Bruckmühl – Leonhard Widmann, der auf einem Bauernhof im Bruckmühler Ortsteil Schnürmann aufgewachsen war, wurde 1943 in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar im Rahmen des „Euthanasie-Programms“ des Nazi-Regimes ermordet. Auf Vorschlag von Waltraud Forstner, einer Nichte des Ermordeten, und der „Initiative Erinnerungskultur“ beschloss der Marktgemeinderat 2024 die Verlegung eines Stolpersteins für das Nazi-Opfer. Nach der Abwägung mehrerer Standort-Varianten wurde der Gedenkstein jetzt in einem Festakt vor dem Haupteingang der Staatlichen Realschule Bruckmühl von Gunter Demnig verlegt.
Bewusstsein
aufrecht halten
Als die Feierstunde beginnt, kniet der Künstler Gunter Demnig nieder. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, schachtet er mit einer Maurerkelle eine Vertiefung aus, rührt etwas Beton an, setzt den messingglänzenden Stolperstein ein. Demnig macht das immer so, er redet nicht viel, er macht einfach. Seit 1992 verlegt er Stolpersteine, 117000 sind es bisher, europaweit von Norwegen bis Spanien ist er unterwegs, „zu 90 Prozent“ mache er das selbst, erzählt er.
„Diese erschütternde Geschichte von Leonhard Widmann ist beispielhaft für bittere Schicksale in einer dunklen Zeit“, erklärte Landrat Otto Lederer und fügte hinzu: „Die damaligen Heil- und Pflegeanstalten hätten Schutz bieten sollen, waren aber in Wirklichkeit Orte der Grausamkeit. Die NS-Euthanasie war eines der zynischsten Verbrechen der Geschichte.“ Die Erinnerungsarbeit müsse weitergeführt und die Verleugnung der Vergangenheit unterbunden werden. „Mit den Stolpersteinen verneigen wir uns vor den Menschen, die Opfer waren. Wir sind aufgerufen, das Bewusstsein an sie aufrechtzuerhalten“, konstatierte er abschließend. Bürgermeister Richard Richter dankte „an diesem bewegenden und bedrückenden Tag“ Realschuldirektorin Andrea Ranner dafür, „dass der Stein hier eine gute Heimat gefunden hat und hier auch die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient“. Michael Asam, weiterer stellvertretender Bezirkstagspräsident, ging in seiner Rede auf das Schicksal von Leonhard Widmann ein, der wegen einer leichten geistigen Beeinträchtigung nach einer Denunziation durch einen Ortsbauernführer im NS-Staat als „lebensunwert“ galt.
Im sogenannten Hungerhaus in Haar wurde er durch gezielte Mangelernährung ermordet. „Bei einer Einlieferung wog Leonhard 56 Kilo, bei seinem Tod nur noch 38“, schilderte er. „Der Bezirk Oberbayern hat mit großem Nachdruck daran gearbeitet, die dunkle Geschichte seiner Einrichtungen im Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Als Vertreter des Bezirks sage ich klar: Dieses Kapitel beschämt uns und verpflichtet uns. Denn Erinnerungskultur ist nicht nur Rückschau. Sie ist Verantwortung im Heute.“
Redakteur Dirk Walter, durch dessen Bericht im Münchener Merkur und im Oberbayerischen Volksblatt dieser Stolperstein ins Rollen gekommen war, trug das Grußwort der Landtagspräsidentin und „Stein-Patin“ Ilse Aigner vor. Darin heißt es unter anderem: „An jedem Stolperstein stehen wir an einem steilen, tiefen Abgrund der Unmenschlichkeit. Millionen von Menschen mussten sterben, weil sie nicht den hasserfüllten, ideologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprachen. Leonhard wurde von Ärzten und Schwestern zu Tode gepflegt. ,Eitrige Bronchitis‘ lautete die offizielle Todesursache gegenüber der Familie, doch wir wissen: Es war Mord, ideologischer Mord.“
Die Euthanasie sei laut Aigner „das Testfeld der Shoah“ gewesen. „Geschichten wie die von Leonhard, der vor aller Augen aus der Mitte seines Dorfes in den Tod geschickt wurde, machen fassungslos. Mit diesem Stolperstein ist der Wunsch verbunden, dass wir uns unsere Menschlichkeit bewahren – auch in dunklen Momenten“, so Aigner in ihrem Grußwort. „Als Demokraten, als Menschen stehen wir in der Verantwortung, unsere Gegenwart und Zukunft so zu gestalten, dass die eine entscheidende Überzeugung unbedingt und immer gewahrt wird: Die Würde des Menschen ist unantastbar!“.
