„Unterricht ist interaktiver als in Italien“

von Redaktion

Interview Zwei Philosophie-Lehrerinnen über Erfahrungen mit „Job-Shadowing“ in Bad Aibling

Bad Aibling – Wer beim Wort „Job-Shadowing“ zuerst an eine neue Form des Stalkings denkt, liegt vollkommen falsch. „Job-Shadowing“ ist eine Methode, bei der eine Person einen berufstätigen Menschen bei der Arbeit begleitet, ohne selbst mitzuarbeiten, um den Arbeitsalltag und die Aufgaben in einem bestimmten Beruf zu erleben. Der „Schatten“ beobachtet die Tätigkeit des Partners, stellt Fragen und erhält Einblicke in den Arbeitsbereich. Die italienischen Philosophie-Lehrerinnen Elisabetta Clemente und Maria Laura Spinogatti besuchten im Rahmen des Programms „Erasmus+“ verschiedene Kollegen in Bad Aibling.

Was hatten Sie sich im Vorfeld von diesem Projekt erhofft?

Spinogatti: „Ich war zum vierten Mal in Bad Aibling – immer mit großer Freude –, aber meine Erwartungen waren diesmal anders. Job-shadowing ist eine ganz andere Herangehensweise an diese Reise. Der Fokus liegt nicht auf der Verantwortung für die Schüler, sondern auf der Beobachtung der Schule und der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen. Ich hatte das Gefühl, dass ich dadurch viel lernen würde – und das hat sich mehr als bestätigt. Sogar mehr, als ich gedacht hatte.“

Clemente: „Für mich war es das erste Mal überhaupt, dass ich an einem Austausch teilgenommen habe. Als mir das Projekt vorgeschlagen wurde, habe ich sofort begeistert zugesagt. Aus mehreren Gründen: Erstens, um ein anderes Schulsystem und neue Unterrichtsmethoden kennenzulernen. Zweitens, um mein Deutsch zu üben, das ich sehr gerne spreche. Und drittens, aus einem sehr persönlichen Grund: Meine Tochter war vor zehn Jahren bei diesem Austausch dabei. Es war schön, einige ihrer Erlebnisse nachzuempfinden – ein bisschen so, als wäre ich ihr dadurch näher. Ganz typisch Mama eben.“

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Gymnasium Bad Aibling?

Clemente: „Was mir sofort auffiel, waren die großen, offenen Räume – sowohl das schöne, einladende Lehrerzimmer als auch der Eingangsbereich beziehungsweise die Aula. Und die ruhige, entspannte Atmosphäre. Ich kam an einem Freitagmorgen an und sah viele Kinder in der Aula spielen, wahrscheinlich weil sie eine Freistunde hatten. Aber sie machten das ganz ruhig und diszipliniert – ohne dass jemand sie beaufsichtigen musste. Das hat mich wirklich beeindruckt: Die Schülerinnen und Schüler verhalten sich fast alle respektvoll, ohne dass Lehrkräfte wie Polizisten auftreten müssen. Ich glaube, das liegt an der deutschen Erziehung, die die Kinder von Anfang an zur Selbstständigkeit und zu Eigenverantwortung erzieht – etwas, das absolut sinnvoll ist.

Welche Hauptunterschiede zwischen den Schulsystemen konnten Sie nach einer Woche intensiver Beobachtung feststellen?

Spinogatti: „Besonders beeindruckt hat mich die Strukturierung des Schultages – Unterrichtseinheiten von 45 Minuten, dann eine Pause von 30 Minuten. Das ist ein gesunder Rhythmus für Schülerschaft und Lehrkräfte. Ich habe festgestellt, dass die Schüler auch zur sechsten Stunde noch aufmerksam und frisch sind – weil die Intervalle kürzer und die Pausen länger sind. Der Unterricht ist auch auf diese 45 Minuten abgestimmt, was sich sehr vom italienischen System unterscheidet. Bei uns dauern die Stunden 55 oder 60 Minuten, mit nur zwei Pausen von je zehn Minuten. Außerdem funktioniert das hier wahrscheinlich so gut, weil die Jugendlichen generell autonomer sind – das sieht man auch im Alltag außerhalb der Schule. Sie werden viel mehr zur Selbstständigkeit erzogen, auch von ihren Familien.

