Bad Aibling – An diesem sonnigen Morgen um kurz nach 7 Uhr hebt der Polizeibeamte Andre Pust die Kelle und tritt einen Augenblick später entschlossen auf die viel befahrene Straße. Sofort stoppen die anfahrenden Autos aus beiden Richtungen. „So vorbildlich werden sich die Verkehrsteilnehmer sicherlich nicht immer verhalten“, schmunzelt Pust, der bei der Polizeiinspektion Bad Aibling unter anderem als Jugendverkehrserzieher tätig ist. Er steht auf der Thürhamer Straße und erklärt, wie man Schulkinder am besten über die Fahrbahn geleiten kann.
Kreuzung ist Gefahrenstelle
Kein Zufall. Denn hier, direkt an der Kreuzung zur Eichenstraße, ist zwischen 7 und 8 Uhr viel los – und die Stelle, an der viele Kinder auf dem Weg zur Luitpoldschule über die Straße müssen, wird nicht zuletzt von vielen besorgten Eltern als echte Gefahrenstelle bezeichnet. Da seitens der Stadt eine zeitnahe Verbesserung, etwa durch eine Ampel oder einen Zebrastreifen, derzeit noch nicht umsetzbar ist, organisierten sich zuletzt einige Eltern gemeinsam mit dem Elternbeirat der Grundschule, um nun übergangsweise als Schulweghelfer die Überquerung der Thürhamer Straße zu erleichtern.
In der Woche nach den Osterferien werden die bisher zehn Freiwilligen von Andre Pust eingewiesen, um anschließend auch versicherungstechnisch abgesichert zu sein. „Wir haben jetzt mal einen Plan bis zu den Pfingstferien erstellt, in dem jeden Tag einer von uns vor Ort als Schulweghelfer eingeteilt ist“, erklärt Silke Stepan. Sie ist neu im Elternbeirat und als Mutter von Kindern in der 1. und 4. Klasse direkt betroffen. „Meine Große schafft es schon über die Straße, aber gerade für die Kleineren ist das sehr gefährlich hier“, so Stepan. Während sie das sagt, rauschen nicht nur schnelle und große Autos vorbei, auch tonnenschwere Lkws schlängeln sich durch den Ort.
Auf Route
festgelegt
„Wichtig ist, Blickkontakt mit den Fahrzeugführenden aufzunehmen“, erklärt Pust den mit Warnwesten und Kellen ausgestatteten Schulweghelfern. Laut dem Polizisten sei an jener Stelle zwar noch kein Unfall passiert. „Allerdings kommen mittlerweile, gerade aus der Neubausiedlung, sehr viele Kinder hier vorbei.“ Lange Zeit hätten sich die Eltern mit der Frage beschäftigt, wo letztlich der sicherste Schulweg für die Kinder entlanggeht. „Die Eltern haben sich dann eben auf diese Route festgelegt, nur ist diese Stelle hier eben besonders gefährlich“, sagt Pust über den Schulweg entlang der Eichenstraße, wenngleich der Fußweg entlang der Ellmosener Straße (RO 19 – Kreisstraße) von den Experten als nicht gefährlich eingestuft wurde.
In der Tat beschäftigt das Thema die Stadt Bad Aibling seit längerer Zeit. Seit Beginn des Schuljahrs im Sommer 2024 gab es Diskussionen zum vermeintlich unsicheren Schulweg. Auslöser war zunächst die Sorge einer Mutter aus dem Neubaugebiet Ellmosener Wies, deren Kinder von dort aus täglich zur Luitpoldschule kommen müssen. Dabei stießen sie wie viele andere Schüler auf Herausforderungen, beklagte die Frau.
An der stark befahrenen Thürhamer Straße würden etwa viele Autos trotz der Tempo-30-Beschränkung zu schnell fahren. Die gefährliche Situation an der Kreuzung Thürhamer Straße/Eichenstraße, die aus dem Wohngebiet führt, sei zudem bekannt. An der Ellmosener Straße wurde wiederum der Mangel an sicheren Straßenübergängen kritisiert. Bürgermeister Stephan Schlier hatte gegenüber dem Mangfall-Boten zuletzt betont, dass die Stadt die Sorgen der Eltern sehr ernst nehme. Auch er bezeichnete die viel befahrene Kreuzung Thürhamer Straße/Eichenstraße als „echtes Problem“.
Da Umbauarbeiten aufgrund von fehlenden Grundstücksflächen jedoch nicht so einfach umsetzbar seien, müsse man die Möglichkeit zur Errichtung einer möglichen Ampelanlage zunächst prüfen. Da jedoch auch dahinter noch einige Fragezeichen stehen, hatte der Rathauschef das Engagement von Schulweghelfern als „gute Sofortmaßnahme“ begrüßt. Für die berufstätigen Eltern, die diesen freiwilligen Einsatz jedoch auch erst einmal zeitlich stemmen müssen, ist deshalb klar, dass es sich hierbei nur um eine „Übergangslösung“ handeln kann, wie Silke Stepan vom Elternbeirat betont. Schließlich habe die Stadt eine Ampelanlage in Aussicht gestellt.
„Mich nervt, wie hier Auto gefahren wird“
Immerhin: Die Stadt hatte zuletzt durch eine angebrachte Beschilderung und eine Straßenmarkierung den Einsatz der Schulweghelfer überhaupt erst ermöglicht. Doch um deren Einsatz auf längere Sicht zu gewährleisten, braucht es noch weitere Freiwillige, betont Stepan. Zum bisherigen Team gehört neben einigen Eltern und einem Großvater auch Claudia Weidenbrück. Sie selbst hat keine Familienangehörigen, die von der Gefahrenstelle betroffen sind, wollte sich jedoch trotzdem helfend einbringen. „Mich nervt es grundsätzlich total, wie in Bad Aibling Auto gefahren wird und es wird hier meiner Meinung nach sehr wenig Rücksicht genommen“, erklärt die Berufsschullehrerin ihre Beweggründe.
Freiwillige Helfer werden gesucht
Aus diesem Grund will sie den Kindern helfen, sicher zur Schule zu kommen. „Man muss ja nur mal schauen, was hier für ein Schwerlastverkehr unterwegs ist“, so Claudia Weidenbrück. Aufmerksam wurde sie auf das gesuchte Engagement über das Online-Portal nebenan.de. Freiwillige wie sie oder auch betroffene Eltern werden nun dringend gesucht, um sich dem Team der Schulweghelfer anzuschließen. Laut den Initiatoren könnte man mit mehr Helfern den individuellen Aufwand sehr gering halten. Sodass jeder nur etwa alle zwei bis drei Wochen eingeteilt werden würde, je nach Verfügbarkeit. Interessierte könnten sich entweder bei der Schule direkt oder auch beim Elternbeirat per E-Mail an elternbeirat.luitpold@gmail.com melden.
Um kurz vor 8 ist Polizeibeamter Andre Pust fertig mit der Einweisung der ersten Schulweghelfer, die im Anschluss auch einen Schulweghelfer-Pass ausgehändigt bekommen. Nun dürfen sie im markierten Bereich auch alleine den Verkehr unterbrechen und Schüler über die Straße lotsen. Und unabhängig davon, wie lange dieses Engagement noch notwendig sein wird und ob auch städtische Maßnahmen möglich sein werden, bleibt bei allen Beteiligten ein großer Wunsch: Die Sicherheit der Kinder im Verkehr.