Bad Feilnbach – Ruhig wirkt er, zurückhaltend, während alle um ihn herum ihm zulächeln. Oreo weiß, gleich wartet eine wichtige Aufgabe auf ihn. Mit Michaela Kreitmair läuft er den Gang durch den Medical Park Reithof entlang bis zur Therapieabteilung. Seit zwei Jahren gehört der Vierbeiner zur Familie von Michaela Kreitmair, Therapieleitung der Bad Feilnbacher Reha-Klinik, und ist seit Neuestem sozusagen Azubi auf diesem Gebiet.
Vierbeiner bringt
Mut und Freude
Im großen Raum wartet Gisela Reiner (Name von der Redaktion geändert) schon auf den Liebling der Patienten. Nach mehreren Schlaganfällen kämpft sie sich in der Reha zurück in den Alltag, schafft es, den Rollstuhl für kurze Momente zu verlassen. Auch wenn sie ziemlich Angst hat, sich dazu auf den Vierpunkt-Stock zu stützen, mit dessen Hilfe sie ihre Gehversuche starten soll. Doch Oreo ist ihr Ansporn. Sie hat sich riesig auf ihn gefreut, sich extra zurechtgemacht. Ein breites Lächeln erhellt ihr Gesicht, als sie ihn erblickt. Zur Begrüßung darf sie ihm einen Hundekeks geben, bevor es „an die Arbeit“ geht.
Motivation
und Ansporn
Oreo läuft ein paar Schritte voraus, legt sich nieder, blickt sie an, wartet geduldig. Gisela Reiner erhebt sich mithilfe ihrer Therapeutin, greift nach dem Stock. Langsam, Schritt für Schritt, geht sie auf den Vierbeiner zu. Man merkt ihr die Anstrengung an. Aber auch den Willen, es zu schaffen. Als sie auf Oreos Höhe ankommt, gibt es Lob für die Patientin, und noch einen Keks für den Therapeutennachwuchs auf vier Pfoten. „Sie sind jetzt schon weiter gegangen als in der letzten Therapiestunde“, freuen sich die Therapeutinnen.
„Oreo hat mir Mut gemacht“, sagt Gisela Reiner, formuliert jedes Wort sorgfältig. Und entschließt sich nach kurzem Überlegen, noch ein paar Schritte draufzusetzen. Und noch einen mehr. Dann ist Schluss mit dem Kraftakt. Doch es bleiben ihr noch Momente mit dem lieb gewonnenen Begleiter, dessen Leine sie nun halten darf und mit dem sie sich gerne fotografieren lässt. „Es wäre schön, wenn er immer an meiner Seite wäre“, sagt sie. Und dass sie ohne ihn nicht so eine weite Strecke geschafft hätte.
Ein klein wenig neidische Blicke sind schon spürbar. Mit Oreo würde jeder gerne seine Therapie absolvieren. „Aber zum einen ist er noch in der Ausbildung und zum anderen kommt nicht jeder Patient für eine hundegestützte Therapie infrage“, sagt Michaela Kreitmair, die stolz auf ihren Lehrling ist. Im Alter von fünf Monaten kam der schwarz-weiße Mischlingswelpe (Barsoi und Großer Münsteraner) aus Rumänien über eine Tierschutzagentur zu ihr. Den Kontakt hatte sie von der früheren deutschen Profi-Biathletin Maren Hammerschmidt, die sich stark für den Tierschutz einsetzt. Beide kennen sich gut, denn Michaela Kreitmair war nicht nur 15 Jahre Physiotherapeutin im Profifußball, sondern auch acht Jahre für die Biathlon-Nationalmannschaft tätig, bevor sie 2014 zum Medical Park kam. Als großen Glücksfall bezeichnet es Chefarzt und Ärztlicher Direktor Professor Dr. Peter Young, dass die Therapieleitung mit so großer Erfahrung bei Krankheitsbildern nun auch die hundegestützte Therapie mit in den Medical Park bringt. Selbst ein großer Hundefreund, ist er tiergestützten Therapien in seinem Berufsleben schon des Öfteren begegnet und weiß, was damit bewirkt werden kann.