Clemente: „Was mir besonders bei den Jüngeren aufgefallen ist: Sie melden sich spontan, machen gerne mit, haben keine Angst davor, ihre Meinung zu sagen. Diese Offenheit versuchen auch wir zu fördern – leider oft mit mäßigem Erfolg.

Gab es etwas, das Sie besonders überrascht hat – etwas, womit Sie überhaupt nicht gerechnet haben?

Clemente: „Die Kollegen, die im Lehrerzimmer Weißwürste gegessen haben! Das ist natürlich ein Scherz – aber auch ein Stück Wahrheit. Es zeigt, wie angenehm das Lehrerzimmer hier genutzt wird – nicht nur als Durchgangsstation in einer Freistunde oder als Arbeitsplatz wie bei uns, sondern als echter Raum der Begegnung.“

Spinogatti: „Das sehe ich genauso. Mich hat auch beeindruckt, wie die Räume insgesamt genutzt werden. Die Lernenden wechseln die Räume je nach Fach – das ist bei uns nicht üblich, dort bleiben sie immer im gleichen Klassenzimmer. Dabei bringt der Raumwechsel eine kleine Pause für Körper und Geist – das ist gesund. Noch etwas hat mich überrascht: Lehrkräfte unterrichten hier oft zwei Fächer – zum Beispiel eine theoretische und eine sportliche Disziplin. Das wäre bei uns undenkbar, da gibt es eine sehr strenge Trennung.“

Welche Erfahrungen nehmen Sie mit – beruflich und persönlich?

Clemente: Beruflich nehme ich neue didaktische Anregungen mit – ich habe viele interessante Methoden gesehen, die mir Lust gemacht haben, auch meine eigenen Themen anders und frischer zu unterrichten. Persönlich nehme ich die ganze Entwicklung mit, die jede Reise, vor allem ins Ausland, mit sich bringt. Und die Erinnerung an wunderbare deutsche Kolleginnen und Kollegen.“

Spinogatti: „Ich kann das nur unterstreichen. Ich habe viele Lehrkräfte in unterschiedlichen Fächern beobachtet. Besonders inspirierend finde ich, wie gesagt, die Unterrichtsstunde von 45 Minuten – ich würde gern ausprobieren, wie sich der Stoff präsentieren lässt, wenn ich den Stundenaufbau auf diese Länge konzipiere. Ich habe viele Details beobachtet, wie die Lehrkräfte ihre Klassen führen, wie sie sie einbeziehen – das hat mich sehr bereichert. Ich bewundere die didaktischen und menschlichen Qualitäten der Kolleginnen und Kollegen. In Italien ist der Frontalunterricht noch sehr verbreitet – weniger interaktiv, was die Schüler oft hemmt. Und dann war da noch die Sprache: Ich habe seit fünf Jahren kaum noch Deutsch gesprochen. Dieser Austausch hat mir neuen Mut gegeben, die Sprache wieder aktiv zu nutzen – trotz Fehlern. Ich habe richtig Lust bekommen, mein Deutsch zu verbessern, vielleicht sogar Prüfungen zu machen. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.“

Da eines der Hauptziele von „Erasmus+“ die Digitalisierung ist: Haben Sie hier einen Einsatz digitaler Medien erlebt, den Sie so noch nicht kannten?

Clemente: „Nicht wirklich. Unsere Schule ist in dieser Hinsicht schon ziemlich gut aufgestellt. Aber manche Details fand ich interessant: Zum Beispiel im Lateinunterricht – dort wurden Auszüge aus Klassenarbeiten, natürlich anonymisiert, per Dokumentenkamera und Beamer gezeigt und gemeinsam besprochen. So ein Gerät haben wir nicht, es bietet aber durchaus Vorteile. Insgesamt werden digitale Medien bei uns gefördert, auch wenn nicht das ganze Kollegium gleich motiviert ist – wie halt anderswo auch.“

Spinogatti: Mir ist aufgefallen, dass die Lehrerkräfte hier sehr flexibel mit verschiedenen Medien arbeiten: Tafel, Beamer, Laptop – alles wird situationsgerecht eingesetzt. Das bringt Struktur und Rhythmus in den Unterricht und wirkt sehr ausgewogen.“

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