Bad Aibling – Vergesslich, orientierungslos oder Probleme mit gewohnten Tätigkeiten: Eine Demenzerkrankung wirbelt den gesamten Alltag durcheinander. Nicht nur den des Erkrankten, sie betrifft die ganze Familie. Professor Dr. Klaus Jahn, Chefarzt an der Schön-Klinik Bad Aibling Harthausen, weiß, wie wichtig es ist, die Angehörigen miteinzubeziehen.
Herr Professor Jahn,
welche Arten von
Demenz gibt es?
Demenz definiert sich durch altersrelevante Defizite im Gedächtnis und in anderen Bereichen, wie räumlicher Orientierung. Alzheimer-Demenz ist eine Form des Oberbegriffs Demenz und mit 75 Prozent die bei Weitem häufigste Erkrankung. Gewisse Nervenzellen, die für das Gedächtnis essenziell sind, altern vorzeitig und verlieren ihre Funktionsfähigkeit. Die Folgen sind Sprach- und Gedächtnisstörungen, der Patient hat Schwierigkeiten, sich räumlich zurechtzufinden. Wir sprechen da von einer sogenannten neurodegenerativen Erkrankung, die die Hirnrinde betrifft.
Die zweithäufigste Form ist die vaskuläre Demenz, die durch viele kleine Durchblutungsstörungen im Gehirn entsteht. Sie spielt sich eher im Inneren des Gehirns ab und betrifft eher die Aufmerksamkeit, der Patient scheint nicht richtig wach und agil zu sein. Es gibt Unterschiede, aber die Einschränkungen im Alltag sind ähnlich.
Von wie vielen
Demenzerkrankten
reden wir?
Circa 1,8 Millionen deutschlandweit und fast 300000 in Bayern – Tendenz steigend. Bei den über 65-Jährigen haben etwa zehn Prozent Gedächtnisprobleme, bei den 85- bis 90-Jährigen sind es schon 50 Prozent und bei den Hochbetagten gehen die Demenzsymptome in das normale Alter über und zählen schon beinah nicht mehr als eigene Erkrankung. In der Regel treten Symptome zwischen dem 55. und 75. Lebensjahr auf, es gibt aber auch Formen, die jüngere Patienten betreffen. Eine Heilung existiert nach wie noch nicht, aber mit geeigneten Therapien kann die Hirnleistung verbessert und der Krankheitsverlauf verlangsamt werden.
Wie sieht die
Behandlung konkret aus?
Zunächst steht die Diagnose im Raum, ob es sich tatsächlich um Alzheimer handelt – mittels MRT, Nervenwasseruntersuchungen, Gedächtnistests und neuropsychologischen Überprüfungen. Neben der medikamentösen Behandlung und individuellen Therapiemöglichkeiten wie Gedächtnis- und Alltagstraining sowie körperlichem Kraft- und Ausdauertraining ist die Unterstützung der Angehörigen ein wichtiger Aspekt für die Patienten.
Stichwort Angehörigenberatung und -unterstützung: Was müssen Angehörige beachten, wenn jemand aus der Familie von dem Krankheitsbild betroffen ist?
Eine solche Erkrankung betrifft immer die ganze Familie und nicht nur den Erkrankten: Es gibt Einschnitte im Alltag, der Weg vom Supermarkt zurück dauert länger als gewohnt, Dinge werden öfter vergessen und verlegt – das alles passiert langsam und schleichend. Von Demenz sprechen wir, wenn Alltagsdefizite überhandnehmen und die Menschen sich in ihrem gewohnten Umfeld nicht mehr zurechtfinden. Das beeinträchtigt natürlich das Familienleben und stellt den bisherigen Alltag in zunehmendem Maße auf den Kopf. Demenz heißt aber nicht, dass das Leben nur noch eine Qual ist und alles den Bach runter geht. Das Leben geht weiter und man muss es sich so einrichten, dass die positiven Dinge überwiegen.
Die da wären?
Oft sind es Erinnerungen an länger zurückliegende Ereignisse, wie Musik anhören, die man früher toll fand, oder gemeinsam Fotos anschauen. Als Angehöriger ist es in erster Linie wichtig, die Krankheit zu verstehen, die Lage zu akzeptieren, sich auf die neue Situation einzulassen und zu überlegen, wie er oder sie unterstützen kann. Man muss damit rechnen, dass die Demenz den Patienten ein Leben lang begleiten wird. Die nötige Ruhe, Geduld und Zeit dafür aufzubringen, ist nicht einfach und selbstverständlich. Gleichzeitig darf man sich selbst nicht vergessen: Angehörige benötigen genügend Erholung, Freiraum und Unterstützung, damit sie die Situation auch selber gut aushalten können, sonst sind am Ende beide unzufrieden. Hier unterstützt unser Alzheimer-Therapiezentrum seit 1999 Familien und Paare mit Demenzkranken.
Wie darf man sich den Aufenthalt im Alzheimer-Therapiezentrum Bad Aibling Harthausen
vorstellen?
Es gibt Appartements für bis zu 18 Paare, die dort drei bis vier Wochen wohnen und gemeinsam die Therapie durchlaufen, um mit der Situation zurechtzukommen. Besonders wichtig ist die Aufklärung: Viele werden ungeduldig, wenn es nicht mehr so klappt wie früher, daher ist es wichtig zu verstehen, wieso das auf einmal so ist. Der Patient kann schließlich nichts dafür. In einer ruhigen und entspannten Atmosphäre können Patienten und Angehörige voneinander lernen, sich mit Gleichgesinnten austauschen und sich mit dem Krankheitsbild arrangieren. Die Therapie- und Beratungsangebote können gemeinsam oder einzeln wahrgenommen werden. Die Erfahrung und die Resonanz haben gezeigt, wie wichtig es ist, die Angehörigen miteinzubeziehen. Die Nachfrage ist extrem hoch, es gibt lange Wartelisten und viel zu wenig Angebote.
Wieso gibt es deutschlandweit zu wenig Angebote, wenn die Nachfrage so hoch ist?
Die Angehörigenversorgung ist nur sehr marginal vorhanden. Dass nicht nur Patienten, sondern auch ihre Angehörigen gemeinsam aufgenommen und betreut werden, ist so im Krankenhaus nicht vorgesehen und vielerorts schwierig zu organisieren, wenn Gesundheitszentren darauf nicht explizit ausgerichtet sind. Letztlich ist das in unserem Gesundheitssystem nicht finanziert und lässt sich daher nur schwer multiplizieren. Der Bedarf wäre sicherlich da – auch für andere Erkrankungen. Deswegen sind wir sehr froh, dass wir seit 25 Jahren die Möglichkeit haben, Patienten und Angehörige für mehrere Wochen aufzunehmen.
interview Marina Birkhof