„Die Nato sendet eine klare Botschaft“

von Redaktion

Feldollinger Oberst Konrad Herborn bei Manöver „Quadriga“ in Litauen im Einsatz

Feldkirchen-Westerham/Pabrad – „Das Szenario ist beängstigend, aber nicht unrealistisch: Ein Aggressor greift das Nato-Bündnis in Europa an: aus dem Nordosten, dem Osten und dem Südosten. Um den Angreifer zu stoppen, ruft die Nato den Bündnisfall aus. Die Alliierten machen sich bereit, Europa gemeinsam zu verteidigen“, so die unmissverständliche Umschreibung des Presse- und Informationszentrums des Heeres der Bundeswehr zur Übungsserie „Quadriga 2024“, die jetzt nach fünf Monaten beendet worden ist. Mit dabei: Oberstleutnant Konrad Herborn, Mitglied der 10. Panzerdivision, der von einer aus seiner Sicht „erfolgreichen Großübung“ spricht.

Bestandteil des Riesenmanövers „Steadfast Defender“

Die Übungsserie „Quadriga 2024“ war dabei ein Bestandteil des größten NatoManövers „Steadfast Defender“ („Standhafter Verteidiger“), an dem in den vergangenen vier Monaten mehr als 90000 Soldaten, über 50 Kriegsschiffe, 1100 Gefechtsfahrzeuge und mehr als 80 Flugzeuge der Nato-Partner teilgenommen hatten. Trainiert wurde insbesondere die Alarmierung und Verlegung von nationalen und multinationalen Landstreitkräften an die Nato-Ostflanke – vom Polarkreis über das Baltikum bis in die rumänischen Karpaten. Bei der Übung wurde nach Nato-Angaben erstmals mit neuen regionalen Verteidigungsplänen geübt. Diese hatten die Alliierten im vergangenen Jahr unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beschlossen.

Deutsche Soldaten sichern bereits jetzt die Nato-Ostflanke

Ziel der Übung war es vor allem, die Verfahrensweisen so einzuüben, dass die Bundeswehr jederzeit in der Lage ist, die bis zu 30000 Soldaten der 10. Panzerdivision gleichzeitig an die Nato-Ostflanke ins Baltikum zu verlegen. Deutsche Soldaten werden im Rahmen der Absicherung der Nato-Ostflanke bereits seit 2016 in Litauen eingesetzt, den Schutz von Lettland und Estland übernehmen weitere Bündnispartner. Die Bundesregierung hatte sich dem Verteidigungsbündnis gegenüber verpflichtet, ab 2025 eine einsatzbereite Division zur Verfügung zu stellen.

Neue „Division 2025“
soll kaltstartfähig und kriegstüchtig werden

Als kaltstartfähige und kriegstüchtige „Division 2025“ soll die Veitshöchheimer 10. Panzerdivision mit bis zu 30000 Soldaten die schnelle Eingreiftruppe der Nato für die Landes- und Bündnisverteidigung im Baltikum bilden. Einer von ihnen ist der 54-jährige Oberstleutnant Konrad Herborn aus Feldolling bei Feldkirchen-Westerham, der seinen Dienst in der Operationszentrale der Division in Veitshöchheim leistet und jetzt von seinem mehrwöchigen Einsatz im Baltikum ins Mangfalltal zurückgekehrt war. „Die Wahrnehmung in der litauischen Bevölkerung bezüglich einer militärischen Bedrohung ist viel stärker ausgeprägt als in Deutschland“, so die Erfahrung Herborns. „Wir haben Prozesse und Abläufe geübt, unsere Zusammenarbeit auf internationaler Ebene verbessert und damit bewiesen, dass wir in der Lage sind, im Ernstfall schnell Truppen zu verlegen, um die Souveränität Litauens zu sichern und notfalls zu verteidigen.“

Im Rahmen von Gefechtsübungen auf dem Truppenübungsplatz im litauischen Pabrad wurden die Fähigkeiten der 10. Panzerdivision und ihrer Brigaden sowohl Bundeskanzler Olaf Scholz und Verteidigungsminister Boris Pistorius als auch dem litauischen Staatspräsidenten Gitanas Nausda demonstriert. Deutsche, niederländische, französische und litauische Soldaten haben dort zudem zusammen Gefechtsabläufe geübt.

„Mich hat sehr gefreut, wie positiv wir als 10. Panzerdivision in Litauen aufgenommen wurden und wie bereichernd die multinationale Zusammenarbeit war“, so Oberstleutnant Konrad Herborn, der in dem baltischen Staat „eine enorm große Dankbarkeit“ gegenüber den Einsatzkräften ausgemacht hatte.

„Natürlich mache ich mir große Sorgen,
wie das weitergeht.“

Was ihn besonders nachdenklich stimmt? Dass sich für ihn in gewisser Weise mit der derzeitigen Weltlage „ein Kreis“ schließe. „Als ich 1989 zur Bundeswehr gekommen bin, war das noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Jetzt haben wir, nach einer Zeit des friedlichen Miteinanders, genau wieder die gleiche Situation. Das finde ich traurig“, so der 54-Jährige, der unter anderem schon in Krisen- und Kriegsgebieten wie Afghanistan oder Mali im Einsatz gewesen ist. Herborn: „Natürlich mache auch ich mir große Sorgen, wie das weitergeht.“ Mit dieser Übung, nur 15 Kilometer von der Grenze nach Weißrussland entfernt, habe die Nato jedenfalls „eine klare Botschaft“ gesendet: „Wer einen angreift, greift alle an.“

Auch der Generalinspekteur Carsten Breuer hatte sich gegen Ende der Übung in Litauen ein Bild des Manövers gemacht und Bilanz gezogen: „Wir haben bei dieser Übung gezeigt, wir Alliierte können uns verteidigen und werden uns verteidigen. Wir haben Kriegstüchtigkeit bewiesen.“ Quadriga sei die kollektive Antwort auf die dramatisch anwachsende Bedrohung aus Russland. In Pabrad stehe die Bundeswehr zu ihrem Wort, jeden Quadratzentimeter Nato-Gebiet zu verteidigen und die Zeitenwende zu realisieren, so der Generalinspekteur. „Wir gehen los, wenn wir gefordert sind, und zwar mit dem, was wir haben“, bekräftigt Generalmajor Ruprecht von Butler, Kommandeur der 10. Panzerdivision. Die jüngst absolvierte Übung belege dies eindrucksvoll.

„Wir waren bewusst laut. Mit uns kann man abschrecken.“

Sie hatte vor allem ein strategisches Ziel, betont der Divisionskommandeur – nämlich das der glaubhaften Abschreckung: „Wir waren bewusst laut, wir wollten uns zeigen, damit ein möglicher Aggressor weiß: Hier ist eine einsatzfähige Truppe, hier wird Schulter an Schulter multinational gekämpft – Litauer neben Franzosen, neben Niederländern und neben Deutschen. Für mich lautet die klare Botschaft: Mit uns kann man abschrecken, weil wir etwas können.“

Artikel 1 von 11