Bad Aibling – Teil der Junge-Doks-Reihe der Nonfiktionale war der Filmkritik-Workshop im Vorfeld des Festivals. Das, was einen einzelnen Film ausmacht, in eigenen Worten zu fassen und einem analytischen Blick zu unterwerfen, dieser Aufgabe haben sich Schüler der 12. Klasse am Gymnasium Bad Aibling gestellt. Die Rezensionen zu den Filmen des aktuellen Nonfiktionale-Programms können im Festivalzentrum und täglich im Aiblinger Mangfall-Boten nachgelesen werden.
Samstag, 22. März, 10.30 Uhr, Projekt Ballhausplatz von Kurt Langbein
Sebastian Kurz, einst Wunderkind der österreichischen Politik, ist heute eine umstrittene Figur mit reichlich Schatten auf der weißen Weste. Der Dokumentarfilm „Projekt Ballhausplatz“ von Kurt Langbein widmet sich genau diesem politischen Aufstieg und Fall, der wie ein Drehbuch für eine Netflix-Serie wirkt: ein junger Hoffnungsträger, der mit einer gut durchdachten Strategie an die Spitze drängt, sich als Erneuerer inszeniert und schließlich über Skandale stolpert. Doch ist der Film eine fundierte Analyse oder doch eher ein Tribunalspektakel?
Der Film schildert Kurz‘ Karriereweg – von den ersten strategischen Weichenstellungen bis zu seinem abrupten Rücktritt. Dabei bedient sich Langbein vor allem Archivmaterial, Insider-Interviews und Kommentaren von Polit-Experten. Kurz selbst kommt nicht zu Wort. Damit steht „Projekt Ballhausplatz“ vor einem Problem: Kann man eine ausgewogene Dokumentation über jemanden drehen, der sich jeglicher Stellungnahme entzieht?
Hier liegt eine der großen Schwächen des Films. „Projekt Ballhausplatz“ ist eindeutig keine neutrale Nacherzählung, sondern vielmehr eine kritische Abrechnung mit dem Kurz-System. Das ist per se nichts Schlechtes – immerhin sollte Journalismus Missstände aufdecken. Doch der Film scheint sich nicht einmal um eine ausgewogenere Perspektive zu bemühen. Es fehlen positive Stimmen oder eine tiefere Auseinandersetzung mit den politischen Erfolgen von Kurz. Die Bildsprache tut ihr Übriges – düstere Aufnahmen, Archivmaterial, das oft unvorteilhaft für Kurz geschnitten ist, und eine durchgehend kritische Kommentierung. Dadurch wirkt „Projekt Ballhausplatz“ mehr wie eine moralische Anklage als eine nüchterne Analyse. Dennoch hat der Film seine Stärken. Er zeigt eindrucksvoll, wie moderne Politik nicht mehr bloß von Inhalten, sondern von strategischer Kommunikation, Netzwerken und Mediensteuerung geprägt ist. Kurz verstand es meisterhaft, ein Image zu verkaufen – und genau das demaskiert der Film.
Wer eine sachliche Dokumentation erwartet, wird enttäuscht. Wer eine politische Abrechnung sucht, kommt auf seine Kosten. Die eigentliche Frage bleibt aber unbeantwortet: War Kurz nur ein besonders schlauer Taktiker – oder einfach einer von vielen, die Politik als Marketing begreifen?
Maria Riedl und
Annalena Eder
Samstag, 22. März, 20 Uhr
Sieben Winter in Teheran
von Steffi Niederzoll
Der Film „Sieben Winter in Teheran“ rekonstruiert die tragische Geschichte von Reyhaneh Jabbari, einer jungen Frau, die im Iran zum Tode verurteilt wurde, nachdem sie sich während einer versuchten Vergewaltigung in Notwehr verteidigt hatte. Der Film gewährt dem Zuschauer durch Telefonaufzeichnungen, Briefe, privat gedrehte Videos und Interviews mit ihrer Familie einen sehr intimen Einblick in Szenen aus ihrer Kindheit sowie die letzten Jahre ihres Lebens, und zeigt außerdem die unerschütterliche Unterstützung ihrer Familie.
Die Familie von Reyhaneh kämpfte über Jahre hinweg, nicht nur für ihre Freiheit, sondern auch für die Rechte anderer verfolgter Frauen im Iran, und das sogar nach Reyhanehs Hinrichtung. Diese starke Solidarität wird im Film eindrucksvoll dargestellt, was die tragische Dimension des Geschehens noch verstärkt. Besonders berührend ist die Darstellung der emotionalen Verbundenheit zwischen Reyhaneh und ihren Angehörigen, die trotz der Gefahr und der politischen Repression nie aufgaben, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Reyhaneh entschied sich dabei sogar bewusst dafür, die Wahrheit nicht zurückzunehmen, um der Blutrache zu entgehen, sondern kämpfte weiter; für sich und andere Frauen.
Der Film beeindruckt durch seine Erzählweise und die schmerzhafte Authentizität des Gezeigten. Die persönlichen Aufzeichnungen schaffen eine Nähe, die den Zuschauer tief in die Realität Reyhanehs hineinzieht. Die nachhaltige Wirkung dieses Films liegt in seiner Fähigkeit, die brutalen Auswirkungen des politischen Systems im Iran greifbar zu machen und gleichzeitig den unermüdlichen Widerstand von Reyhaneh und ihrer Familie zu würdigen.
Luise Hecklinger
Sonntag, 23. März,
16.15 Uhr
Einhundertvier
von Jonathan Schörnig
In „Einhundertvier“ entführt uns der Regisseur in eine faszinierende, wenn auch letztlich enttäuschende Welt der Seenotrettung. Zu Beginn weckt der Film großes Interesse, insbesondere weil das Thema Seenotrettung von großer gesellschaftlicher Bedeutung ist und es wichtig ist, darauf aufmerksam zu machen. Doch schnell weicht diese Neugier einem Gefühl der Monotonie, da sich die Handlung in ihren Abläufen wiederholt. Diese ständigen Wiederholungen erschweren es mir, die Handlung im Gedächtnis zu behalten.
Trotz einiger vielversprechender Ansätze konnte der Film nicht die erhoffte Tiefe und Komplexität erreichen. Die fehlende Abwechslung in den Ereignissen führte dazu, dass ich oft das Interesse verlor und es mir schwerfiel, der Handlung zu folgen. Ein packendes und dynamisches Seherlebnis sieht für mich anders aus. Und ich befürchte, dass Zuschauer, die nach Spannung suchen, hier auf Schwierigkeiten stoßen könnten.
Positiv hervorzuheben ist jedoch die innovative Erzählweise, die durch verschiedene Kameraperspektiven gleichzeitig realisiert wird. Diese Technik ermöglicht es, die Gespräche der Retter und deren Anweisungen intensiv nachzuvollziehen, was das Erlebnis besonders fesselnd machen kann. Die Perspektivwechsel verstärken die Dramatik und können den Zuschauer noch stärker in die Handlung hineinziehen. „Einhundertvier“ bietet zwar einige spannende Ansätze und behandelt das wichtige Thema Seenotrettung angemessen, jedoch aufgrund der sich wiederholenden Abläufe und der fehlenden Spannung nicht überzeugen kann.
Miriam Spinner