Bad Aibling – Die Veranstaltung ist fast vorbei, als ein junger Bub die Hand hebt und für einen bewegenden Moment sorgt. „Hast du damals auch an Selbstmord gedacht?“, fragt er und lässt Lijana Kaggwa kurz nachdenken, ehe sie antwortet: „Ja, ich hatte auch Selbstmordgedanken – obwohl ich ein lebensfroher Mensch bin.“ Die Kasselerin Kaggwa, bekannt als Model und Influencerin, steht auf der Bühne der St. Georg Grund- und Mittelschule und spricht vor rund 150 Schülern über Mobbing und Cybermobbing. Seit Längerem tourt sie unter anderem durch Schulen, hat das Buch „Du verdienst den Tod“ geschrieben und den Verein „Love always wins“ gegründet.
Wegen Mobbing aus
Show ausgestiegen
Nun kam sie auch an die Aiblinger Schule, wo Rektorin Kathrin Baumeister betonte, dass bundesweit jeder fünfte Schüler bereits Opfer von Cybermobbing geworden sei. Umso wichtiger sei es, junge Menschen darüber zu informieren. Dass eine prominente Persönlichkeit den Schülern von den eigenen Erfahrungen der Demütigung im Netz erzählt, hatte der Aiblinger Verein „Mut und Courage“ mit der Vorsitzenden Irene Durukan möglich gemacht. Anlässlich des internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen hatte er kürzlich verschiedene Veranstaltungen organisiert. Nun bekamen die Schüler nicht nur wertvolle Tipps, sondern auch überraschend tiefe Einblicke in eine international bekannte TV-Show.
Denn Lijana Kaggwa erlangte 2020 große Bekanntheit, als sie im Finale der Pro-Sieben-Show „Germany‘s Next Topmodel“ vor die Jury trat und völlig überraschend ihren Ausstieg erklärte. „Ich werde nicht mehr das Futter sein für mehr Hass“, sagte sie damals während der Live-Übertragung zu Heidi Klum und Co. und bezog sich etwa auf Morddrohungen, die sie und ihre Familie in den Wochen zuvor erhalten hatten. Während der Topmodel-Staffel polarisierte die Frau und erntete vor allem in den sozialen Netzwerken herbe Kritik und Anfeindungen.
Nun stellte die 28-Jährige vor den Grund- und Mittelschülern die TV-Show als knallharte Geldmaschine dar, in der es vor allem um Entertainment und Werbeeinnahmen und weniger um das Fördern echter Model-Talente gehe. „Ich habe die Sendung schon als Kind gesehen und 15 Jahre lang davon geträumt“, blickt Kaggwa zurück. Schließlich habe sich ihre Teilnahme dann jedoch vom Traum in einen Albtraum verwandelt.
So berichtet sie von Manipulationen während der Drehs, bei denen etwa ausgesuchten Kandidatinnen vor ihrem Auftritt die Füße eingecremt worden seien, wodurch sie auf dem Laufsteg unsicher wirkten und teils den Halt verloren hätten. Zudem seien durch geschickte Schnitte und selektive Szenenauswahl ganz spezielle Rollenbilder inszeniert worden. „Für mich haben sie die Rolle der Zicke ausgesucht, dabei hatten wir Mädels ohne das Eingreifen der vielen Redakteure eigentlich gar keine Probleme miteinander“, erzählt Kaggwa.