Als Historiker ergänzte Dirk Walter die Ausführungen der Landtagspräsidenten mit einigen Zahlen und Fakten: Allein zwischen Januar 1940 und August 1941 wurden im Rahmen der sogenannten Euthanasie über 70000 Personen in sechs Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich ermordet. Nach Protesten wurde die sogenannte „Aktion T4“ gestoppt. Das Beispiel von Leonhard Widmann zeige aber, dass nach dem offiziellen Abbruch „stillschweigend weiter gemordet“ wurde.
Außerdem kritisierte er, dass die dafür verantwortlichen Anstaltsleiter, Ärzte und Pfleger entweder gar nicht oder sehr milde bestraft wurden, die gegen sie verhängten Haftstrafen aber nie verbüßen mussten. „Der Stolperstein für Leonhard Widmann ist nicht nur ein Gedenkstein stellvertretend für die Euthanasieopfer, sondern auch ein Mahnmal für Humanität und gegen aktuellen Rechtsextremismus“, unterstrich Walter. Schüler der Realschule und des Gymnasiums gingen in ihren Wortbeiträgen unter anderem auf den von den Nationalsozialisten verwendeten altgriechischen Begriff „Euthanasie“ ein. „Übersetzt heißt er: sanfter Tod. Aber sie haben gelogen – es war kein sanfter Tod. Menschen mit Behinderungen wurden ermordet. Wir alle sollten Menschen mit Behinderungen Mut machen und bessere Bedingungen für sie schaffen“, so die Stellungnahme der Schüler. „Denn jeder Mensch, ob mit oder ohne Einschränkung, ist wertvoll und jeder Mensch hat Fähigkeiten und Begabungen, die entdeckt und gefördert werden müssen.“
Nur ein
Beispiel von vielen
Dazu legten Schüler der Justus-von-Liebig-Schule Blumen am Gedenkstein nieder. Waltraud Forstner, Nichte des Ermordeten, erzählte Einzelheiten aus dessen Leben und bedankte sich bei allen Beteiligten für die Schaffung des Stolpersteins. „Das Schicksal von Leonhard ist ein Beispiel für unmenschliches Leiden und für Verbrechen in der NS-Zeit. Möge der Stein uns daran erinnern, für Gerechtigkeit und gegen Unmenschlichkeit einzustehen.“
Musikalisch umrahmte die Feierstunde eine Musikgruppe bestehend aus Verwandten und Nachbarn der Familie Forstner. Eröffnet und moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Thomas Nowotny von der „Initiative Erinnerungskultur-Stolpersteine für Rosenheim“. Der Arzt bekannte: „Auch die Ärzteschaft war damals mitschuldig an den Verbrechen: Ich entschuldige mich in ihrem Namen dafür.“ Zu den rund 100 Gästen zählten unter anderem die Bundestagsabgeordnete Victoria Broßart, die Bruckmühler Schulleiterinnen Alexandra Eberhardt (Gymnasium), Arabella Quiram (Justus-von-Liebig-Mittelschule) und Andrea Ranner (Staatliche Realschule) sowie die frühere Schulamtsdirektorin Veronika Käferle.