Wenn Helfer Hilfe brauchen

von Redaktion

Die tödliche Unfallserie vom vergangenen Sonntag setzt auch Feuerwehrlern mental zu

Bernau/Rosenheim/Landkreis – Sie sind Tag und Nacht im Einsatz. Helfen Menschen in Not. Wenn Unfälle passieren, sind Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr zur Stelle. Doch manche Ereignisse sind auch für sie eine große Belastung. Erst am vergangenen Sonntagmorgen haben sich gleich drei schreckliche Unfälle in der Region ereignet, bei denen auch Menschen ums Leben gekommen sind. So eine 55-jährige Geisterfahrerin auf der A8 bei Bernau, ein 54-Jähriger aus Bad Aibling, der in Pang bei Rosenheim gegen einen Baum geprallt ist, und ein 47-Jähriger bei Traunreut.

Dort war ein anderer Autofahrer auf die Gegenspur geraten und mit dem Auto des 47-Jährigen kollidiert. Auch er starb.

Wie gehen Einsatzkräfte mit solchen Situationen um? Zwar werden sie hierauf mit Lehrgängen und Präventionsarbeit vorbereitet, dennoch sind sie alle „nur Menschen“. Und manche Bilder, Geräusche oder andere Wahrnehmungen können zur seelischen Last werden. Ist das der Fall, hilft unter anderem die Polizeiseelsorge. Einsatzkräften und Mitarbeitenden von Rettungsorganisationen wie dem BRK steht die Psychosoziale Notfallversorgung als Anlaufstelle zur Verfügung. Ein solches Angebot gibt es aber auch für Feuerwehren.

So zum Beispiel die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) der Feuerwehren von Stadt und Landkreis Rosenheim. Kreisbrandinspektor und Sprecher dieser Gruppe, Franz Hochhäuser, berichtet im Interview mit der Chiemgau-Zeitung über diese Arbeit.

Herr Hochhäuser, wer steckt denn genau hinter der PSNV-E?

Hochhäuser: Das sind alles Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren, die in Stadt und Landkreis Rosenheim tätig sind. Sie werden dafür in der Feuerwehrschule Geretsried speziell geschult. Diese Ausbildung ist dabei in fünf Stufen unterteilt. Jede dauert eine Woche. Die Grundausbildung ist 14 Tage, da ist dann auch ein Aufbaulehrgang dabei. Da lernt man, wie man auf Leute zugeht und mit ihnen reden muss.

Und dann sind sie auf die Arbeit umfassend vorbereitet. Läuft das alles ehrenamtlich?

Ja. Das sind alles Ehrenamtliche, die sich für diese Arbeit interessieren und dann für die eigenen Kameraden als Ansprechpartner da sind.

Wie schaut diese Arbeit aus? Kommen Sie direkt zum Einsatzort oder helfen Sie erst danach?

Je nachdem, was der Einsatzleiter anfordert. Wir werden über die Integrierte Leitstelle (ILS) Rosenheim alarmiert. In unserer Gruppe sind 30 Mitglieder und wir haben eine Führungsgruppe mit sieben Personen. Diese setzt sich dann mit der ILS in Verbindung und klärt die Einzelheiten, damit sie danach ausreichend Kräfte zum Einsatzort oder dem Feuerwehrhaus schicken kann.

Dort folgt die Präventionsarbeit. Was wird da genau gemacht?

Da haben wir ein festes Ablaufschema. Wir weisen zum Beispiel im Feuerwehrhaus die Anwesenden darauf hin, dass alles, was in dem Raum besprochen wird, auch in dem Raum bleibt. Dieses Trauen und Vertrauen ist sehr wichtig für die weitere Arbeit. Dann stellen wir uns gegenseitig vor, die Kameraden erklären uns ihre Aufgabe am Einsatzort und schildern ihre Eindrücke, ihre Gedanken und Emotionen. Im Anschluss wird das normalisiert. Also, wir erklären ihnen, was es mit den Reaktionen auf sich hat.

Zum Beispiel, wenn jemand sagt, die Bilder oder Gerüche kommen immer wieder. Dann sagen wir ihm auch, dass das jetzt am Anfang ganz normal ist, aber innerhalb von 14 Tagen sollte das abflachen. Und dann bieten wir eine Perspektive, um sie aus diesem Tal raus zu holen. Das kann Sport sein, Unternehmungen mit dem Partner oder der Partnerin oder auch andere Aktivitäten. Hauptsache es tut ihnen gut und sie können die Sache leichter verarbeiten.

Jeder Mensch tickt ja anders. Worauf kommt es dann bei den Gesprächen besonders an?

Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen wissen, jemand ist da für sie und hört ihnen zu. Oft hilft es, wenn wir erst mal nur schweigen. Andere Male möchte jemand nicht reden, dann ist es umso wichtiger, dass wir da sind. Und wenn die Feuerwehrler nicht in der Gruppe sprechen wollen, dann stehen wir natürlich auch für Einzelgespräche zur Verfügung. Wir möchten ja auch niemanden bloßstellen.

Sie haben vorhin schon gesagt: Nach 14 Tagen sollte es Betroffenen wieder besser gehen. Was, wenn das aber nicht der Fall ist?

Wir sind dafür da, die Leute im ersten Moment aufzufangen und zu verhindern, dass Kameraden im weiteren Verlauf erkranken. Aber wenn das nicht geht, verweisen wir sie an therapeutische Fachkräfte.

Interview: Manuel Hinmüller

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