Bad Aiblings dunkle Vergangenheit zur NS-Zeit

von Redaktion

Vortragsabend beleuchtet Handlungen von Bürgermeister August Bastianelli zwischen 1938 und 1945

Bad Aibling – „Unser Grundgesetz ist der Gegenentwurf zu Hass und Gewalt, wie sie im Großen und im Kleinen derzeit wieder stattfinden.“ Mit diesen Worten eröffnete Irene Durukan, Vorsitzende des Vereins „Mut und Courage“, kürzlich einen Vortragsabend zur Person des Bad Aiblinger Bürgermeisters von 1938 bis 1945, August Bastianelli. „Es ist notwendig, dass wir zusammenhalten, dann ist Hilfe möglich“, fuhr Durukan fort.

Zuvor hatte Richard Lindl, Vorstandsmitglied des Aiblinger Kunstvereins, die zahlreich erschienenen Gäste begrüßt. Das Interesse an der Aiblinger Geschichte war groß, der geräumige Saal des Feuerwehrgerätehauses war voll besetzt. Veranstalter war der Verein „Mut und Courage“ unter Mitwirkung des Historischen Vereins Bad Aibling und Umgebung und des Kunstvereins Bad Aibling.

Drei Vortragende stellten die Geschehnisse der Zeit von 1938 bis 1945 dar. Der Bad Aiblinger Alfred Breisl beschrieb in kurzen Zügen den Werdegang von August Bastianelli, der in Freising geboren wurde. Aus dem Dienst im Ersten Weltkrieg wurde er bereits 1917 wegen schwächelnder Gesundheit entlassen. Der junge Bastianelli trat, begeistert von den Faschisten in Italien, in die NSDAP ein, die 1933 in Bad Aibling gegründet worden war. Im Juli 1933 machte Adolf Hitler auf seiner Rückkehr von Berchtesgaden nach München in Bad Aibling Halt und lockte damit viele Menschen auf den Marienplatz.

1940 war Deutschland wegen der ersten erfolgreichen Eroberungen in euphorischer Stimmung. Das förderte die Bedenkenlosigkeit, mit der Übergriffe auf Nachbarn und andere nahestehende Menschen möglich wurden. Anneliese Wittkowski berichtete von einer Begebenheit, die bis nach Kriegsende die Gemüter der Aiblinger bewegte. Denn deutschen Frauen war es strengstens verboten, ein Verhältnis mit französischen Strafgefangenen anzufangen. Eine junge Aiblingerin hatte sich in einen jungen Franzosen verliebt und wollte mit ihm fliehen. Unterstützt von einer Tante in Bruckmühl schmiedete das junge Paar Pläne, wurde aber verraten. Bürgermeister Bastianelli ordnete daraufhin das Kahlscheren der beiden Frauen an. Dazu hatte sich eine große Schar Zuschauer auf dem Marienplatz versammelt, und viele waren sich nicht zu schade, den Ermunterungen von Bastianelli zu folgen und ebenfalls nach der Schere zu greifen. Nach dem Krieg äußerten viele der damals Beteiligten ihr Unverständnis darüber, so etwas mitgemacht zu haben. „Es war eine Massenhysterie, der man sich nicht leicht entziehen konnte“, kommentierte eine Mittäterin nach Kriegsende. Und der Bürgermeister hat noch dazu angetrieben.

Als dritte Referentin trat Sissi Zinner-Knarr auf, die von den Schwierigkeiten berichtete, die ihren Eltern zugemutet wurden, weil sie heiraten wollten und einer von beiden nicht rein arisch war. Die Eheschließung wurde am 1. Mai 1945 vollzogen, als die Machthaber des Dritten Reiches abgesetzt waren. Nachdenkliche Gespräche kamen zum Ende des Abends zustande. bö

Artikel 1 von 11