„Teil einer lukrativen
Traumfabrik“
Sie berichtet von Momenten, „in denen man sich vorm Designer bis auf die Unterwäsche ausziehen musste“ und von bloßer Überforderung, „nachdem mir plötzlich überall Kameras am Arsch klebten“. Sie sei auf einmal „Teil einer lukrativen Traumfabrik“ gewesen. Die Villa, in der alle aussichtsreichen Kandidatinnen untergebracht wurden, hätten sie alleine nicht verlassen dürfen, „wir durften nicht mal Radio hören und waren von der Außenwelt abgeschnitten“. Die Produzenten wüssten ganz genau, was die Zuschauer sehen wollen und wie man diese auch über lange Werbeblöcke hinweg an den TV-Bildschirmen halten könne, stellt Kaggwa klar. „Und natürlich überlassen sie das nicht einfach den Kandidatinnen.“
Da alle Kandidatinnen über Monate hinweg ihr Handy abgeben mussten, hätten sie nicht gemerkt, was die TV-Ausstrahlungen samt der Inszenierungen in der Öffentlichkeit auslösten. „Ich habe noch nie einen so ekelhaften Menschen wie dich gesehen“, liest Kaggwa einen der ersten Kommentare in den sozialen Medien vor, den sie über sich entdeckte, als sie ihr Smartphone zurückbekommen hatte. Die Äußerungen bei Facebook, Instagram und Co. seien immer heftiger geworden und mündeten schließlich in Morddrohungen und der öffentlichen Nennung ihrer Privatadresse. „Da habe ich gemerkt, dass es sich nicht nur um leere Worthülsen von Fremden handelt, sondern dass der Hass auch in meinem direkten Umfeld sein muss“, sagt die Influencerin. Sie hätte fortan unter Selbstzweifeln, Isolation und psychischen Probleme gelitten und die Schuld mehr und mehr bei sich selbst gesucht. Erst als ein Giftköder, der für ihren Hund bestimmt war, im Garten auftauchte, entschloss sich Kaggwa zu handeln, erzählt sie. Sie kooperierte mit professionellen Organisationen und schrieb sich schließlich selbst auf die Fahne, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.
„Jeder Einzelne
ist wertvoll!“
Und vor den interessierten Aiblinger Schülern war ihr eine Botschaft besonders wichtig: „Jeder Einzelne ist wertvoll! Gebt niemals jemand anderem die Macht, zu entscheiden, wer ihr seid und wie wertvoll ihr seid.“
Kaggwa machte deutlich, dass ein Großteil der Schüler bereits Teil von Cybermobbing geworden sei. Denn: „Neben dem Verursacher und dem Betroffenen sind auch die zuschauenden Personen Teil vom Mobbing.“ Sowohl online als auch in der Realität. Sie ermutigte die Kinder und Jugendlichen deshalb, couragiert und laut zu sein, um sich für andere einzusetzen. Einige Schüler erklärten später, selbst bereits Erfahrungen gemacht zu haben, wenn auch oftmals nur als Beobachter. Deren Fragen, etwa wie man reagieren sollte, wenn man sich unsicher ist, ob in einer Situation wirklich Cybermobbing passiert, beantwortete Kaggwa offen und riet beispielsweise, sich Freunden, Eltern oder auch professionellen Organisationen wie Juuuport, klicksafe, der Nummer gegen Kummer oder dem Bündnis gegen Cybermobbing anzuvertrauen.
Bei aller Ernsthaftigkeit ließ Kaggwa am Ende ihres Auftritts noch eine muntere Fragestunde mit den Schülern zu. „Hast Du schon mal Eminem getroffen?“ oder „hast Du die Handynummer von Heidi Klum?“ wollten einige Kinder wissen. Klum hatte im Übrigen bereits vor einigen Jahren auf Lijana Kaggwas Vorwürfe reagiert und die Anschuldigungen zurückgewiesen.
Hinweis: Hilfe bei
Lebenskrisen
Generell berichtet der Mangfall-Bote nicht rund um das Thema Suizid, damit mögliche Nachahmer nicht ermutigt werden. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere Aufmerksamkeit erfahren.
Akute Hilfe bei einer existenziellen Lebenskrise oder auch bei Depressionen bietet die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800/ 1110111. Ansprechpartner in Notsituationen ist auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter Telefon 0180/ 6553000. Weitere Informationen sind auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de zu finden.