Bad Aibling – Tausendsassa? Alleskönner? Josef Brustmann zu beschreiben und ihn auf eine Fähigkeit zu reduzieren, ist kaum möglich und fällt sogar ihm persönlich schwer. Der im Dezember 1954 geborene Musiker, Kabarettist, Schauspieler, ehemalige Lehrer und lebensfrohe Familienmensch, der in der Nähe von Wolfratshausen lebt, hat schon so einiges ausprobiert. Und irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass alles, was er anpackt, auch zu einem guten Ergebnis führen kann.
Denn während ihn viele seiner Anhänger für die beherzte bayerische Musik oder seine bunten Kabarett-Programme schätzen, wofür er zahlreiche Preise einheimste – etwa den Deutschen Kabarettpreis –, hat er seine Bandbreite inzwischen um eine weitere Kunstform erweitert.
Josef Brustmann ist unter die Schriftsteller gegangen – wenngleich er sich selbst, mit aller Bescheidenheit, nach nur einem Buch so nicht bezeichnen würde. Mit seinem ersten Werk „Jeder ist wer“ arbeitet er autobiografisch die teils dramatische Geschichte seiner Familie auf. Und die durchwegs positiven Kritiken (Selge, Heidenreich, Krüger) geben ihm nun auch als Autor recht.
Anlässlich der Aiblinger Literaturtage kommt der 69-Jährige am morgigen Freitag mit seinem Buch in die Stadtbücherei. Mit dem OVB hat er vorab über seinen beeindruckenden Werdegang gesprochen und verraten, was ihn mit der Region verbindet und wie viel Lehrer noch in ihm steckt.
Herr Brustmann, wie kommt es, dass Sie bei all ihren Talenten nun auch noch das Schreiben für sich entdeckt haben?
Ich war immer ein Wanderer und es ist schön zu beobachten, dass diese Wanderung offensichtlich nicht aufhört. Ich habe Musik studiert, war zehn Jahre Musiklehrer, spiele viele Instrumente, habe irgendwann mit Kabarett angefangen, Gedichte geschrieben. Während der Corona-Zeit habe ich dann mein erstes Buch geschrieben. Die Lust war immer da, die Zeit fehlte jedoch meist. Und als ich während der Pandemie keine Auftritte hatte, kam ich zum Schreiben. Ich schreibe schon seit Langem Gedichte. Wie ich mit der Sprache für längere Textstrukturen umgehen kann, wusste ich jedoch nicht. In meinem Leben habe ich immer viel ausprobiert. Ich bin wie ein Schmetterling, der kurzatmig mal hier und mal dort hinfliegt.
Und wie kam die inhaltliche Idee zu dem autobiografischen Werk“?
Auslöser war der Moment, als ich nach einem Auftritt in Hamburg bei Regen im Auto saß und über meine beiden Großväter, die sich tragischerweise beide das Leben genommen hatten, nachdachte. Ich schrieb in mein Notizbüchlein und bin nach Stunden mit Schüttelfrost und tränenüberströmt wieder zu mir gekommen und habe gemerkt, wie es aus mir herausströmt, wie der Bleistift von alleine saust.
Was thematisieren Sie in Ihrem Buch?
Es geht um die Geschichte meiner Familie und darum, wie man bestimmte Gestalten, die womöglich tabuisiert wurden, wieder in den Familien-Kreis einbinden kann. So ist das jetzt viele Jahre später etwa mit meinen Großvätern passiert, was eine sehr schöne und bewegende Erfahrung war. Das Buch ist auch eine Wanderung nach innen. Im Kern geht es jedoch um das zunächst sehr schwierige Verhältnis zwischen meinem Vater und mir.
Warum hatten Sie ein solch schwieriges Verhältnis?
Es war sehr schwer, da ich lange auf eine liebevolle Geste, einen Satz oder eine Berührung meines Vaters gewartet hatte. Mein Vater hat den Krieg erlebt, hat zwei Kinder verloren. Er hatte mit vielem zu kämpfen und deshalb musste ich vermutlich auch so lange auf ein liebevolles Zeichen warten. Aber ich habe es schließlich erhalten und wir haben die letzten zehn Jahre seines Lebens zueinander gefunden.
Man kennt Sie als lebensfrohen Künstler. Ist das Buch so ernst, wie es sich anhört?
Wie in vielen anderen Familien passieren Schicksalsschläge, weshalb „Jeder ist wer“ auch eine tiefe, melancholische Seite hat. Aber es ist durchaus auch hell und der Humor wird nicht ausgespart. Es ist ein Buch, das das Leben feiert, aber den Tod nicht außer Acht lässt.
Sie gehen als Schriftsteller auf, was auch der Erfolg (ausgezeichnet mit dem Bayerischen Poetentaler) zeigt. Müssen Ihre Anhänger künftig um Ihre Kabarett- und Musikauftritte fürchten?
Nein, sicher nicht. Aber das Schreiben möchte ich auch nicht mehr hergeben. Mein großes Glück ist, dass ich nicht schreiben muss. Ich lebe vom Kabarett und von der Musik und es ist für mich ein Luxus, auch noch schreiben zu können. Das unterscheidet mich sicherlich von einigen Schriftstellern, die gezwungenermaßen schreiben müssen und dadurch womöglich auch mit Schreibblockaden zu kämpfen haben.
Ist denn schon ein weiteres Buch in Planung und wenn ja, worum geht es?
Tatsächlich arbeite ich schon an meinem zweiten Buch. Und ehrlich gesagt bin ich gespannt, ob es wieder so sprudeln wird, denn die Messlatte hängt nun natürlich höher. Ich kann allerdings noch nicht verraten, worum es handeln wird.
Morgen kommen Sie nach Bad Aibling. Was verbinden Sie mit der Kurstadt und der Region?
In Bad Aibling war ich schon häufiger zu Auftritten. Früher, vor 50 Jahren, war ich hier sogar mit meinen Brüdern zum Volksfesttanzen. Ansonsten komme ich gerne in die Region, etwa um zum Chiemsee zu gehen. Kürzlich war ich auch in Rosenheim bei einer Ausstellung.
Was erwartet die Besucher am Freitag in der Aiblinger Stadtbücherei?
Im Vergleich zu Kabarett-Auftritten entsteht bei einer solchen Lesung eine ganz andere Spannung. Und ich lese wahnsinnig gerne. Neben den Textpassagen werde ich zur Auflockerung auch singen und habe meine Zither dabei. Das geht dann vom Kopf in Richtung Herzgegend.
Und das Besondere für mich: Das Lesen fühlt sich so leicht an, sodass ich danach keinerlei Energie verloren habe. Im Gegenteil.
Im Gespräch wirken Sie offen, freundlich und nicht gerade belehrend. Wie viel Lehrer steckt dennoch noch in Ihnen?
(lacht) Ich war zehn Jahre lang Lehrer und das war eine schöne Zeit. Noch heute kommen immer wieder ehemalige Schüler zu meinen Programmen. Als Lehrer lernt man in gewisser Weise vor einem Publikum zu stehen, immer wieder neu, interessant, überraschend und auch witzig zu sein. Das ist schon eine Herausforderung und ich habe aus dieser Zeit sehr viel für die Bühne gelernt. Mir hilft es noch heute, denn ich kann die Stimmung in einem Saal sehr gut lesen und darauf reagieren – wie man es auch im Lehrerberuf braucht.
Interview: Nicolas Bettinger