Irschenberg – Im Caritas-Kinderdorf Irschenberg gibt es seit Anfang des Jahres eine neue Wohngruppe mit einem innovativen Konzept. Diese Kinderdorffamilie beherbergt weniger Kinder, die aber von mehr pädagogischen Fachkräften betreut werden, was eine intensivere Begleitung ermöglicht. Zwei der Kinder haben einen erhöhten Betreuungsbedarf im pädagogischen und schulischen Bereich sowie bei der Alltagsbewältigung.
Herausfordernde Erfahrungen
„Hier finden die Kinder ein neues Zuhause, die aufgrund der herausfordernden Erfahrungen in ihrem bisherigen Leben Formen des Verhaltens gefunden haben, die für sie zwar Lösungen darstellen, jedoch nicht der allgemeinen Norm entsprechen“, so die stellvertretende Dorfleiterin Annette Ehnes. Beispielsweise sehe ein Kind, das in der Schule Probleme habe, die Lösung darin, nicht mehr hinzugehen. Kinder bräuchten ein Umfeld, das ihnen Werte und Sicherheit vermittle. Wenn ein Kind von klein auf von den Eltern nicht erfahren durfte, dass es im Zusammenleben bestimmte Regeln gebe, dann interpretiere das Kind den Rahmen selbst, betont Anette Ehnes. Im System der Kinder- und Jugendhilfe gibt es bislang wenig Angebote für Kinder und Jugendliche mit traumatischen Lebensläufen und auffälligen Verhaltensweisen. Diesem Mangel begegnet das Kinderdorf mit der neuen Wohngruppe, die von der Sozialpädagogin Rebecca Hodbod geleitet wird. Sie führt ein Team aus sechs pädagogischen Fachkräften, die in Vollzeit arbeiten und verschiedene Zusatzqualifikationen mitbringen. Diese Fachkräfte sind in Erlebnispädagogik, traumasensibler Pädagogik und Prävention geschult und werden von einer Psychologin sowie weiteren Fachdiensten des Kinderdorfs unterstützt. Rebecca Hodbod, die während ihres Studiums in München bereits Erfahrungen in einer systemisch-therapeutischen Wohngruppe gesammelt hat, blickt nach einem halben Jahr im Kinderdorf positiv auf die ersten Monate zurück. „Mir gefällt, dass ich hier die Freiheit bekomme, gemeinsam mit dem Team Dinge zu gestalten und Ideen einzubringen, um die Kinder adäquat betreuen und fördern zu können und ihrem erhöhten pädagogischen Bedarf individuell gerecht zu werden. Das ist ein fortlaufender Prozess, auf den ich mich freue.“
Das Betreuungsangebot richtet sich an Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und zwölf Jahren, die unter Entwicklungsrückständen, Beziehungsunsicherheiten, fehlenden Sozialkompetenzen und Alltagsfertigkeiten leiden. Ziel ist es, Entwicklungsverzögerungen aufzuholen und altersgemäße Kompetenzen und Fähigkeiten zu entwickeln. Die intensive pädagogische und psychologische Betreuung gewährleistet die Vernetzung von heilpädagogischer Fürsorge und Begleitung in enger Zusammenarbeit mit Kindergarten, Schule, Therapie und dem Herkunftssystem.
„Wir achten bei der Aufnahme von Mädchen und Jungen genau auf die Zusammenstellung der Gruppe. Damit die betroffenen Kinder einen sicheren Hafen vorfinden, wo sie von uns individuelle Unterstützung erhalten“, so Rebecca Hodbod. So bekämen sie die Chance, sich im Leben gestärkt neu zu orientieren, soziale, schulische und berufliche Perspektiven zu entwickeln und in gesunden Beziehungen zu leben, um eine gesellschaftliche Integration zu erreichen, führt die Sozialpädagogin weiter aus.
Stetig
weiterentwickelt
Dorfleiterin Pia Klapos ist überzeugt, dass das neue Konzept des Kinderdorfs den richtigen Ansatz bietet, um den Kindern und Jugendlichen die passende Hilfestellung zu geben. „Das Caritas-Kinderdorf hat sich in den vergangenen 50 Jahren stetig weiterentwickelt, um den sich verändernden Anforderungen an die stationäre Jugendhilfe adäquat zu begegnen.“ Ihr sei es wichtig, dass neben den bewährten Konzepten – wie dem in der Region einmaligen Hauselternmodell – mit zukunftsorientierten Angeboten das Kinderdorf zielgerichtet erweitert werde, um jungen Menschen die passenden Lösungen anbieten zu können.
Derzeit beherbergt das Caritas-Kinderdorf Irschenberg rund 80 Kinder und Jugendliche, die außerhalb ihrer Herkunftsfamilien aufwachsen. Die Mädchen und Buben wurden dem Kinderdorf von den Jugendämtern anvertraut, da sich die Eltern oftmals nicht ausreichend um deren Wohl und Erziehung kümmern können. Lehrer, Ärzte, Erzieher, Polizei, Nachbarn oder andere Personen im sozialen Umfeld des Kindes übermitteln dem Jugendamt Bedenken, wenn sie Anzeichen für Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalt oder andere Formen der Gefährdung bemerken. Das Jugendamt versucht zunächst, unterstützende Maßnahmen anzubieten, um die Familie zu stabilisieren und die Bedingungen für das Kind zu verbessern. In schwerwiegenden Fällen kann eine Inobhutnahme erforderlich sein, um das Kind zu schützen. Das 1972 gegründete Kinderdorf mit seinem sozialpädagogischen Förderzentrum und seiner heilpädagogischen Tagesstätte stellt alle notwendigen Hilfen zur Förderung und Erziehung der betroffenen Kinder zur Verfügung. Neben den stationären Wohngruppen, die das Dorfgefüge mit mehreren Häusern bilden, bieten Fachkräfte des Caritas-Kinderdorfs vielfältige, ambulante Hilfsprogramme für Kinder und Jugendliche und deren Familien in der Region an.