Die ersten 100 Tage hatten es schon in sich

von Redaktion

Interview So erlebte Bad Feilnbachs Bürgermeister Max Singer die Zeit seit 15. März

Bad Feilnbach – Seit 15. März ist Max Singer Bürgermeister von Bad Feilnbach. 100 Tage, in denen er die Gemeinde beruflich aus verschiedensten Blickwinkeln erlebt hat, mit vielen Menschen gesprochen hat. 100 Tage voller Sitzungen, Besprechungen, Entscheidungen, Festivitäten – und einer Krisensituation, die die ganze Kommune vor eine große Herausforderung stellte.

Herr Singer, wie würden Sie Ihre ersten 100 Tage im Bürgermeisteramt mit drei Schlagworten beschreiben?

Aufregend, abwechslungsreich und kommunikativ.

Welche Themen haben Sie in diesen ersten Monaten am meisten beschäftigt?

Zum einen der Haushalt für das Jahr 2024. Kein einfaches Thema. Unter anderem ist die Kreisumlage angestiegen, wir zahlen heuer 600000 Euro mehr. Auch die Personalkosten fallen nach den Tarifabschlüssen für den Öffentlichen Dienst höher aus. Aber jetzt ist alles vorbereitet, die Vorbesprechungen mit dem Landratsamt haben stattgefunden, nun wird der Gemeinderat abstimmen. Für den Haushalt 2025 wurde vereinbart, dass der Haupt-, Finanz- und Personalausschuss die Ausgaben auf Einsparpotenzial prüfen wird. Das bedeutet, dass man sich auch die freiwilligen Leistungen der Gemeinde genauer anschaut und manches auf den Prüfstand kommt.

Auch das Thema Personal stand auf der Agenda. Hier ist die gute Nachricht, dass ab 1. Juli wieder alle Stellen im Rathaus besetzt sind, unter anderem mit drei neuen Mitarbeitern im Bauamt, dessen Leitung mit Franziska Beutel jetzt eine Architektin innehat.

Und dann das Thema Starkregen vom 3. Juni

Das Thema Wasser hat in den vergangenen drei Wochen alles andere ziemlich überlagert. Zum einen natürlich die Abkochverfügung für das Trinkwasser für die Abnehmer, die an die gemeindliche Wasserversorgung angeschlossen sind. Zum Glück konnte diese jetzt aufgehoben werden. Aber Keime im Trinkwasser nach solchen Regenereignissen sind keine Seltenheit. Wobei wir weit von Werten entfernt waren, die eine Chlorung des Wassers erforderlich gemacht hätten. Aber der Prozess, bis eine Abkochverfügung wieder aufgehoben werden kann, dauert eben. Die Proben werden an verschiedenen Stellen entnommen, das Ergebnis ist auch nicht gleich da. Und es muss eindeutig sein. Am Freitag, 14. Juni, zum Beispiel waren die ersten Ergebnisse alle schon negativ, wir dachten schon, wir können die Verfügung aufheben, doch die letzten beiden fielen dann doch noch positiv aus.

Und wie haben Sie den Tag des Starkregens erlebt – als langjähriger
Berufsfeuerwehrler jetzt im Amt des Bürgermeisters?

Natürlich ist es etwas anderes, nicht in der vordersten Reihe draußen zu sein. Aber dort wissen ja alle, was zu tun ist. Ich habe geschaut, dass der Ablauf im „Hintergrund“ funktioniert. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren und ohne Hektik Punkt für Punkt abzuarbeiten. So haben wir im Rathaus im Zusammenspiel mit den jeweils Verantwortlichen schon einmal Vorkehrungen für den Fall einer Evakuierung getroffen, um Betroffene zum Beispiel im Heimgartensaal in Bad Feilnbach oder im Martinsheim in Au versammeln zu können, wo auch Küchen zur Verpflegung vorhanden gewesen wären. Das war dann zum Glück nicht nötig. Auch nicht der nächste Schritt, Übernachtungsmöglichkeiten in der Turnhalle zu schaffen. So etwas haben wir in München schon geprobt. Aber bei unserer ländlichen Struktur ist das ohnehin anders, da würde wahrscheinlich jeder irgendwo unterkommen, bei Familie, Freunden oder Bekannten.

Wie beschreiben Sie
die Lage an diesem Tag?

Wir hatten eine sehr dynamische Lage und in den Gemeindeteilen ganz unterschiedliche Abläufe. So galt es in Au vor allem den Aubach zu halten, den ich in solch einer Wucht noch nicht erlebt habe. In Bad Feilnbach und Litzldorf waren es das Geröll und das herabstürzende Wasser, das über die Straßen bis in die Keller hineinlief. Das Rathaus war an diesem Montag bis spätabends besetzt und es waren unglaublich viele Helfer vor Ort.

Man hat den
Zusammenhalt gespürt?

