Brannenburg – Das über Monate währende Materiallager auf dem Pendlerparkplatz – nervig, aber akzeptiert. Denn die Brannenburger sind froh, dass ihr Bahnhof barrierefrei wird. Gut zugänglich für Reisende im Rollstuhl, mit Rollator oder Kinderwagen. Dank eines Leitsystems aus Metallrillen am Boden auch für Blinde leicht zu navigieren.
In der letzten Zeit wird aber das Murren in der 7000-Einwohner-Gemeinde immer lauter. Denn das Vordach am Hausgleis ist in akuter Gefahr. Die Abbruchfirma stand schon am Bahnsteig, konnte gerade noch von Christian Niedermeier gestoppt werden.
Niedermeier gehört das Bahnhofsgebäude, er hat dort auch seinen Firmensitz. Das Vordach aber, das gehört der Bahn. Die wiederum einen kleinen Teil des Bahnhofsgebäudes von Niedermeier gemietet hat. „Ich hänge zwischen den Stühlen“, sagt Niedermeier.
„Bisher kommen wir
miteinander klar“
„Bisher kommen wir miteinander klar“, beschreibt er sein Verhältnis zur Bahn. Allerdings sei die Kommunikation rund um die Umgestaltung des Hausgleises und dessen Zugangs bisher „schwammig“ gewesen und werde erst jetzt besser. Der Verlust des breiten Vordaches träfe viele Leute, ist Niedermeier sicher: Der Wetterschutz wäre drastisch schlechter. „Selbst wenn der Erler Wind Regen mitbringt, ist man unter dem Dach geschützt“, sagt Niedermeier. Bürgermeister Matthias Jokisch formuliert es fast genauso: „Selbst bei stürmischem Wind ist man da regengeschützt.“
Daniel Hoheneder, Kreisheimatpfleger für die Baudenkmalpflege, findet – wie die anderen auch – „zwei kleine Glashäuschen sind kein Ersatz“. Die Situation für Reisende würde deutlich schlechter als jetzt. Gemeinderat Andreas Kreuz bringt noch einen weiteren Aspekt: „Dieses historische Dach gehört einfach zum Bahnhof, es strahlt einen gewissen Charme aus.“
Dem Bürgermeister war schon bei der Vorstellung des Vorhabens im Gemeinderat klar: „das mit dem Vordach wird nicht einfach“. Denn die Bahn wollte nach seinem Empfinden das Blechdach auf einer Holzkonstruktion loswerden, weil die Sanierung teuer würde. Und weil es für eine Sanierung keine Fördermittel gäbe, weiß wiederum Hoheneder. Der Architekt lebt selbst in Brannenburg und findet das Vorhaben der Bahn „relativ sinnbefreit“. Das Vordach sei in einem guten Zustand, brauche lediglich eine neue Eindeckung. Außerdem ist das Vordach für Hoheneder wichtiger Teil nicht nur des Ortsbildes, sondern auch der Ortsgeschichte, verwoben mit Wendelsteinbahn und Steinbeis-Villa.
Ortstermin mit
allen Beteiligten
Es gab einen Ortstermin mit Bahn-Vertretern, Bürgermeister, Bauamt, Eigentümer und Kreisheimatpfleger; der daraus entstandene Dialog mit der Bahn sei konstruktiv, sind sich Hoheneder und Niedermeier einig. Die Bahn habe zugesichert, die Situation mit dem Vordach zu überdenken, berichtet Hoheneder. Die Bahn prüfe aktuell Optionen, die in aller Sinne seien, sagt Niedermeier, eine Entscheidung stehe demnächst an. Die kann allerdings nicht nur auf der Optik des Bahnhofs gegründet sein.
Das Vordach ist in Teilen so mit dem Bahnhofsgebäude verbunden, dass ein Abriss gar nicht so leicht möglich ist. Weil zum Beispiel die Entwässerung des Bahnhofsdaches zum Teil über das Vordach läuft. „Nach einem Abriss würde es ins Tattoo-Studio reinregnen“, formuliert es Jokisch. Zudem erfüllen laut Niedermeier die Säulen des Vordachs auch eine statische Funktion für das Gebäude, „da bräuchten wir eine massive Dachertüchtigung.“
Und beim von der Bahn angeführten Brandschutz gebe es laut Hoheneder andere Möglichkeiten. Bauliche Probleme hin oder her, den Brannenburgern ist wichtig, welchen ersten – und auch letzten – Eindruck Zugreisende von ihrem Ort haben. „Es kann doch nicht im Sinne der Bahn sein, wenn Reisende in der unattraktiven Unterführung Schutz vor Regen und Hitze suchen, weil es am Bahnsteig keinen gibt“, findet Hoheneder. Und der Bürgermeister? Jokisch ist sicher, dass der Bahnhof ohne Vordach nicht mehr das selbe Gebäude sein wird. „Das Vordach macht ästhetisch schon einen großen Unterschied. Es ist ein ganz anderes ‚Willkommen‘.“