Auch er betont, dass die Konstellation natürlich passen muss und diese Therapieform nicht für jeden Patienten geeignet ist. Die hundegestützte Therapie sei eine aufwendige Therapieform und komme nur in speziellen Fällen zur Anwendung. Nach seinen Erfahrungen sprechen aber vor allem Schlaganfall- oder Parkinson-Patienten besonders gut auf Hunde an: „Menschen, die in ihrer Beweglichkeit und Sprache eingeschränkt sind und oft das Problem haben, dass sie das, was sie an Emotionalität eigentlich ausdrücken wollen, nicht mehr ausdrücken können. Eben weil sie die motorischen Mittel dazu nicht haben. Weil die Schaltzentrale im Hirn nicht so schaltet, wie sie schalten soll.“
Der Hund könne diese Hürden verringern, denn Emotion und Motivation hängen dem Experten zufolge eng zusammen: „Da können manchmal unter Umständen plötzlich Schalter eingeschaltet werden, die wir durch unsere Therapien nicht so einfach betätigen können. Von hundegestützter Therapie profitieren insbesondere Menschen mit Sprachlähmungen oder sehr ausgeprägter Spastik. Diese können sich plötzlich zumindest vorübergehend lösen – über die Emotionalität im Kontakt mit dem Hund.“
Aha-Erlebnisse
erfahren
Manche Patienten mit Sprachlähmung brächten gar keinen spontanen Satz raus. „Und plötzlich sagte letztens eine betroffene Patientin zu Oreo ,Schön, dass du da bist.‘ Ich war selbst so erstaunt, wie das funktioniert. Man liest so etwas immer nur. So richtig glaubt man es erst, wenn man es selbst erlebt“, schildert Michaela Kreitmair einen der jüngsten Erfolge. „Wir haben uns in der Therapie schon schwer bemüht, die Patientin zum Sprechen zu bringen. Und plötzlich kommt ein Hund daher. Und macht noch nicht mal was“, schmunzeln der Professor und die Therapieleiterin. Der Hund sei schließlich auch kein Zirkuspferd, das Kunststücke vorführt. Und ebenso wenig sei er Kuscheltier, wie es beispielsweise in der Pädiatrie, Psychosomatik oder Psychiatrie eingesetzt wird.
Aufgabe als
Brückenbauer
„Bei uns in der neurologischen Reha ist es Oreos Job, einfach da zu sein und den Patienten in seiner Handlung zu stützen. Ihn vielleicht um das Fitzelchen mehr zu fördern, für das der zweibeinige Therapeut viel mehr Aufwand benötigt“, erklärt Michaela Kreitmair. „Brückenbauer“ nennt sie ihn gerne – dieser Begriff bezeichne sehr gut, welche Aufgabe er hier erfüllt.
Der Kontakt zu Tieren sei eben unmittelbarer, sozusagen barrierefreier als der zum Menschen, fügt der Chefarzt hinzu. Und diesen nutze man in der hundegestützten Therapie: „Wo ein Therapeut erst einmal erklärt und spricht, was zu tun ist, läuft der Hund einfach voraus und der Patient folgt ihm intuitiv.“ Doch ersetze das Tier keinesfalls den Therapeuten, stellen Young und Kreitmair klar.
Oreo braucht nach der Einheit mit Gisela Reiner erst einmal eine Pause. Bald ist Feierabend und dann wartet ein Bad im Bach auf den gelehrigen Azubi, der gerade seine Ausbildung zum Therapiehund durchläuft. „Die Anforderungen an den Hund sind dabei sehr groß“, schildert Michaela Kreitmair, die im November ebenso die Prüfung ablegen muss wie ihr vierbeiniger Schützling. Um die Anatomie des Hundes geht es in dieser Ausbildung genauso wie um Themen wie „Erste Hilfe am Hund“, den Hundeführerschein, eine Fortbildung beim Tierarzt und vieles mehr.
Pausen sind für den
Jungspund wichtig
Für Oreo sei es prima, dass er schon in der Klinik mitmachen und lernen kann. „Meine anderen Kollegen nehmen ihre Hunde, die die Ausbildung machen, noch nicht mit.“ Umso wichtiger sei es, den Jungspund nicht zu überfordern und auf Pausen zu achten. „Sonst mag er irgendwann nicht mehr.“ Aber so lange er mag und alles gut klappt, steht seinem Dienst nichts entgegen. Allein seine Anwesenheit sorge in der Klinik für ein anderes Klima, sei es bei den Mitarbeitern oder bei den Patienten, betont auch der Chefarzt.
Oreo ist nicht der
erste Hund im Reithof
Natürlich berücksichtige man auch, dass es Menschen gebe, die auf Hunde allergisch reagieren oder Angst vor ihnen haben. Auch sei Oreos Einsatz mit dem Gesundheitsamt abgeklärt, Hygiene- und Verhaltensregeln würden eingehalten und weiter vermittelt. Schließlich ist er nicht der erste oder einzige Hund im Medical Park: „Zwei bis drei Patienten pro Jahr haben wir, die mit medizinisch verordnetem Begleithund zu uns kommen, weil sie dessen Assistenz benötigen“, so Professor Dr. Young.