Alle Bauunternehmer, die wir haben, waren sofort da, haben ihre Bagger dorthin gefahren, wo sie zum Beispiel Verklausungen behoben haben. Alle sind freiwillig gekommen, da brauchte man keinen extra anrufen. Die Bergwacht hat den Heimfahrservice für bei uns „gestrandete“ Schüler von außerhalb und für die in Bad Feilnbach betreuten Demenzkranken übernommen, die bei uns im Rathaus untergekommen waren, bis die Straßen wieder befahrbar waren. Unsere Metzgereien, Bäckereien und Wirte haben nicht gezögert, die Einsatzkräfte und bei uns Versammelten mit Verpflegung zu versorgen. Unterm Strich kann man sagen, dass wir wirklich mit einem blauen Auge davon gekommen sind, auch wenn es natürlich zu Schäden gekommen ist. Wir haben auch gesehen, wo wir eventuell noch besser werden müssen. Dazu finden jetzt Nachgespräche statt.

Zurück zum Alltag: Wie empfinden Sie die Stimmung und die Zusammenarbeit im Gemeinderat nach den zum Teil ziemlich hochgekochten Emotionen nach der Bürgermeisterwahl?

Aus meiner Sicht haben sich die Wogen geglättet. Ich empfinde die Zusammenarbeit als in Teilen kritisch, aber sehr konstruktiv.

Es war viel von Vertrauensverlust innerhalb des Gremiums die Rede. Glauben Sie, dass Vertrauen wieder wachsen kann? Und wie?

Die Frage muss sich jeder selber stellen. Es ist letztlich auch eine Frage des Wollens. Aber durch ehrliche Kommunikation und Zusammenarbeit kann das in den Fällen, wo es vielleicht noch nicht so ist, weiter besser werden.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vorgänger
Anton Wallner und wenn ja, wie begegnen Sie
einander?

Wir hatten eine gute Übergabe der Amtsgeschäfte und treffen uns auch bei Terminen und reden miteinander, zum Beispiel zuletzt bei der Gundelstiftung, bei der wir in einem guten Austausch sind, oder in Sachen Mangfalltal Energie GmbH.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf die größeren Projekte werfen: Wie ist der Stand der Dinge in Sachen „Luxushotel“?

Hier laufen die Abstimmungen zwischen der Gemeinde und dem Investor sowie den Rechtsberatungen beider Parteien. Die Visualisierungen, die das Gelände, die Höhe der Bauten und die Sichtachsen zeigen, liegen vor. Jetzt geht es noch um Details. Dann soll alles wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden. Für uns als Gemeinde ist es wichtig, dass am Ende so gebaut wird, wie es abgemacht wird.

Am Troger-Haus in Au rührt sich mit Adventsveranstaltungen, Oarscheim, Maibaumfest, Grillabenden und EM-Schauen schon einiges. Wie geht es hier weiter?

Die Vereine sorgen schon für Belebung auf dem Gelände. Was das historische Gebäude angeht, so erfolgt im Moment die Schadenskartierung durch den Denkmalschutz, und darauf hin die Kostenberechnung. Der Ausschuss, der über Zuwendungen aus dem Entschädigungsfonds entscheidet, tagt im September. Danach wird das Ergebnis besprochen und die Maßnahmen koordiniert. Vorher können wir nichts machen, weil das förderschädlich sein könnte.

Nehmen Sie in Teilen
der Dorfgemeinschaft
immer noch eine gewisse
Skepsis wahr?

Die Skepsis rührt auch daher, dass man bis jetzt noch nicht weiß, was es kosten wird, was man dort letztlich machen kann und ob sich wirklich alles so umsetzen lässt, damit auch Raum für die Vereine entsteht. Aber es wird besser, viele scharren schon mit den Hufen und möchten gerne loslegen.

Wie geht es mit den
Plänen für das neue
Rathaus weiter?

Die Planungen laufen. Da werden im Übrigen auch die neuesten Erkenntnisse aus dem Starkregenereignis mit aufgenommen. Gerade werden die Leistungsverzeichnisse erstellt. Wenn die Finanzen der Gemeinde es zulassen, dass wir das Rathaus mit gutem Gewissen bauen können, dann steht das natürlich auf der Agenda.

Nachdem man hinsichtlich des Verkaufs einer großen Fläche in der
Eulenau dem Vernehmen nach kurz vor dem Ziel steht: Wie sieht es mit dem Gutshof selbst aus?

Hier beschäftigen wir uns aktuell mit den Bewerbungen und führen zugleich auch Gespräche mit dem Kreisbaumeister. Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte können wir mehr dazu sagen.

Vom Tagesgeschäft noch ein kurzer Abstecher in den sportlichen Bereich. Man kennt Sie ja vor allem auch als Organisator der Wendelstein-Radrundfahrt des Ski-Clubs Au. Muss die Veranstaltung jetzt ohne Sie auskommen?

Bei der zehnten Rundfahrt bin ich damals dort eingestiegen, heuer findet sie zum 34. Mal statt. Die Organisation ist jetzt auf mehrere Schultern des Teams verteilt, das klappt hervorragend.

Aber ich bin an diesem Wochenende da und helfe natürlich mit. Recht viel Zeit für Sport bleibt mir im Moment allerdings tatsächlich nicht. Aber beim Dr.-Selmayr-Gedächtnislauf am 21. September werde ich wohl mitmachen. Hermann Selmayr hat mich schon als Kind sportlich begleitet und überall unterstützt, da werde ich schauen, dass ich dabei bin und gut über die Runden komme.

Interview Eva Lagler

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