Die närrische Zeit im alten Aibling

von Redaktion

Ochsenrennen und blutige Köpfe – Blick in Historie vor und nach Erstem Weltkrieg

Bad Aibling – Bestimmt heute die Faschingsgilde mit Prinzenpaar, Hofstaat, Garden und großartigen Veranstaltungen das Bild der närrischen Zeit in der Kurstadt, so unterscheidet sich dieses stark vom rheinischen Karneval beeinflusste bunte Leben deutlich von der überkommenen Maschkera im alten Aibling.

Fasching, Fastnacht oder Karneval, wie immer sie heißt, die närrische Zeit, auf welche historische Wurzeln auch immer diese Zeit zurückgeht, sei es, wie es sei. Ausgelassen feiern und die Sorgen und Probleme des Alltags zu vergessen, war zu allen Zeiten und in allen Kulturen ein Ur-Bedürfnis der Menschen.

Aus dem deutschen Mittelalter sind Faschingsbräuche in vielfältiger Form bekannt und in Chroniken dokumentiert. Bis ins 14. Jahrhundert gab es Reiterspiele der Patrizier. Vom 12. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts sind Narrenfeste in den Kirchen überliefert, bei denen um Dreikönig untere Kleriker vorübergehend Rang und Privilegien der höheren Geistlichkeit übernahmen. Es gab auch allerlei Fastnachtsspiele.

Mit Musik und Tanz
durch Stadt und Land

Im bürgerlichen Leben entwickelte sich ein vielgestaltiges Maskenbrauchtum, in dem die öffentliche Ordnung außer Kraft gesetzt und im Gewand der Narren verspottet wird. Auch zog man mit Musik und Tanz durch Stadt und Land.

Auch im alten Aibling gab es vielfältige Faschingsveranstaltungen, aber keinen durch einen Faschingsverein oder eine Karnevalsgesellschaft stadtweit organisierten Fasching. Hier befindet sich die Stadt in Einklang mit den in Oberbayern vorherrschenden Gepflogenheiten. Überwiegend in Vereinen oder Gasthäusern stattfindende Lustbarkeiten dokumentiert der Stadthistoriker Dr. Gottfried Mayr reichlich in seinem Werk „Bad Aibling – Geschichte einer Stadt“ in den Bänden 6-1 und 6-2 zum Vereinsleben bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Es sind vor allem maskierte Veranstaltungen, wie Maskenbälle, Tanzkränzchen, Faschingstanzkränzchen, Masken-Kränzchen oder Faschingskränzchen.

Auch das Faschingsspiel hatte Tradition. Beliebt waren Fastnachts- oder Faschingsschießen. Von einem besonderen Ereignis aus dem Jahr 1890 berichtet der frühere OVB-Redakteur Helmuth Gastel, bei dem sich die Aiblinger in zwei Lager teilten und wo es dann „bei der Verteidigung des Hofbergs gegen die Schweden“ so heftig zuging, dass aus dem Spaß Ernst wurde und es blutige Köpfe gab. Und man mag es kaum glauben, aus dem Jahr 1911 ist ein „Ochsen-Schlitten-Rennen“ zur Faschingszeit überliefert. Gefeiert wurde nicht nur im alten Aibling, auch in den damaligen Nachbarorten hatte die närrische Zeit Tradition.

Dass die öffentliche Verwaltung immer schon ein „einnehmendes Wesen“ hatte und den Fasching nicht nur als lustig empfand, zeigt bereits das „Statut über die Erhebung von Lustbarkeitssteuern“ des Marktrats Bad Aibling vom 11.11.1919. Danach waren für Tanzveranstaltungen aller Art zwischen 10 und 100 Mark zu berappen. Eine Karnevalsunterhaltung ohne Tanz kostete zwischen 5 und 50 Mark.

Der Erste Weltkrieg dämpfte wie überall auch in Aibling die Lebensfreude. Der Wille zum Leben gewinnt aber alsbald die Oberhand über die Trauer, es wird wieder getanzt, zunächst in ziviler Kleidung, dann maskiert in Vereinsveranstaltungen und Hausbällen. Den Anfang macht – wie soll es auch anders sein – ein Krieger-Ball beim Ratskeller. Und an die Kriegszeit schließt auch die Wiedersehensfeier der Oberlandler an.

Interessant ist, dass das Kurhaus in der Zeit zwischen den Weltkriegen als Faschingshochburg noch keine Rolle spielt. Als Veranstaltungsorte erscheinen insbesondere der Schuhbräusaal, die Gaststätte Hofer (der spätere Sebastiani, das künftige Lichtspielhaus) und das Kurhotel Theresienbad.

1925 schließt der bunte Reigen der Faschingsveranstaltungen mit einem „Karnevalsrummel“ im Hofer-Saal mit „feierlicher Beerdigung des Prinzen Karneval“. Man beachte, der rheinische Karneval hält den ersten Einzug im Aiblinger Fasching. Einen Dämpfer bekommt die närrische Zeit allerdings in und durch die Weltwirtschaftskrise.

1935 agierte erstmals im Aiblinger Fasching die nationalsozialistische Bewegung durch die Deutsche Arbeitsfront „Kraft durch Freude“. 1936 ist zum ersten Mal in der Geschichte des Aiblinger Faschings der Auftritt eines Prinzenpaares dokumentiert.

Wer war Prinz
Karneval Willy I.?

Das Aiblinger Wochenblatt berichtet von diesem Ereignis: „Im vollen Prunk-ornat hielt dann S.M. Prinz Karneval Willy I. mit zahlreichem Gefolge seinen feierlichen Einzug in den festlich geschmückten Saal, um sich hier aus dem Volke seine königliche Prinzessin zu erküren“. Leider ist nicht zweifelsfrei überliefert, um welche Personen es sich bei Prinz Willy I. und seiner Prinzessin handelte.

1939 listet das Aiblinger Tagblatt noch 21 Veranstaltungen auf, darunter einen stark von der Luftwaffengarnison unterstützten großen Faschingszug. Am 1. September war es dann aus mit lustig. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann der Zweite Weltkrieg.

Vortrag von Dr. Werner Keitz am 20. Februar

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