Lampferdinger auf Spurensuche

von Redaktion

Thomas Stelzer bringt Heimatbuch der besonderen Art heraus – Erste Auflage schon ausverkauft

Lampferding Gesammelt hat er schon immer alles gern, was mit der Gemeinde Lampferding zu tun hat – alte Bilder, Landkarten, Dokumente und vor allem Zeitungsberichte. Hier hatten besonders die „Dorfskizzenblätter“ der Künstlerin Gertruda Gruber im Mangfall-Boten das Interesse des kleinen Thomas Stelzer geweckt. „Mit der Zeitung habe ich das Lesen gelernt“, erinnert er sich an die Zeit, als er seinem Vater bei der Lektüre über die Schulter blickte.

Anlass war fehlender
Eintrag in der Chronik

Mit dem Mangfall-Boten verbindet den Lampferdinger auch seine rund 20 Jahre währende Tätigkeit als freier Mitarbeiter unter dem Kürzel „tst“, durch die er selbst das Zeitgeschehen dokumentiert. Gut erinnert er sich noch an die Tuntenhausener Gemeindechronik, die Anfang der 1990er-Jahre herauskam und auf die er schon sehr gewartet hatte. „Doch da stand nicht viel drin von Lampferding, ich war damals sehr enttäuscht.“ So wuchs in ihm der Gedanke, selbst ein Buch herauszubringen.

Doppelt so viele
Seiten wie Einwohner

Als einer der Ersten kümmerte er sich um einen Internetanschluss, nutzte die noch neue Technik als Quelle und Präsentationsmedium, lernte, wie man eine Homepage gestaltet, recherchierte weiter. Heraus kam ein Werk, das mehr als doppelt so viele Seiten (357) hat wie der Ort Einwohner (circa 150). Ursprünglich zum Jubiläumsjahr 2020 geplant, ist es erst jetzt fertig geworden. In großen weißen Lettern prangt „Lampferding“ auf dem Titel, samt einem Bild, das die Kirche und das Haus zeigt, in dem der Autor aufgewachsen ist. Auch die dazugehörenden Ortschaften Angelsbruck, Schweizerberg, Karlsried, Schlafthal und Knogl hat er mit aufgenommen.

Aus Liebe
zur Heimat

In persönlich gehaltenen Grußworten würdigen unter anderem Stelzers ehemaliger Schulkamerad und heutiger Landrat Otto Lederer (selbst einst in Lampferding eingeschult) und Tuntenhausens Bürgermeister Georg Weigl die Arbeit des Elektronikers, der damit etwas sehr Wichtiges weitergebe: die Liebe zur Heimat. Gemeinsam mit Thomas Stelzer werfen wir einen kleinen Blick auf das Werk.

Herr Stelzer, was sollte ein jeder Lampferdinger über seinen Heimatort wissen, was bislang noch nicht allgemein bekannt war?

Ja, da gibt es sicherlich mehrere Dinge. Da kann man schon mal mit der Ortsgründung beginnen. Die geschah höchstwahrscheinlich um das Jahr 770 von Rott am Inn aus durch die Familie unseres Namensgebers Lantfrid. Dann gab es Verbindungen zum Hochstift Freising und zum Kloster Tegernsee, später zum Kloster Attel. Dass Lampferding ein Marien-Wallfahrtsort war, werden auch nicht alle wissen und dass es hier im Jahr 1741 eine Epidemie gab, das habe ich selber erst durch Zufall entdeckt. Damals gab es in einem einzigen Jahr 28 Beerdigungen im Lampferdinger Friedhof.

Wo wir schon beim Thema sind: In Lampferding ist nicht die kleinste Glocke, sondern die größte die Sterbeglocke! Das sollte auch ein Lampferdinger wissen.

Was macht in Ihren Augen die „Identität eines echten Lampferdingers“ aus?

Der, der Lampferding als seine Heimat betrachtet, nicht nur als Wohnort, ist ein echter Lampferdinger. Der, der sich hier gerne aufhält und die Veranstaltungen besucht und unterstützt und somit den Zusammenhalt im Dorf stärkt, ist ein „echter Lampferdinger“. Das sieht man auch sogar auf dem Wappen unserer starken Feuerwehr. Da sind zwei schüttelnde Hände abgebildet. Sie symbolisieren Zusammenhalt und Vertrauen.

Wie kam es dazu, dass Sie so tief in die Geschichte Ihres Heimatortes eingetaucht sind?

Das hat mich eigentlich schon immer interessiert. Seit meiner Kindheit habe ich viele schriftliche Dinge und Fotos über Lampferding gesammelt und ab 1998 alles auf der Lampferdinger Homepage zusammengestellt. Als 2020 unser Doppeljubiläum „900 Jahre Ersterwähnung und 500 Jahre Kirchenbau“ stattfinden sollte, wollte ich eine Festschrift herausbringen. Durch die Corona-Pandemie konnte das Fest nicht stattfinden und so schrieb ich weiter, bis das Heimatbuch entstand. Sechs Jahre habe ich in meiner knappen Freizeit daran intensiv gearbeitet.

Was waren die interessantesten Begegnungen und vielleicht sogar aufregendsten Momente, die Sie bei Ihren Recherchen erlebt haben?

Bei einigen Begegnungen mit den Hofbesitzern habe ich alte Fotos bekommen, von denen ich natürlich nichts gewusst habe. Auch das Gespräch mit dem Winkler Andi, dem neuen Besitzer, Renovierer und somit Retter des Freinger-Anwesens in der Dorfmitte, war sehr interessant. Der Komenda Erwin, ein Heimatvertriebener, erzählte mir ausführlich von den Schwierigkeiten in seiner Jugendzeit in Lampferding und den Freunden, die er aber dann für sein Leben gewinnen konnte. Aufregend für mich war sicherlich, als ich alle Dinge des ungeordneten Pfarrarchives durchsah und komplett neu anordnete und verpackte. Dabei kamen auf dem Dachboden des Pfarrhauses die 14 Kreuzwegtafeln, die einmal in der Kirche hingen, zum Vorschein. Ich habe sie immer schon vermisst und hätte sie jetzt sehr gerne wieder in der Kirche hängen. Sie müssten aber erst hergerichtet werden.

