Kolbermoor/Landkreis – Auch Zahnärzte aus der Region haben sich an der jüngsten Kundgebung der Bayerischen Landeszahnärztekammer in München und an der Kritik gegen das „System Lauterbach“ beteiligt. Unter ihnen der Obmann der Zahnärzte für Rosenheim Stadt und Landkreis sowie Chiemgau und die Zahnärztin Dr. Claudia Michl aus Kolbermoor. Dort in der Mangfallstadt haben in 20 Jahren vier Zahnarztpraxen geschlossen. Auch das Thema Fachkräftemangel spielt hier eine große Rolle.
Was ist es genau, was die Zahnärzte am „System Lauterbach“ so zur Verzweiflung bringt?
Dr. Jan Dierfeld: Die aktuelle Politik der Bundesregierung und insbesondere des Gesundheitsministers Karl Lauterbach führt zu einer schwierigen Situation, was die Kalkulation der erwirtschaftbaren Beträge angeht. Die private Gebührenordnung ist nunmehr 36 Jahre alt und fast unverändert. In ihr sind die Preise für Behandlungen fixiert. Dies führt dazu, dass die Zahnärzte ihre Abrechnung nur auf dem Rücken der Patienten an die Preisentwicklungen anpassen können, da der gesetzliche Rahmen in der Angleichung limitiert.
Wo liegen die Probleme?
Dr. Dierfeld: Bereits jetzt ist in einigen Regionen die Zahl der Zahnärzte rückläufig. Dies liegt insbesondere an dem Alter der tätigen Zahnärzte. Circa 50 Prozent sind über 60 Jahre alt, 25 Prozent über 65 Jahre. Dies bedeutet, dass in den nächsten Jahren die Zahnarztdichte weiter abnehmen wird. Insbesondere auch, da die ausscheidenden Zahnärzte vornehmlich Männer sind. Die Studiensemester sind seit langer Zeit vornehmlich von Frauen belegt; zum Teil absolvieren Semester mit 100 Prozent Frauenanteil das Examen. Dies führt durch die Lebensplanung zu einer weiteren Verschärfung: für eine Vollzeitstelle – Männer arbeiten in aller Regel in Vollzeit – werden rechnerisch 2,6 Frauen benötigt, um sie zu ersetzen.
Wie wirkt sich das in der Praxis aus?
Dr. Dierfeld: In den nächsten Jahren wird sich die Versorgungslage für die Patienten stark verschärfen. Dies bedeutet konkret, dass die Anzahl der Zahnärzte nach meiner Schätzung um bis zu 30 Prozent einbrechen werde. Damit wird die reguläre Versorgungssituation für jeden schwierig werden. Neben langen Wartezeiten wird es eine steigende Zahl an Menschen geben, die sehr schwer einen zahnärztlichen Behandlungsplatz bekommen werden.
Frau Dr. Michl, Sie können an dieser Stelle aus der Praxis berichten.
Dr. Claudia Michl: Um diese Entwicklung anhand Kolbermoor zu zeigen, lässt sich feststellen, dass im Jahr 2004 elf niedergelassene Zahnärzte tätig waren. 2023 noch sieben. Allerdings hat sich die absolute Zahl der in Kolbermoor tätigen Zahnärzte unter dem Strich nicht verändert. So gab es 2004 keinen einzigen angestellten Zahnarzt hier. 2023 konnten 4,75 angestellte Zahnärzte gezählt werden. Bayernweit ist diese Entwicklung ebenfalls zu sehen. Das mag auf den ersten Blick für den Laien nicht alarmierend klingen. Die zahnmedizinische Versorgung wird sich in Zukunft aber dahingehend verändern, dass immer mehr zahnmedizinische Versorgungszentren entstehen, die im schlechtesten Fall nicht mehr inhaber-, sondern investorengeführt sind und so die seit Jahrzehnten gewachsene individuelle Versorgung der Patienten durch den Zahnarzt ihres Vertrauens auf Kosten von Profitgier und schneller, billiger Versorgung bei maximaler Rentabilität ersetzt wird.
Wie merken Sie den Rückgang im Alltag?
Dr. Michl: Dadurch, dass in meiner nun 22-jährigen Praxistätigkeit in Kolbermoor vier Zahnarztpraxen ersatzlos weggefallen sind, kann ich ein deutlich erhöhtes Patientenaufkommen feststellen, was nicht nur dem geschuldet ist, dass auf fast die gleiche Bevölkerungszahl weniger Zahnarztpraxen zur Verfügung stehen, sondern dass wir auch im Zuge unseres Versorgungsauftrages immer mehr Patienten mit akuten Beschwerden behandeln, die aufgrund von Migration oder Flucht in unsere Region gekommen sind.
Läuft das auf einen Aufnahmestopp hinaus?
