Liebes-Tipps einer Expertin

von Redaktion

Interview Paarberaterin Melanie Mittermaier über Fremdgehen und Sex-Fantasien

Bad Aibling – „Oh Gott, stimmt etwas nicht mit mir?“, hatte sich Melanie Mittermaier in dem Moment gefragt, als sie sich plötzlich Hals über Kopf in einen anderen Mann verliebte. Denn eigentlich war die Bad Aiblingerin glücklich in ihrer langjährigen Beziehung – als verheiratete Mama von zwei Kindern. Und auch als das Thema Sex – „zu oft, zu wenig“ – zum Zentrum vieler Konflikte wurde und zu nächtelangen Streitereien führte, ging daraus letztlich eine noch stabilere Ehe hervor, sagt sie.

Trotzdem, erzählt die heute 51-Jährige, trat irgendwann eine alte Jugendliebe wieder in ihr Leben und warf sie völlig aus der Bahn. Warum ein solches Fremdverlieben ganz normal sein kann, wieso Fremdgehen nicht das Ende einer Beziehung bedeuten muss und wie sie anderen beim Umgang mit diesen Themen helfen will, erzählt die Paarberaterin und Affärenmanagerin Melanie Mittermaier im OVB-Gespräch.

Frau Mittermaier, wieso wurde aus Ihren persönlichen Erfahrungen eine berufliche Mission?

Als ich mich nach zehn Jahren Ehe fremdverliebt habe, steckte ich in einem persönlichen Umbruch, die Kinder waren aus dem Gröbsten raus und ich habe mich nicht mehr nur als Mama wahrgenommen. Ich bin zum Beispiel abends wieder mehr weggegangen. Das Fremdverlieben war dann ein krasser Aha-Moment und ich habe mich natürlich gefragt, ob ich ein schlechter Mensch bin oder ob an unserer Beziehung etwas nicht stimmt.

Dem war aber nicht so?

In meiner Ausbildung zur Paarberaterin hatte ich über das Thema kaum etwas gelernt und fing deshalb an, zu recherchieren. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass es zahlreiche Menschen bewegt und dass das auch in glücklichen Beziehungen passieren kann. Das wollte ich auch beruflich unbedingt aufgreifen, um Betroffenen zu zeigen, wie man damit umgehen kann.

Welchen Umgang haben Sie persönlich gefunden?

Ich habe meinem Mann davon erzählt und hatte großes Glück, dass er sehr offen und interessiert damit umgegangen ist. Zum Beispiel habe ich mich erst mal vorsichtig herangetastet und gefragt: „Hättest Du nicht auch mal Lust, mit anderen Sex zu haben?“ Ich wollte ihn ja auch auf keinen Fall verlassen. Trotzdem hatte ich durch das Fremdverlieben sexuelle Fantasien, die ich dann mit meinem Mann ausgelebt habe, wovon er wiederum profitiert hat. Dadurch, dass ich mich ihm anvertraut habe, konnte ich mich noch mal frisch in ihn verlieben und es hat unsere Beziehung auf eine neue Ebene gehoben.

Und wie ging es weiter?

Der Versuch, eine offene Beziehung zu führen, hat sich letztlich für uns nicht als die richtige Lösung herausgestellt. Aber wir sind generell viel lockerer geworden und wenn ihm oder mir jetzt eine „Möglichkeit“ über den Weg laufen würde, sich mal anderweitig auszuleben, wäre das kein Problem und natürlich nicht das Aus unserer Beziehung.

Sagt ein Seitensprung oder gar eine Affäre also gar nicht zwingend etwas Schlechtes über eine Beziehung aus?

Zunächst mal kann Fremdverlieben oder Fremdgehen ein Weckruf sein und es muss überhaupt nicht das zwingende Aus bedeuten. Das Wichtigste ist, Klarheit für sich und seine Beziehung zu schaffen. Und dabei kann die Verarbeitung eines solchen Erlebnisses durchaus helfen. In meinen Beratungen gibt es natürlich Fälle, in denen es besser ist, die Beziehung zu beenden. Aber viele kommen trotz Affäre zu mir, um damit umzugehen und um die Beziehung zu retten. Man sollte sich auch klarmachen, dass es in einer langjährigen Beziehung völlig normal sein kann, dass man nicht jeden Tag übereinander herfällt und ständig miteinander schlafen will. Der Reiz oder die Erotik entsteht ja oftmals im Unbekannten, im Gefährlichen. Und da gibt einem eine mögliche Affäre auch einen Kick.

