Bad Aibling – Barrierefreiheit in Städten und Gemeinden bedeutet gleichzeitig mehr Lebensqualität für alle Menschen, so die Wunschvorstellung. Verschiedene Initiativen, aber auch der Freistaat Bayern, unterstützen deshalb bayerische Kommunen beim Abbau von Barrieren im öffentlichen Raum. Die Staatsregierung etwa will zum Beispiel mit praxisnahen Leitfäden und finanzieller Unterstützung im Rahmen der Städtebauförderung die Barrierefreiheit vorantreiben. Doch noch immer stoßen Menschen mit Beeinträchtigung oftmals an Grenzen. Wie sieht es dabei in Bad Aibling aus?
Gut beurteilen kann das Stadtrat Florian Weber (Bayernpartei). Er kümmert sich um das Thema Inklusion seit der vergangenen Stadtratswahl 2020, als die Referate des Gremiums neu vergeben wurden und als das damalige „Referat für Senioren und Behinderte“, welches Dieter Bräunlich (ÜWG) innehatte, aufgeteilt wurde. Weber sprach nun während einer Sitzung über die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre. „In den allermeisten Fällen, bei denen ich um Unterstützung gebeten habe, wurde gehandelt und der gute Wille war immer spürbar“, bedankte er sich zunächst bei Bürgermeister Stephan Schlier (CSU), Zweiter Bürgermeisterin Kirsten Hieble-Fritz (ÜWG) und der Verwaltung.
Jeder zehnte
Aiblinger betroffen
Laut einer Statistik des Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Senioren leben in Bad Aibling (Stand 31. Dezember 2024) 2598 Menschen mit einem Grad der Behinderung über 20. „Es sind also über zehn Prozent der Aiblinger Bürger betroffen“, erklärt Weber. Davon seien 1637 Menschen als schwerbehindert anerkannt, ihr Grad der Behinderung liegt bei mindestens 50. Der Anteil an Frauen ist mit 1412 etwas höher als der der betroffenen Männer (1186).
„Besonders bemerkenswert ist auch die Zahl der erwerbstätigen behinderten Menschen mit 968“, betont der Referent. Insbesondere wenn man bedenke, dass die Zahl der Menschen mit Behinderung speziell in der Altersstruktur über 65 Jahre sehr hoch ist. Bei aller Statistik habe sich für Weber bei Amtsantritt vor fünf Jahren zunächst ein „Definitionsproblem“ ergeben, erzählt er. „Inklusion umfasst mehr als das Bemühen um behinderte Menschen. In der Realität ist aber die Aufgabe des Inklusionsreferenten zu fast 100 Prozent die eines Behindertenbeauftragten.“ So habe sich Weber zunächst besonders als Mittler zwischen Betroffenen und der Stadtverwaltung verstanden, was tatsächlich eine wichtige Aufgabe sei. „Daraus ergab sich aber sehr schnell die Funktion eines ‚Lotsen‘, denn die wenigsten Bürger können in diesem Bereich genau zuordnen, welche Stelle für sie und für ihre Anliegen der richtige Ansprechpartner ist“, so der Stadtrat.
Viel Positives
erreicht
Verständlich, bei der Vielzahl an staatlichen und privaten Anlaufstellen. „Konkrete Hilfestellungen, etwa beim Ausfüllen eines Antrags für die Ausstellung eines Behindertenausweises, waren in der Regel selten“, sagt Weber. Wohl auch, weil die Anlaufstelle des Inklusionsreferenten anfangs noch nicht bekannt war, was sich längst „spürbar verändert“ habe. Doch was Weber zunächst überraschte: „Dass sich meist nicht die selbst Betroffenen an mich gewandt haben, sondern häufiger deren Angehörige.“ Seine ursprüngliche Idee, eine Bürgersprechstunde für Betroffene einzurichten, erwies sich auch deshalb als nicht praktikabel. Weber entschied sich für persönliche Terminvereinbarungen.
