, ist auf den ersten Blick nur schwer vorstellbar.
„Alles begann mit immer wieder auftretenden Verletzungen“, erinnert sich Schmur an die Tage, an denen ihr Sohn mit Bisswunden oder tiefen Kratzern aus dem Kinderhaus Purzelbaum in Hohentann nachhause gekommen war. Nach einem „komplett unproblematischen“ ersten Jahr ohne jegliche Vorfälle sei er ab September 2023 in eine Mischgruppe (Kinder von zwei bis vier Jahren) gewechselt.
Ursache der
Verletzungen unklar
Laut der 37-jährigen Mutter sei man ab dann nach und nach auf die Verletzungen aufmerksam geworden. Wie es dazu gekommen war, habe ihr Sohn damals selbst nicht kommunizieren können, so Schmur. Die Erzieherinnen der Einrichtung jedoch auch nicht. „Wir haben nichts gesehen“, sei der Familie auf mehrere Nachfragen immer wieder mitgeteilt worden.
Allerdings seien auch anschließend Gespräche, etwa mit der Gruppen- oder der Einrichtungsleitung, vertrauensvoll abgelaufen. Als die Verletzungen jedoch nicht weniger wurden, sei klar gewesen, schildert Schmur, „dass wir etwas tun müssen“. Ihren Angaben zufolge habe die Einrichtungsleitung damals das Gefühl geäußert, der Bub sei unterfordert, er könne vorzeitig in die Kindergartengruppe wechseln. Notwendig für den Wechsel war jedoch noch die Beobachtung eines Fachdienstes, erzählt Schmur. Und damit habe der Konflikt Fahrt aufgenommen.
Denn nach nicht einmal einer Stunde Beobachtung sei bei ihrem Sohn Asperger, ein Syndrom, das zum autistischen Formenkreis zählt, vermutet worden. Infolgedessen bräuchte er einen sogenannten Integrationsplatz, durch den er mithilfe von Fachpersonal besonders gefördert werden müsste. „Unser Kinderarzt konnte das überhaupt nicht verstehen und meinte, dass man Asperger in diesem frühen Stadium noch gar nicht feststellen kann“, erinnert sich Schmur. Er stellte dagegen sprachliche Defizite fest, weswegen Schmurs Sohn regelmäßig Logopädie bekam und dabei laut Behandlungsdokumenten auch große Fortschritte machte. Die Sprachprobleme erklärt sich Schmur durch eine „absolute Sprachverwirrung“, da er mehrsprachig erzogen wurde. „Wir haben dann auf nur Deutsch umgestellt und es wurde besser.“
Doch trotz der unterschiedlichen Diagnosen legte der Kindergarten der Familie nah, die Anträge für einen Integrationsplatz zu stellen. „Wir wurden über diesen Platz zwar nicht wirklich aufgeklärt, aber wir haben es dann gemacht.“ Allerdings nur für kurze Zeit. Denn als bei der Bewilligung des besonderen Förderbedarfs formal von einer „Behinderung“ des Kindes die Rede war, machten die Eltern einen Rückzieher. „Wenn es so wäre, dann wäre es kein Thema, aber so sahen wir es nicht ein, dass unser Sohn jetzt einfach eine Behinderung haben soll.“ Sie widerriefen den Antrag und die Einrichtungsleitung habe Verständnis gezeigt und versichert, dass dies nicht zum Nachteil ihres Sohnes werde.
Doch dann drehte sich das Blatt. „Ohne, dass uns irgendwelche Auffälligkeiten mitgeteilt wurden, hieß es im Februar 2024 plötzlich, dass alles, was unser Sohn macht, von nun an dokumentiert wird“, sagt Schmur und erinnert sich kopfschüttelnd an ein vollgeschriebenes Heft, das ihr schon nach einem Tag in die Hand gedrückt worden sei. Er habe Sand geschmissen oder Gebautes umgeworfen, „eben Dinge, die Kinder nun mal machen“, so die Mutter verärgert. Bei einem Gesprächstermin in der Einrichtung dann der große Schock: „Er darf ab September ohne Integrationsplatz nicht mehr in den Kindergarten kommen.“ Diese für sie völlig überraschende Aussage sei für Schmur einer „Erpressung“ gleichgekommen. Von nun an sei sie „terrorisiert“ worden, es hagelte Beschwerden über ihren Sohn, „alles wurde in diese Richtung gelenkt“, so die 37-Jährige. Laut der betroffenen Familie seien immer wieder sogar Tatsachen verdreht worden.
