Bad Aibling – Es ist ein größeres Bauvorhaben mit wichtigen Infrastruktur-Einrichtungen, das an der Ellmosener Straße/Dieselstraße geplant ist. Auf dem Gelände eines früheren Getränkemarktes soll neben dem neuen Wasserrettungszentrum der DLRG Bad Aibling und einer Heizzentrale der „Gas und Wärme Bad Aibling GmbH“ (GWBA) der Stadtwerke auch ein Supermarkt mit Wohnungen entstehen. An letzterem Vorhaben entzündete sich in der Stadtratssitzung noch einmal eine Debatte.
So zeigte sich Gerlinde Deininger („dieBasis“) „schockiert, wie intensiv hier Wohnbebauungsplanung betrieben wurde.“ Auf einer Wohnfläche von circa 2800 Quadratmetern sollen 53 Wohneinheiten entstehen. Die Stadträtin erinnerte an ein Vorhaben an der Sedan-straße, wo Wohnraum nicht habe verkauft werden können und wo stattdessen dort nun Ferienwohnungen eingerichtet worden seien.
Wohnraum
steht im Fokus
Das Thema Wohnraumschaffung stehe immer wieder im Fokus bei der Aufstellung von Bebauungsplänen, für sie stelle sich die Frage, ob es sich in diesem Fall nur um Wohnungen zum Verkauf oder auch zur Miete handle.
„Und hat der Spielplatz auf dem Dach nicht eher eine Alibifunktion?“, meinte sie zu der Beschreibung, dass in den südlich gelegenen Innenhöfen auf dem Dach des Erdgeschosses eine Begrünung und Nutzung als Spielfläche geplant sei. „Wie frei ist dieser dann zugänglich? Wer kennt den und inwieweit ist er beschattet oder überhaupt bespielbar?“
„Jetzt auch bei
uns Wohnsilos“
Sie bezeichnete es als „furchtbar traurig“, wenn Wohnbebauung in Bad Aibling ohne frei zugänglichen Grünbereich für Bewohner geplant werde. „Früher haben wir über Neuperlach geschimpft, jetzt bauen wir auch bei uns Wohnsilos.“
Dieter Bräunlich (ÜWG) sah das ähnlich: „In diesem Gebiet ist die Bebauung rundherum kleinteilig – und dann stellt man dort so einen Klotz hin. Drei Viertel der Fläche werden bebaut, es bleibt kein Platz mehr. Da haben wir wirklich Neuperlach in Bad Aibling.“ Bürgermeister Stephan Schlier (CSU) hielt dagegen, dass hier erstmals Flächen doppelt für Zwecke genutzt würden, die ansonsten eine riesige Versiegelung mit sich bringen würden. Zudem sprach er von einer deutlichen optischen Aufwertung an dieser Stelle durch das Vorhaben – nicht nur im Vergleich zum früheren und auch momentanen Anblick. Der angesprochene Spielplatz sei rein für die Wohnanlage gedacht. Die genaue Quote an vermieteten und verkauften Flächen entziehe sich der Kenntnis der Stadt. „Bauen mit großem Garten im Grünen kann sich heutzutage erst recht keiner mehr leisten“, gab er darüber hinaus zu bedenken. Doch es gebe sehr wohl Menschen, die Wohnraum suchen, auch Aiblinger Bürger.
Positiv hob das Stadtoberhaupt zudem hervor, dass auf dem ebenfalls zu diesem Bebauungsplan gehörenden Gelände die DLRG ihr neues Wasserrettungszentrum sowie die GWBA ihre Heizzentrale bauen werden. Für Letztere sei das neue Supermarkt- und Wohngebäude der Hauptabnehmer und auch die umliegenden Anwohner zeigten großes Interesse.
Grünen-Rat Richard Lindl verstand die Diskussion ebenfalls nicht: „Seltsam. Hier ist etwas ganz Tolles geplant. Also – ich hab‘ mehr oder weniger kein Problem damit. Sofern der an dieser Stelle geplante Kreisel nicht vorher gebaut wird. Sonst haben wir dort auf der viel befahrenen Straße ein großes Verkehrsproblem.“ Das sah auch Schlier so: „Meiner Meinung nach sollte der Kreisel am besten kurz nach Verwirklichung der Bebauung dort errichtet werden, sonst wäre er ja schon gleich kaputt.“
Mit 20:4 Stimmen fasste der Stadtrat den Billigungsbeschluss zum Bebauungsplan „Sondergebiet Ellmosener Straße/Dieselstraße“. Da diese Art des Bauens in der Region Rosenheim noch wenig verbreitet ist und auch in der öffentlichen Sitzung keine Visualisierungen vorlagen, hat der Mangfall-Bote mit Planer Klaus Kunze noch einen weiteren Blick auf dieses Vorhaben der Oberbayerischen Hausbau GmbH geworfen, für das die vorbereitenden Maßnahmen bereits begonnen haben.