Alles in allem blickt er in den vergangenen fünf Jahren auf „eine ganze Reihe positiver Dinge“ im Bereich der Inklusion zurück, die erreicht oder erhalten worden seien. Besonders hervorzuheben: „Das Senioren- und Behindertentaxi gibt es schon länger, ist aber im Rahmen der Mobilitätshilfe von enormer Bedeutung für Aiblinger Bürger“, sagt Weber. Er sei froh, dass der Stadtrat die Mittel dazu jährlich freigibt.
Auch betont Weber, dass im Zuge des oberbayerischen Inklusionfestivals „Zamma“ im Jahr 2022 ein Stadtführer in einfacher Sprache mithilfe des historischen Vereins vorgelegt wurde. „Dieser geht inzwischen in die zweite Auflage“, so Weber. Damit sei die Stadt Bad Aibling eine von wenigen Städten dieser Größe, die so etwas vorzuweisen hat.
„Ein besonderes bekanntes und positives Vorhaben ist auch die inklusive Kletterhalle im Sportpark“, betont der Inklusionsreferent das in ganz Deutschland beachtete Projekt. Auch eine sogenannte „Toilette für alle“, die 2022 auf seine Anregung in der Therme Bad Aibling eingerichtet wurde, trage zur allgemeinen Barrierefreiheit bei. „Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen, für die eine einfache Behindertentoilette nicht geeignet ist, können hier die Toilette nutzen“, erklärt Weber. Auch jene, die nicht Besucher der Therme sind.
Wie die Inklusion in
der Schule klappt
Neben besagten Projekten, „in denen man Grundsituationen verbessert“, seien es aber besonders die Einzelfälle, die das Aufgabenfeld zeitlich bestimmten. Exemplarisch spricht Weber über ein „sehr intelligentes Kind, aber mit Einschränkungen beim Hören, Sehen und im Bewegungsapparat“. Er wurde in einer Aiblinger Grundschule eingeschult, in der bereits sein Bruder (ohne Behinderung) zur Schule ging. Durch das Zusammenwirken von Schulleitung, Verwaltung und Inklusionsreferent sei es ermöglicht worden, dass mit relativ geringen finanziellem Aufwand das Klassenzimmer ertüchtigt wurde, so Weber.
„Es wurde eine Lehrkraft gefunden, die bereit war, mit Mikro und anderen technischen Hilfsmitteln zu arbeiten.“ Nach zwei Jahren wechselte die Klasse das Klassenzimmer und auch diesmal wurde die Ausstattung unbürokratisch vorgenommen.
„Nicht so, wie ich es
mir wünschen würde“
Überhaupt gebe es laut Weber in Bad Aibling zahlreiche Einrichtungen wie verschiedene Förderschulen, Wohngruppen oder Pflegeheime, die in puncto Inklusion den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung gerecht werden. „Hier wird enormes geleistet“, betont der Referent. Auch viele Vereine, nicht nur in den Bereichen Sport und Kultur, bemühten sich, immer mehr inklusiv zu werden.
Doch Weber verschweigt nicht, dass es insgesamt auch noch einige Herausforderungen gibt. Dies zeigten zahlreiche Einzelanfragen, die sich mit alltäglichen Problemen und Hürden für Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigen. „Dabei geht es sehr oft um die Verkehrssituation in Bad Aibling“, sagt Weber. Etwa die Themen Fahrbahnquerungen oder Behindertenstellplätze beträfen die häufigsten Anfragen, die Weber erreichten. „Leider ist die ‚Erfolgsquote‘, was meine Bemühungen in diesem Bereich betrifft, noch nicht so, wie ich sie mir wünschen würde.“
Weber will das Bewusstsein im Stadtrat wie auch der Verwaltung bezüglich dieser Probleme von Mitbürgern mit Einschränkungen deshalb erweitern. So könne das Gremium bei einem Termin im September selbst erleben, „wie es ist, sich im Rollstuhl oder mit einer Sehbehinderung in der Stadtmitte zu bewegen und welche Herausforderungen das bedeutet“. Webers abschließende Worte: „Ich möchte betonen, dass Inklusion von vielen bereits gelebt und unterstützt wird. Es braucht aber alle, um das Ziel eines inklusiven Bad Aiblings zu erreichen.“