Bad Aibling – Sie lehnen den Staat ab, leben in ihren eigenen Hoheitsgebieten und geben sich eigene Strukturen: sogenannte Reichsbürger und Selbstverwalter. Doch handelt es sich hierbei um einen harmlosen Irrglauben oder gar um gefährlichen Extremismus? Was die Szene angeht, bleiben für Außenstehende oftmals viele Fragen offen. Denn unklar bleibt meist, was wirklich dahinter steckt, woher diese Ablehnung kommt und was diese Menschen eigentlich erreichen wollen.
Welche Nischen gibt
es überhaupt?
Auch in und um Bad Aibling hat das Thema in gewisser Weise eine Vorgeschichte. So sorgten hier etwa in der Vergangenheit immer wieder Auftritte von vermeintlichen Verschwörungstheoretikern für Aufregung. Damit verbunden immer wieder die Frage: Warum wurde dort überhaupt eine Plattform für etwaige Theorien geboten?
Um generell ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, wird am heutigen Donnerstag Ralf Hermle, Kriminalhauptkommissar bei der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus (BIGE) München, in Bad Aibling zu Gast sein und über das Thema sprechen. Irene Durukan, Vorsitzende des Veranstalters Mut & Courage Bad Aibling, begründet den Anlass des Vortrags auf OVB-Nachfrage rein sachlich: „Uns geht es grundsätzlich darum, zu informieren, zu beleuchten, welche Nischen es überhaupt gibt.“ Immerhin stelle man fest, dass heutzutage vieles einfach so „weggewischt“ werde, mit der Begründung: „Das ist doch nicht so schlimm.“ Um die wirklichen Gefahren der Szene aber unter die Lupe zu nehmen, eigne sich der Experten-Vortrag in Bad Aibling.
Vorab hat das OVB deshalb mit dem Referenten Ralf Hermle (52) gesprochen. Im Interview verrät er, warum Aufklärung so wichtig ist, welche Gefahr die Szene darstellt und was ein Reichsbürger eigentlich ist.
Herr Hermle, wie wichtig ist es heutzutage, mehr über die Reichsbürger-Szene zu wissen?
Es ist wichtig, die Öffentlichkeit über das Thema Reichsbürger zu informieren, da diese Szene in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Die Reichsbürger-Szene ist durch die Ablehnung der BRD und ihrer Institutionen ein potenzielles Risiko für die Stabilität des Staates.
Was genau versteht man unter Reichsbürgern und wie gefährlich sind sie?
Die Bezeichnung Reichsbürger umfasst Gruppierungen und Einzelpersonen, die aus unterschiedlichen Motiven und mit verschiedenen Begründungen die Existenz der BRD und deren Rechtssystem ablehnen.
Welche Menschen gehören dieser Szene an?
Die Reichsbürgerideologie ist insgesamt geeignet, Personen in ein geschlossenes verschwörungstheoretisches Weltbild zu verstricken, in dem Staatsverdrossenheit zu Staatshass werden kann. Dies kann zur Grundlage für Radikalisierungsprozesse bis hin zur Gewaltanwendung werden.
Welche Altersgruppen trifft man in dieser Szene verstärkt an?
Bei der Reichsbürger-Szene handelt es sich um eine heterogene Gruppe, jedoch liegt der Schwerpunkt der Szene im Alterssegment der 40- bis 70-Jährigen.
Was möchten Sie bei Ihren Vorträgen den Menschen vor allem mit auf den Weg geben?
Ich möchte ein Bewusstsein für die Gefahren der Reichsbürger-Szene vermitteln und ermutigen, sich kritisch mit diesen Ideen auseinanderzusetzen.
Interview: Nicolas Bettinger