Familie fühlt sich
nicht ernst genommen
Mehr Erfolg versprach sich Schmur deshalb von einem gewünschten Gespräch zwischen Kindergarten, Familie und dem Träger, der Gemeinde Tuntenhausen. Aus Sicht der Mutter habe man sich dabei jedoch gehörig geirrt. Beim Gespräch mit Bürgermeister Georg Weigl habe man sich nicht ernst genommen gefühlt, die Fronten waren ohnehin verhärtet. „Er sagte bei dem Termin dann sogar, er zieht jetzt die Reißleine und kündigt uns den Platz“, schildert Schmur ihre Erinnerungen. Und auch wenn zunächst für die Familie noch ein wenig Hoffnung bestand, dass ihr Sohn vielleicht doch noch ganz normal in den Kindergarten kommen dürfe, habe die schriftliche Kündigung die Sachlage ganz deutlich gemacht.
Auffälliges
Sozialverhalten
In dem Brief, den die Familie der Redaktion zur Verfügung stellt, heißt es unter anderem, dass bereits in den ersten Betreuungswochen „Wutanfälle, Selbstverletzung und ein auffälliges Sozialverhalten“ beobachtet werden konnte, was man der Familie auch mitgeteilt habe. Alles Punkte, von denen die Schmurs laut eigener Aussage damals überhaupt nichts wussten. Aufgrund des auffälligen Verhaltens, so die Begründung des Trägers in der schriftlichen Kündigung, habe eine Beobachtung des im Haus tätigen Fachdienstes stattgefunden. Mit dem Ergebnis, dass dem Bub ein Förderbedarf im emotionalen und sozialen Bereich attestiert wurde.
Weiter heißt es in der Kündigung, dass die elterliche Rücknahme des Förderantrages die Situation des Sohnes verschlechtert habe. Die „Ablehnung eines Integrationsplatzes“ sowie die konträren Ansichten zum Entwicklungsstand des Kindes machten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Daran änderte auch der Versuch der Eltern, die sich inzwischen anwaltlich beraten ließen, der Kündigung zu widersprechen, nichts mehr. „Ich verstehe die Welt nicht mehr, lauter verdrehte Tatsachen“, kritisiert die Mutter.
Doch wie steht eigentlich der Träger, die Gemeinde Tuntenhausen, zu den Anschuldigungen der Familie? Auf Nachfrage des Mangfall-Boten erläutert Bürgermeister Georg Weigl den Bildungs- und Betreuungsvertrag, der zu Beginn jedes Kindergartenjahres mit allen Eltern abgeschlossen werde. Darin seien auch die Gründe für eine Kündigung durch den Träger aufgelistet. Zu ihnen gehöre etwa, wenn eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und dem pädagogischen Personal nicht mehr gegeben ist oder wenn durch den Besuch eines Kindes die Unversehrtheit anderer Kinder gefährdet ist.
Weigl bestätigt, dass bei besagtem Termin mit den Eltern auch die fristlose Kündigung Inhalt des Gesprächs gewesen sei. Aus Datenschutzgründen könne er zwar keine Angaben zu den genauen Gründen machen. Er verwies jedoch auf das Kündigungsschreiben. „Eine mangelnde Kommunikation von unserer Seite können wir in jedem Fall nicht erkennen“, betont Weigl und bezieht sich etwa auf mehrere protokollierte individuelle Gespräche mit wenigstens einem Elternteil, in dem „Auffälligkeiten“ bei dem Dreijährigen thematisiert worden seien.
Bürgermeister weist
Vorwurf zurück
Hinsichtlich der Betreuung ab dem neuen Kindergartenjahr sehe man tatsächlich keine Möglichkeit, den Bedürfnissen des Kindes ohne „ergänzende integrative Förderung im Regelbetrieb der Gruppe gerecht zu werden“, so der Bürgermeister. Man nehme den Betreuungsauftrag „für alle in unserer Obhut befindlichen Kinder sehr ernst und wolle diesem jederzeit gerecht werden“. Wenn dies in Einzelfällen ohne eine ergänzende Förderung nicht möglich sei und die Eltern eine solche aber aus individuellen Gründen nicht wünschen, „behalten wir es uns vor, das betroffene Kind nicht aufzunehmen“, erklärt Weigl. Und: „Es liegt uns fern, Eltern mit einer zusätzlichen Förderung für das Kind zu erpressen, schließlich dient diese ausschließlich dem Wohl des Kindes.“
Mischung aus Wut
und Verzweiflung
Am Ende dieser unbefriedigenden Geschichte wird klar, dass die Ansichten zur Situation des Kindes, zur Kommunikation und zum Umgang mit der Betreuung zu weit auseinander liegen. Fakt ist: Der Dreijährige hat keinen Kindergartenplatz mehr und die Familie somit ein Problem. Mittlerweile ist Marion Schmur seit über einem Monat zu Hause, um ihren Sohn zu betreuen. „Natürlich habe ich dadurch Verdienstausfall“, sagt sie bedauernd. Und sofort ist wieder diese Mischung aus Wut und Verzweiflung in ihren Augen erkennbar.
Eine Zukunft im Kinderhaus Purzelbaum in Hohentann gibt es aus Sicht der Familie freilich nicht mehr. Nun laufe das Bewerbungsverfahren, und man hofft auf einen Platz ab September in einer anderen Einrichtung.