Bad Aibling – Ein Teil der Junge-Doks-Reihe des Dokumentarfilm-Festivals Nonfiktionale war einmal mehr der Filmkritik-Workshop im Vorfeld des Festivals für Schüler der 12. Klasse am Gymnasium Bad Aibling. Die Ergebnisse – Rezensionen zu den Filmen des aktuellen Nonfiktionale-Programms – können im Festivalzentrum und täglich im Aiblinger Mangfall-Boten nachgelesen werden.
Schülerin Ella Lampl schreibt über den Film „Sommerfahrt: Zeit heilt keine Wunden“ von Gereon Wetzel, der am heutigen Freitag um 14 Uhr im Aibvision-Filmtheater zu sehen ist: Mit „Sommerfahrt: Zeit heilt keine Wunden“ setzt der Film statt auf reißerische Enthüllungen auf leise, aber intensive Gespräche.
In einer Art Interviewfilm konfrontiert Wetzel sich selbst, aber vor allem seine ehemaligen Weggefährten einer Bonner Pfadfindergruppe, die sogenannten „Scouter“, mit Fragen: Was ist damals wirklich passiert? Warum hat niemand eingegriffen? Wie erinnern sich die Betroffenen heute?
Besonders eindrücklich ist die Sprachlosigkeit vieler Beteiligter durch Unsicherheit oder Verdrängung. Somit schafft er eine tief bewegende Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch und sexuellen Missbrauchsfällen von Kindern und Jugendlichen, die aber nie wirklich aufgearbeitet wurden.
Die gute visuelle Gestaltung des Films spielt eine zentrale Rolle bei der Vermittlung der bedrückenden Atmosphäre. Archivmaterial wie alte Fotos und Erzählungen der Beteiligten, aber auch die Geräuschkulisse erzeugen ein Gefühl der Nostalgie, das jedoch zunehmend von der dunklen Realität überschattet wird.
Ein besonders einprägsames Foto zeigt Kinder mit einem Mann, der eine „Feuerteufelmaske“ trägt. Diese Aufnahme wirft viele Fragen auf: Ist dieser Mann der autoritäre Gruppenleiter?
Besonders auffällig ist, dass die zentrale Figur von begeisterten Kindern umgeben ist, was die Machthierarchie und die mögliche Manipulation der jungen Mitglieder verdeutlicht. Durch den gezielten Einsatz der Maske bleibt jedoch unklar, wer genau der Leiter ist, obwohl dieser so detailliert beschrieben wird.
Angelina Kaiser schreibt zu „Heimweh“ von Maja Bresink, der heute um 16.15 Uhr läuft: Eine junge Frau erzählt von einem sexuellen Übergriff, den sie nach einem Clubbesuch erleiden muss. Sie gerät während des Geschehens in eine Schockstarre, welche dafür sorgt, dass sie nicht in der Lage ist sich zu wehren. In den Jahren, die darauf folgen, schottet sie sich von der Außenwelt ab und lässt niemanden mehr in ihr „Zuhause“, was meiner Meinung nach doppeldeutig für ihren Körper ist.
Sie hat „Heimweh“ nach sich selbst, nach ihrem früheren Selbst. Um das zurückzuerlangen, muss sie aus der Isolation ausbrechen, schafft es jedoch vorerst nicht. Kaputte Tapeten zeigen einerseits, wie die Frau von außen zerstört wird. Andererseits könnten sie aufzeigen, wie sich ihre Haut nach dem Übergriff fremd anfühlt und nicht mehr als Teil des eigenen Selbst verstanden wird. Und wenn sich schon die Haut nicht wie die eigene anfühlt, wie verändert sich dann der eigene Geist oder die Persönlichkeit?
Der Start ihrer Heilung, als Reise zurück zu sich selbst, beginnt am Ende des Films und wird durch das nun geöffnete Fenster verkörpert. Die Blumen darin sind ein Symbol für ihr altes, unberührtes, leichteres Ich und verweisen auf die Anfangsszene mit der Wiese zurück.
Die Geschichte passt wirklich ausgesprochen gut zu dem Thema „Ans Licht“. Der ganze Wendepunkt besteht darin, dass die Hauptperson es endlich zurück „ans Licht“ schafft, also raus aus ihrer Isolation, zurück in die Gesellschaft und in ihren eigenen Körper. „Heimweh“ erzählt nicht nur von Schmerz und Isolation, sondern vor allem von der schwierigen, aber notwendigen Entscheidung, sich aktiv mit einem Trauma auseinanderzusetzen.
Erst als die Protagonistin erkennt, dass Heilung nicht von selbst geschieht, beginnt ihre Reise „ans Licht“. Ein bewegendes Werk, das auf subtile Weise die innere Zerrissenheit und den Weg zur Selbstermächtigung einfängt. Ich empfehle es allen, die bereit sind, sich mit diesen schwerwiegenden Themen auseinanderzusetzen.