Kolbermoor/Bruckmühl – Die Protestwelle in der Türkei nach der Verhaftung des Oppositionspolitikers Ekrem Imamoglu reißt nicht ab. Auch unter türkischstämmigen Bürgern aus dem Mangfalltal ist die politische Entwicklung Gesprächsthema. Denn es treibt viele um: In Ankara und Istanbul, aber auch in Rize, dem Heimatort des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (AKP) gehen die Massen auf die Straße: Seit der Festnahme des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem Imamoglu wird in zahlreichen Städten der Türkei gegen Staatschef Erdogan protestiert. Die oftmals jungen Demonstranten vermuten hinter der Absetzung und Inhaftierung des Istanbuler CHP-Politikers den Versuch, Imamoglu als Gegenkandidat bei der Präsidentschaftswahl 2028 zu verhindern.
Die Aussagen
unterscheiden sich
Die Staatsanwaltschaft führt hingegen Korruptionsvorwürfe gegen den beliebten Oppositionspolitiker ins Feld. Politische Ent- und Verwicklungen, die auch unter Türken und türkischstämmigen Bürgern im Mangfalltal Gesprächsthema sind. So verfolgt Yakup Güclü, Inhaber des gleichnamigen Reisebüros in Kolbermoor, die Entwicklungen in seinem Heimatland aufmerksam. „Natürlich ist das auch bei unseren Kunden ein großes Thema“, sagt der Reisebüro-Inhaber, der sich vor allem auf Reisen in die Türkei spezialisiert hat.
Wobei Güclü, wenn es darum geht, sich über die Entwicklungen in der Türkei zu informieren, aber eher auf dortige Medien setzt, denn: „Ich finde, dass in Deutschland zu einseitig darüber berichtet wird.“ Denn schließlich seien die Korruptionsvorwürfe gegen den CHP-Politiker und Istanbuler Bürgermeister Imamoglu auch von Parteikollegen des Oppositionspolitikers erhoben worden, was im deutschen Fernsehen aber so nicht dargestellt werde.
Daher hält er den amtierenden türkischen Präsidenten Erdogan zwar nicht für das perfekte Staatsoberhaupt, aber immerhin noch für eine bessere Wahl als beispielsweise den nun inhaftierten Oppositionspolitiker Ekrem Imamoglu: „Ich würde es jetzt mal so formulieren: Erdogan ist aktuell noch der Beste unter den Schlechten.“
Persönliche Einschätzungen, mit denen der Kolbermoorer Reisebüro-Inhaber nicht alleine da steht. Für Abdullah Sarialtin aus Bruckmühl, Betreiber eines Dönerfleisch-Großhandels und Inhaber mehrerer Restaurants und Imbiss-Lokale in der Region, ist die politische Entwicklung in der Türkei zwar kaum Gesprächsthema zwischen ihm und seinen Kunden. Dennoch hat er selbst eine klare Meinung zu den Entwicklungen in seinem Heimatland. So bezeichnet er die Proteste in der Türkei, die seines Wissens nach „hauptsächlich von Studenten“ organisiert werden, als falsch. Denn schließlich gebe es einen klaren Vorwurf gegen den bisherigen Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu. „Das ist nun eine gerichtliche Sache“, sagt Sarialtin. „Wenn jemandem vorgeworfen wird, dass er etwas gestohlen hat, dann muss ein Gericht darüber entscheiden, ob das so ist.“ Zumal er immer wieder geäußerte Bedenken, die türkische Justiz urteile nicht unabhängig, nicht teilt: „Er wird dort einen fairen Prozess bekommen.“
Während also im Reisebüro oder beim Döner-Imbiss die Proteste in der Türkei durchaus Gesprächsthema sind, wird nach Angaben von Vedat Dogan vom Verein Türkischer Arbeitnehmer im Bruckmühl innerhalb der Gemeinschaft, die aus rund 100 Personen besteht, überhaupt nicht über die politische Lage in der Türkei diskutiert.
Bei anderen findet
das Thema nicht statt
„Nein, das ist überhaupt kein Thema bei uns“, behauptet Dogan, Vorsitzender des Vereins, der als Begründung dafür auf die Fastenzeit verweist, in der sich gläubige Moslems derzeit befänden. „Wir sind mitten im Ramamdan, das ist das Einzige, was uns derzeit beschäftigt.“