Ist die Gesellschaft in Ihren Augen zu verklemmt, um solche Gedanken zu akzeptieren?

Aus einem solchen Thema nicht gleich das größte Drama zu machen, würde zumindest vielen Menschen das Leben deutlich leichter machen. Ich sehe es heutzutage ja schon bei vielen jungen Leuten, die sehr engstirnig und konservativ auf Beziehungsformen blicken. Da sind schon manche Freundschaften des Partners ein Problem und führen zu Eifersucht und Konflikten. Viele Menschen glauben etwa nicht, dass eine offene Beziehung funktionieren kann, sie stoßen jedoch bei der Monogamie auch an ihre Grenzen. Ich glaube, dass die Erwartungen an die klassische Beziehung oftmals krass überladen sind.

Warum ist die Monogamie dennoch die gesellschaftlich anerkannteste Beziehungsform?

Weil sie für die meisten Menschen die einfachste Form ist. Sie suchen darin vor allem Sicherheit. Offene Beziehungen erfordern hingegen eine ganz andere Auseinandersetzung mit Themen wie Eifersucht, Vertrauen oder Verletzungen. Ich glaube aber, dass Verletzungen in langjährigen Beziehungen auch normal sind. Mich stört das öffentliche Idealbild einer Beziehung, das einem auch durch Hollywood und Disney überall aufgezwungen wird. Das heißt aber natürlich nicht, dass für jeden Menschen eine offene Beziehung das Richtige ist.

Das Thema Fremdgehen ist vielerorts ein absolutes Tabu. Was raten Sie Menschen, die dennoch mit Affären in Berührung kommen?

Ich kann niemandem raten, fremdzugehen oder nicht. Jeder muss selber mit den Konsequenzen leben, was natürlich auch von Aspekten wie eigenen Kindern oder der finanziellen Situation beziehungsweise der Abhängigkeit in einer Beziehung abhängt. Idealerweise sollte man innerhalb einer Partnerschaft darüber sprechen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Das ist aber freilich oft nicht machbar. Denn da ist ein neuer Kollege, schnell sind da etliche Whatsapp-Nachrichten und schon steckt man in einer Affäre. Kaum jemand geht davon aus, in einer Beziehung mal betrogen zu werden oder selbst zu betrügen. Alleine die Scheidungsrate in Deutschland spricht aber eine andere Sprache.

Doch eine Affäre kann auch eine Chance bieten?

Viele Paare, die zu meinen Beratungen kommen, hätten sich die Erfahrungen mit den Affären zwar immer noch gerne erspart und sind dafür nicht wirklich dankbar. Allerdings wären viele Beziehungen ohne diese Erlebnisse heute nicht an dem Punkt, an den es viele geschafft haben. Die Betroffenen haben die Affäre als Weckruf gesehen und haben neu an der eigenen Beziehung gearbeitet.

Welche Reaktionen bekommen Sie eigentlich aus Ihrem Umfeld, wenn Sie über Ihre Arbeit mit einem solch tabuisierten Thema sprechen?

Mein Familien- und Freundeskreis findet das, was ich mache, in großen Teilen spannend. Darüber hinaus erfahre ich natürlich auch Unverständnis und gerade in den sozialen Medien gibt es immer mal wieder Shitstorms, ich habe sogar schon Morddrohungen erhalten, nach dem Motto: „Warum hast Du meine Frau dazu gebracht, fremdzugehen?“ Doch das ist gar nicht meine Absicht. Es geht letztlich immer darum, den eigenen inneren Frieden zu finden. Dabei möchte ich meinen Klienten helfen.

Wichtig ist mir, zu vermitteln, dass nicht jede Krise gleich ein Weltuntergang sein muss und dass der Umgang damit eine Beziehung letztlich noch lebendiger und spannender machen kann. Ich weiß, wovon ich spreche, habe selbst genug Krisen erlebt und Scherbenhaufen hinterlassen. Trotzdem führe ich heute immer noch eine sehr glückliche Beziehung mit meinem Mann.

Interview: Nicolas Bettinger

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