Was von dem, was Sie herausgefunden haben, hat Sie am meisten überrascht. War etwas Spektakuläres dabei?

Spektakulär vielleicht nicht, aber wohl einzigartig. Als ich über die Kirchenorgel etwas aufschrieb, hatte ich plötzlich eine Erinnerung an meine Jugendzeit. Ich sah damals neugierigerweise einmal in das Orgelgehäuse hinein und mich blickten zwei Gesichter an. An mehr konnte ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Ich ging jetzt also auf die oberste Empore zur Orgel und schaute hinein. Da waren sie immer noch. Bilder in (!) der Orgel. Gemalte große Bilder von zwei Heiligen als Rückwand des Gehäuses. Daraufhin kontaktierte ich zwei Experten: die mir bekannte Kunsthistorikerin Frau Dr. Frick aus Rosenheim und den Münchner Orgelspezialisten Stefan Ludwig aus München/Haidhausen, denn von dort stammt unsere Orgel. Ich wollte wissen, warum dort Bilder sind. Letztendlich standen beide Fachleute achselzuckend vor und in (!) dem Instrument und hatten keine Ahnung, warum dort hinten mannshohe Gemälde verbaut sind. Frau Dr. Frick vermutete, dass es lediglich „Gehäuseteile“ sind, weil beim Aufstellen der Orgel der Schreiner grade nichts Passendes da hatte und somit diese Bildtafeln verwendete.

Welches Kapitel finden Sie persönlich am spannendsten?

Mein Lieblingsthema ist natürlich unsere Kirche Mariä Himmelfahrt. Das Kapitel hat demnach auch 50 Seiten im Heimatbuch. Dieses alte, ehrwürdige Gotteshaus ist spannend, weil es immer wieder was zu entdecken gibt, das man nicht dort vermutet hätte. Aber auch das Kapitel Hofbuch war sehr spannend, da ich nicht wusste, wie viel man über die 28 Hofstellen in und um Lampferding schreiben kann und wie weit die Geschichte der einzelnen Höfe zurückreichen kann. Viele Hofstellen lassen sich seit über 600 Jahren hier nachweisen. Es wurden dann 70 Seiten. Aber auch das Thema Raketenstellung ist für mich spannend, weil ich selbst dort meinen Wehrdienst am Waffensystem HAWK ableistete.

Welches ist das Dokument, das Sie als am wertvollsten empfinden?

Das wäre eine schwere Entscheidung, das Wertvollste herausgreifen zu müssen. Für Lampferding ist das Dokument mit der Ersterwähnung des Ortsnamens „Lantfridingen“ von circa 1120 natürlich sehr wichtig. Außerdem ist für mich, als Landkarten-Fan, die erste genaue Karte von 1811, die sogenannte Uraufnahme, auch sehr wichtig. Mit dieser habe ich sehr viel gearbeitet, denn man kann eine Unmenge davon ablesen. Zum Beispiel ist dort der Wimmer-Hof noch andersherum eingezeichnet, wie er heute da steht. Er wurde irgendwann „umgedreht“. Ohne diese Karte wüsste man das nicht mehr und ich hätte vieles andere nicht ergründen können. Wertvolle Fotos stellen die neuen Glocken von 1911 dar, als sie nur sechs Jahre später wieder abgenommen werden mussten. Sie waren sehr schön verziert und wurden für die Rüstung im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Ewig schade darum.

Drei Personen, die für
die Lampferdinger Ortsgeschichte aus Ihrer Sicht am prägendsten waren – und warum?

Erstmal war dies natürlich der Mensch, der hier als Erster mit seiner Familie gesiedelt hat und den Ort genau hier begründet hat. Wer das war, das werden wir leider nie sicher erfahren, aber wer ihm seinen Namen gegeben hat, das wissen wir: Lantfrid.

Wie gesagt, die Kirche ist mein „Liebling“ und dort haben viele Menschen gewirkt. Ob als Geistliche oder als Handwerker oder als Künstler. Die meisten Namen sind leider bis jetzt unbekannt. Einer aber, der das Gotteshaus bis heute sehr geprägt hat, war Karl Selb aus Tirol. Er malte mit seinem Bruder Anton im Jahr 1803 das gesamte Gewölbe mit klassizistischen Fresken aus und alle haben die Gottesmutter Maria zum Thema. Ein Novum in der ganzen weiten Umgebung.

Bürgermeister Sebastian Bodmeyer hat sicher zu seiner Zeit den Ort sehr geprägt. Er war zwar kein gebürtiger Lampferdinger, aber vielleicht setzten sich gerade diese Personen durch ihre gewisse Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit bei der hiesigen Bevölkerung besser durch. Bodmeyer heiratete 1896 hierher in den Kirmerhof und war von 1918 bis 1934 Bürgermeister der Gemeinde Lampferding. Er war auch Feuerwehr-Vorstand, Mitbegründer, Aufsichtsrat und Rechner des Raiffeisenvereines und Waisenrat und setzte sich sehr für den Bau des Pfarrhauses vor 99 Jahren ein. Er förderte und modernisierte das Löschwesen in der Gemeinde durch den Bau von Wasserreserven und eines zweiten Feuerwehrhauses in Kronau.

Erste Auflage ausverkauft

Lampferdinger Persönlichkeiten

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