Bad Aibling – Beim Rückblick auf Bad Aibling vor 50 Jahren fällt als bedeutsames kommunalpolitisches Ereignis im Jahr 1974 die Bürgermeisterwahl verbunden mit einem Amtswechsel an der Spitze des Rathauses ins Auge.
Bei dieser Wahl hatten die Bürger zwischen zwei Kandidaten zu entscheiden. Die SPD schickte mit Hans Falter den Amtsinhaber ins Rennen, die CSU setzte wieder auf Sepp Riedl, Kreiskämmerer und Zweiter Bürgermeister. Hatte 1968 bei der gleichen personellen Konstellation noch Hans Falter knapp mit 50 Stimmen die Nase vorn, so setzte sich nunmehr Sepp Riedl mit einem Vorsprung von 343 Stimmen durch.
Eine Kampfabstimmung gab es dann auch bei der Wahl des neuen Zweiten Bürgermeisters im Stadtrat. Hier gewann Stadtrat Anton Müller (CSU) mit 11:6 Stimmen bei zwei Enthaltungen gegen Sepp Attenberger (SPD). Die SPD war darob ziemlich sauer, hatte man doch bisher unter den SPD-Bürgermeistern Max und Hans Falter immer einen Vertreter der CSU als Zweiten Bürgermeister akzeptiert.
Aber nicht nur die Person des Bürgermeisters ist neu im kommunalpolitischen Leben des Jahres 1974. Zum Jahresbeginn tritt mit Paul Modi auch ein neuer Kurdirektor sein Amt an. Gekommen war Modi von der Kur- und Badeverwaltung Bad Herrenalb im Schwarzwald. In seine Amtszeit wird mit 20800 Kurgästen und 600000 Übernachtungen das historisch beste Jahr in Aiblings Kur-Leben fallen.
Im Februar zeigt der Stadtrat der Nachbargemeinde Kolbermoor kalte Schultern. Deren Plan, in Pullach eine Trabantenstadt zu errichten, erscheint nicht ausgegoren und lässt negative Auswirkungen auf den Kurbetrieb befürchten. Das Projekt wird den Stadtrat noch mehrfach beschäftigen.
Im März bringt der Stadtrat die Erweiterung des Klärwerks bei geschätzten Kosten von 8,5 Millionen D-Mark auf den Weg. Der Monat April sieht neue Ehrenträger: Mit der goldenen Ehrennadel werden Heinrich Fortner, Schäfflermeister, Helmuth Gastel, Journalist, und Josef Seider, vormals Vorstand des TuS Bad Aibling, ausgezeichnet. Beim Postamt, das es damals noch gab, wird Wilhelm Weiß, bekannt auch als Musiker, in den Ruhestand verabschiedet.
Im Mai wird der Stadtrat über die Pläne der Bundeswehr, für die Hawk-Raketenstellung in Lampferding eine Kaserne in Bad Aibling zu errichten, informiert. Im August wird Bad Aibling als dritte Stadt in der Region an die Gasversorgung Oberbayern angeschlossen. Gas erschien damals als in besonderem Maße umweltfreundlich und deshalb als Zukunftstechnologie.
Im Oktober ist der 1973 begonnene Bau des Gymnasiums fertiggestellt. Der Bau, der zunächst auch die Wirtschaftsschule Alpenland aufnahm, kostete insgesamt 19,5 Millionen D-Mark. Stadtrat Dr. Hans-Karl Blombach legt aus beruflichen Gründen sein Mandat, das er seit 1948 innehatte, nieder.
Ende Oktober werden die Bürger nochmals zur Wahlurne gerufen. Bei der Landtagswahl treten im Stimmkreis Rosenheim-West der Landwirt Sepp Heiler (CSU) aus Elendskirchen und der Aiblinger Baukaufmann Max Falter (SPD) an. Es obsiegt erwartungsgemäß Sepp Heiler, die SPD erreicht mit 30,02 Prozent bei den Zweitstimmen insbesondere aus heutiger Sicht ein „Traumergebnis“. Zum Jahresende stimmen Stadtrat und Kreistag einer Übernahme des städtischen Krankenhauses durch den Landkreis Rosenheim zu.
Auch gesellschaftlich
war eine Menge los
Auftakt im gesellschaftlichen Leben der Stadt war der Krönungsball im Kurhaus. Prinz Michael I. und Prinzessin Margit I., im bürgerlichen Leben Michael Niggl und Margit Lang, wurden von Gildepräsident Harry Hüttig in ihr närrisches Amt eingeführt. Annähernd 50 Festwagen, sechs Musikkapellen, Hunderte von Einzelmasken, Dutzende von Fußgängergruppen und an die 15000 Zuschauer sorgen beim Faschingszug für ausgelassene Stimmung in der Stadt.
Ein Kuriosum sieht der Monat April. Nach Mitternacht wird der Maibaum aus der verschlossenen Ausstellungshalle „gestohlen“. Die beiden Bewacher, Helmut Waldner und Konrad Gartmeier, die Vorsitzenden der Aiblinger Trachtenvereine, saßen derweil gemütlich in einem Café.
Zum 25-jährigen Bestehen des Schachclubs Bad Aibling findet der Schachländerkampf Holland-Deutschland statt. Einen Höhepunkt erlebt das Veranstaltungsprogramm im Mai. Beim Schauspiel „Vater einer Tochter“ gastieren Karel Schönböck und Uschi Glas.
Ende Juni erschüttert ein tragischer Unglücksfall die Stadt. Eine 74-jährige Frau kommt damals bei einem durch ein überhitztes Heizkissen ausgelösten Brand zusammen mit ihrem Hund ums Leben.
Ein 25-jähriges Jubiläum können auch der Kulturbund, jetzt die Volkshochschule, und die Gemeinnützige Baugenossenschaft Mitte des Jahres feiern. Am Sportplatz an der Jahnstraße wird im August eine Kunststoffbahnanlage im Rahmen eines Sportfestes eingeweiht. 300 Athleten und 700 Zuschauer waren gekommen, eine Kunststoffbahn war damals halt noch etwas Besonderes.
Festlich endet das öffentliche Leben im Jahr 1974. Im Rahmen einer Ehrensitzung werden der ehemalige Bürgermeister Hans Falter und der langjährige Stadt- und Kreisrat Hans-Karl Blombach mit dem Goldenen Ehrenring der Stadt ausgezeichnet.