„Immer ein kritischer Geist“

von Redaktion

Er ist eine Institution und aus Bad Aiblings Stadtrat nicht mehr wegzudenken. Richard Lechner sitzt seit fast einem halben Jahrhundert im Gremium. Zu seinem 80. Geburtstag erzählt er, wie alles begann.

Bad Aibling – Richard Lechner ist bekannt als „kritischer Geist“ – und bezeichnet sich auch selbst als solchen. Das kommunalpolitische Urgestein sitzt seit fast einem halben Jahrhundert im Bad Aiblinger Stadtrat und hat so einiges miterlebt. Lechner feiert am heutigen Samstag seinen 80. Geburtstag. Zum Jubiläum hat er mit den OVB-Heimatzeitungen über seinen bewegenden Werdegang gesprochen.

Lechner hat „fünf Bürgermeister erlebt“

„Ich war schon immer politikinteressiert und habe bereits als Kind regelmäßig Zeitung gelesen“, erinnert sich Lechner, der sieben Jahre die Volksschule in Bad Aibling und weitere sieben Jahre das Gymnasium in Freising besucht hatte. Als Jugendlicher habe er sich den Spaß erlaubt, vor Wahlen alle Parteiversammlungen aufzusuchen, erzählt der gebürtige Aiblinger, der bis heute in seinem Elternhaus in der Kurstadt lebt. Nach dem Studium in München – Abschlüsse in Soziologie und Jura – arbeitete er ein paar Jahre bei der Staatsanwaltschaft, ehe er als Amtsrichter für Zivilrecht in Rosenheim und später in Bad Aibling in Erscheinung trat. Bekannt ist Lechner heute den meisten jedoch als Stadtrats-Urgestein. In das Gremium wurde er erstmals im Jahre 1972 gewählt. Mit Ausnahme der Jahre 1992 bis 1996, in dieser Zeit verstarb seine Ehefrau, saß er durchgehend im Stadtrat – bis heute.

In diesen 48 Jahren – zwölf Jahre davon auch im Kreistag – „habe ich fünf Bürgermeister erlebt“, sagt Lechner. Und mit ihnen sei er nicht immer einer Meinung gewesen. Beispielhaft nennt er das damals geplante Industriegelände Kathrein im Weitmoos oder das „überdimensionierte“ Lichtspielhaus. In beiden Fällen war er dagegen und beteiligte sich an Bürgerbegehren und Bürgerentscheiden.

Auch aktuell sei er eingebunden, etwa beim Thema Kurhaus. Was laut Lechner bislang noch nicht öffentlich behandelt wurde, sei glücklicherweise auch schon wieder vom Tisch. Dabei sei es um den Versuch gegangen, die Verantwortung des Veranstaltungsbetriebes von Aib-Kur an die Stadtverwaltung zu übermitteln, was laut Lechner aber nicht geschehen wird.

Eine weitere Herzensangelegenheit: die Jahnsportanlage. „Das Vorhaben, diese zu verkaufen und zu bebauen, konnte ich mit einer Sondersitzung verhindern“, sagt der SPD-Stadtrat.

Und bei allem Einsatz habe sich die Arbeit im Gremium über die Jahre stark gewandelt. „Da fällt mir vor allem die Digitalisierung ein“, sagt Lechner. Diese habe zwar einiges vereinfacht – Unterlagen liegen in aller Ausführlichkeit vor, Baupläne werden an die Wand projiziert. Allerdings machten die Fortschritte die Arbeit auch intensiver. „Früher hatten wir vor den Sitzungen nichts außer der Tagesordnung“, erinnert sich der Fraktionssprecher und Beauftragte des Stadtrats für Rechtsfragen. So sei es vorgekommen, dass der eine oder andere Stadtrat den vom Amtsboten zu Hause zugestellten Umschlag mit den Unterlagen erstmals im Sitzungssaal öffnete.

Heute würde das Gremium die Unterlagen bereits im Vorfeld intensiv studieren, um während der Sitzung bestens vorbereitet zu sein. Das große Pensum führe auch dazu, dass für Lechners Privatleben nicht allzu viel Zeit bleibt. Zumal er für seine Verwandtschaft für die Verwaltung dreier historischer Gebäude zuständig sei.

„Eine schöne, aber auch schwierige Aufgabe“, wie er betont. Trotzdem versucht Lechner, in seiner Freizeit neben der Familie auch den Hobbys Fotografie und Lesen nachzugehen. Doch wie schafft man es mit 80 und fast 50 Jahren Kommunalpolitik in den Knochen eigentlich immer noch, sich zu motivieren? „Ich bin gebürtiger Aiblinger und bin das gerne“, sagt der Vater von zwei Kindern. Er will, dass sich die Stadt weiterentwickelt und die Interessen der Bürger gewahrt werden. Bezahlbarer Wohnraum, das Stadtbild und die Barrierefreiheit seien ihm große Anliegen und motivierten ihn in seinem Amt. Denn wie bei Letzterem gebe es in einigen Bereichen Verbesserungspotenzial. „Ich finde zum Beispiel, dass Stadtplaner eine gewisse Zeit im Rollstuhl verbringen sollten, um die Barrierefreiheit besser berücksichtigen zu können.“

Was Lechner noch immer motiviert

Und dass sein Wort Gewicht hat und seine Meinung gefragt ist, machte das Jahr 2014 deutlich. „Damals habe ich mich vor der Kommunalwahl gefragt, ob ich überhaupt noch weitermachen soll“, erzählt Lechner. Er ließ sich auf dem letzten Listenplatz aufstellen und wurde anschließend auf den ersten Platz gewählt. „Damit hatte ich eine klare Antwort auf meine Frage.“

Richard Lechner, der als Stadtrat seit jeher in der Öffentlichkeit steht, sieht seinen Geburtstag nun als „reine Familienangelegenheit“. So werde er an diesem Wochenende etwas mit seiner Familie unternehmen. „Am Sonntag fahren wir zu meinem alten Schulort nach Freising und ich werde meinen Kindern zeigen, wo ich meine Kindheit verbrachte.“

Bürgermeister Schlier gratuliert

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