Das „Fundament“ bildet dabei der Einkaufsmarkt, bei dem seit Bekanntwerden der ersten Pläne schon gerätselt wird, um welches Unternehmen es sich denn handeln wird. Dazu schweigen sich die Verantwortlichen allerdings nach wie vor aus: So lange nicht alles komplett spruchreif sei, werde man sich dazu nicht äußern. Nur soviel: Es werde sich nicht um einen Discounter, sondern einen Vollsortimenter mit Getränkeabteilung und Bäckereifiliale handeln. Die insgesamt 53 Wohnungen, die über dem Verbrauchermarkt auf einer Fläche von insgesamt rund 2800 Quadratmetern entstehen, werden Kunze zufolge mit dem EOF-Programm (Einkommensorientierte Förderung zur Schaffung von Mietwohnraum in Mehrfamilienhäusern) errichtet. „Das Vorhaben an diesem Standort erfüllt alle dafür erforderlichen Kriterien, inklusive Barrierefreiheit“, betont der Planer, der froh ist, dass das Projekt noch in dieses Programm hineinfiel.
Denn mittlerweile seien die Fördertöpfe für sozialen Wohnbau leer, im Gegensatz zu Bundesländern wie Baden-Württemberg, in denen die Förderung gar um 100 Prozent aufgestockt worden sei. Und für Förderungen wie das Mitte 2024 ausgerufene „Wohnraum-Booster-Programm“ der Regierung von Oberbayern für Beschäftigte in Betrieben der Daseinsfürsorge gebe es erst ab 2027 Gelder.
Im Aiblinger Fall orientiere sich die Höhe des Bauwerks an der Firsthöhe der gegenüberliegenden Berufsschule. Die Fassade wird laut Kunze zu mindestens 25 Prozent begrünt. Die Wohnungen würden in Holzbauweise errichtet, um die Traglast zu mindern. Da der gesamte Wohnbereich gestaffelt gebaut wird, sei auf dem Dach des Lebensmittelmarktes der besagte Spielplatz geplant, den die Bewohnerfamilien nutzen können. Sie entsprächen der Bad Aiblinger Kinderspielplatzsatzung. Auf der einen Seite befinde sich der Bereich für Kleinkinder, auf der anderen Seite für Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren.
Kinderspielplatz
auf dem Dach
Die Wohnungen seien über begrünte Laubengänge erschlossen und blickten auf die Kinderspielplätze. Diese würden begrünt und mit Bänken ausgestattet, sodass sie zudem als Treffpunkt für Familien genutzt werden könne. Für Schatten sollen Bäume in großen Pflanzkübeln sorgen.
Aktuell werden auf dem Areal die Haufwerke beprobt und etwaiges Kontaminationsmaterial zu den Deponien gebracht. „Das Grundstück wird komplett gereinigt, daran sind auch viele Gutachter beteiligt“, sagt Kunze. Auch was das Grundwasser angeht, gebe es zwei Entnahmestellen zur Beprobung, das Wasserwirtschaftsamt sei eingebunden.
Baubeginn für Mai oder Juni geplant
Ziel sei es, mit dem Bauvorhaben im Mai oder Juni zu beginnen, wenn bis dahin alle erforderlichen Voraussetzungen geschaffen sein sollten. „Der Markt muss Ende Oktober 2026 fertig sein“, so Kunze, der davon überzeugt ist, dass man sich in Zukunft mit der an dieser Stelle geplanten Art von Doppelnutzung auseinandersetzen müsse. Denn: „Sogenannte ,stand-alone‘-Märkte, wie wir sie hier auf dem Land kennen, sollen zukünftig nicht mehr erlaubt werden, da diese viele Landressourcen verbrauchen, die mit einer Überbauung ökologisch und wirtschaftlich mehrfach genutzt werden sollen.“