Dr. Michl: Da ich noch zwei weitere Zahnärzte angestellt habe, ist es mir tatsächlich möglich, zum jetzigen Zeitpunkt noch Patienten aufzunehmen. Allerdings weiß ich aus Kollegen-Gesprächen, dass gerade kleinere Praxen mittlerweile an die Belastungsgrenze gekommen sind und keine neue Patienten aufnehmen können und damit auch ein Großteil der Versorgungskapazität zusätzlich wegfällt.
Welche Folgen befürchten Sie sonst noch?
Dr. Dierfeld: Die Situation wird dazu führen, dass sich weniger Zahnärzte niederlassen werden. Insbesondere Frauen, die Teile ihrer aktiven Tätigkeit in Teilzeit absolvieren werden, scheuen unter diesen Parametern eine Niederlassung und arbeiten lieber als angestellte Zahnärzte. Dies wird zu einer weiteren Verringerung der Praxiszahlen führen.
Wie ist aktuell die Situation im Raum Rosenheim, was die Versorgung der Patienten – speziell auch am Wochenende und in Notfällen – angeht?
Dr. Dierfeld: Die Notdienstsituation ist noch prekärer: Im Raum Rosenheim werden wir voraussichtlich, aufgrund der abnehmenden Zahnarztzahlen, drei der fünf Notdienstbereiche zusammenlegen, um für die Zahnärzte und vor allem das Personal annehmbare Belastungsverhältnisse herzustellen. Dies verändert eine Situation, die seit über 30 Jahren Bestand hatte.
Die Bundesregierung überlässt den Zahnärzten – und damit insbesondere mir als Obmann – Lösungen für Versäumnisse in der Gesetzgebung zu finden. Ich, und die gesamte Zahnärzteschaft, werden alles unternehmen, um die Versorgung der Patienten an regulären Tagen wie auch an Feiertagen sicherzustellen. Wir bedauern, wenn Patienten am Wochenende mit Zahnschmerzen aus Bad Aibling nach Kiefersfelden zum Notdienst fahren müssen.
Und wie schätzen Sie die finanziellen Folgen auf Patientenseite ein?
Dr. Dierfeld: Aufgrund der Abrechnungsvorgaben des Gesetzgebers werden die privaten Kosten für die Patienten immer weiter steigen. Während der Corona-Krise wurde allen bewusst, wie wichtig die medizinische Versorgung war. Abendlicher Applaus von den Balkonen zeugte vom Bewusstsein der Gesamtbevölkerung über diesen Fakt. Es bestand Konsens, dass medizinisches Personal wichtig ist und dementsprechend entlohnt werden sollte. Allein das Gesundheitsministerium mit dem aktivsten Politiker während dieser Zeit lässt seinen Worten keine Taten folgen, sondern entzieht sich komplett seiner Verantwortung. Auf Nachfrage wurde mir von der Spitze der Bayerischen Kassenzahnärztlichen Vereinigung erklärt, dass Herr Lauterbach auch für die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung nicht erreichbar ist und auf Anfragen auch nicht geantwortet wird.
Was müsste sich ändern, um die Situation zu verbessern?
Dr. Dierfeld: Beendigung der Budgetierung, da unter den derzeitigen desaströsen politischen Rahmenbedingungen eine flächendeckende zahnärztliche Versorgung wie sie es bislang gab, extrem gefährdet wird. Schaffen von gesetzlichen Regulierungen für Medizinische Versorgungszentren (MVZ), die von versorgungsfremden Investoren betrieben werden.
Auch die zunehmende Bürokratie ist Ihnen ein Dorn im Auge?
Dr. Michl: Der Dokumentations- und Verwaltungsaufwand ist mittlerweile so hoch, dass etwa in meiner Praxis, in der mittlerweile 15 Menschen Arbeit finden, alleine drei Mitarbeiter nur für Verwaltung zuständig sind. Die Zeit, die wir eigentlich gerne dem Patienten widmen würden, versickert im Bürokratiesumpf. Anreize für junge Kollegen schaffen, sich in ländlichen Regionen niederzulassen, Verbesserung der Rahmenbedingungen für Zahnarztpraxen, mehr Planungssicherheit sowohl für Zahnärzte, die sich niederlassen wollen, als auch für bestehende Praxen im Hinblick auf notwendige Investitionen und Betriebskosten.
Dr. Michl: Herr Lauterbach vergisst die Zahnärzte. Er ignoriert scheinbar bewusst oder unbewusst, da möchte ich ihm nichts unterstellen, dass Zahnmedizin einen wichtigen Stand in der Medizin haben sollte. Im Unterschied zur Humanmedizin oder Tiermedizin spezialisieren wir uns bereits von Beginn unseres Studiums auf orale Gesundheit und mit Bestehen des Examens und Erlangung der Approbation sind wir quasi Spezialisten für orale Medizin. Auch im Bereich der Präventivmedizin leisten wir zum Beispiel im Rahmen der systematischen Parodontitis einen wertvollen Beitrag zur Volksgesundheit und ersparen damit dem Gesundheitssystem nicht unerheblich Kosten.
Interview Eva Lagler