Waldheim – Mit einem zweitägigen Fest feiert der Bruckmühler Ortsteil Waldheim am kommenden Wochenende sein 100-jähriges Bestehen. Den Auftakt bildet am Samstag, 5. Juli, ab 14 Uhr ein Familienfest am Waldheimer Kinderspielplatz, dem sich ein „gemütlicher Sommerabend mit Musik“ anschließt.
Der Sonntag beginnt um 10.30 Uhr mit einem Feldgottesdienst am Kinderspielplatz. Die Festgemeinde zieht anschließend zum „Waldschlößl“, um dort bei Musik und einem guten Mittagessen den Festtag zu genießen.
Ein Bleigießer
macht den Anfang
Die Gründung des Ortes geht auf den Bleigießer Josef Völkl zurück, der seinerzeit bei der „Chemischen Fabrik Heufeld“ (später „Süd Chemie“, heute „Clariant“), arbeitete. Anfang des Jahres 1921 erfuhr er von einem Beschluss des Bayerischen Landtags über die Freigabe von staatlichen Grundstücken aus „Ödländern“ für Siedlungszwecke. Zusammen mit Arbeitskollegen und Arbeitern der Wolldeckenfabrik Bruckmühl rief er eine Genossenschaft mit dem Zweck der Errichtung einer Siedlung in der damals als Madau bekannten Mangfallau ins Leben.
Erster Vorsitzender der Genossenschaft
Am 27. Februar 1921 haben 23 Personen die „Heimgarten-Siedlungsgenossenschaft Heufeld“ gegründet und Josef Völkl zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Dieser wandte sich tags darauf mit einem Antrag an das bayerische Land- und Forstwirtschafts-Ministerium, um auf dem „Ödland“ der Mangfallau Häuser errichten zu dürfen. Doch dieser Antrag wurde zunächst abgelehnt. Nach zehn Monaten des Wartens und vielen Streitereien mit Ämtern und Bauern aus dem Umland wurden viele Mitglieder der Genossenschaft mutlos und kündigten ihre Mitgliedschaft. Es konnten trotzdem neue Mitglieder für die Idee gewonnen werden. Der Landtag hatte in der Zwischenzeit die Abgabe entsprechender Flächen zur Besiedlung durch Arbeiter zum Gesetz gemacht.
Im Spätherbst 2021 wurde der Forderung der Genossenschaft stattgegeben und es konnten die ersten 24 Parzellen (zu je 1500 Quadratmetern) ausgewiesen werden, obwohl 30 Grundstücke beantragt waren. Die Grundstücke wurden im November 2021 verlost.
In den nachfolgenden zwei Jahren haben von den 24 vom Los Begünstigten elf Bewerber ihre Grundstücke bebaut, die verbleibenden 13 Genossenschaftsmitglieder gaben ihre Grundstücke zurück. Die Grundstücke konnten nämlich erstmal nur gepachtet werden, viele Mitglieder konnten sich jedoch die Pacht nicht leisten.
1922 wurden zusätzliche 14 Grundstücke genehmigt. Ab November 1925 bestätigte das bayerische Land- und Forstwirtschafts-Ministerium den Siedlern ein Erbbaurecht auf 80 Jahre. Dieses Recht bestimmte die Nutzung für die Kleintierhaltung, den Gartenbau und legte die maximale Größe der Bebauung in Steinbauweise fest. Mit Krediten der „Chemischen“ konnten bereits ab 1924 die Siedler mit dem Bau ihrer Häuser beginnen. Die „Chemische“ versorgte ab 1928 die Siedlung auch mit Elektrizität.
Nach dem politischen Machtwechsel 1933 wurde die „Heimgarten Siedlungsgenossenschaft Heufeld“ aufgelöst. Der Vorsitzende und „Gründungsvater“ Josef Völkl musste seinen Vorstandssitz zurückgeben. Er wurde 1951 zum ersten Ehrenbürger Waldheims ernannt und starb am 4. August 1952 im 80. Lebensjahr.
Ab 1938 konnten die Grundstücke von den Siedlern zu einem Kaufpreis von 225 Reichsmark erworben werden. Bis 1950 gab es im Ortsgebiet keine Straßennamen, sondern nur Hausnummern. 1954 wurde dem Ort vom bayerischen Innenministerium der Name „Waldheim“ verliehen. Zu dieser Zeit bestand die Siedlung aus 42 Wohngebäuden und etwa 220 Einwohnern. Im Jahr 1952 wurde erstmals neben einem bestehenden Gebäude ein zweites Wohnhaus gebaut.
Damit wurde eine Bebauungswelle eingeleitet, welche bis heute nicht abgeschlossen ist.
Eine moderne Wasserversorgung konnte erst ab 1954 eingerichtet werden. Bis dahin musste das Wasser aus sogenannten Schlagbrunnen auf dem Grundstück geholt werden. Die Straßen wurden von den Siedlern als Kiesstraßen zunächst selbst angelegt und später von der Marktgemeinde ausgebaut.
Anzahl der Gebäude hat sich verdoppelt
Für das leibliche Wohl und für gesellschaftliche Zusammenkünfte gab es in Waldheim früher drei Gastwirtschaften. Heute besteht nur noch das Restaurant „Waldschlößl“. 1956 formierte sich die „Interessengemeinschaft Waldheim“ als Interessensvertretung der Anwohner gegenüber der Marktgemeinde Bruckmühl und dem Landratsamt Rosenheim. Als IG-Verantwortliche fungieren aktuell: Vorsitzender Thomas Völkl, Zweiter Vorsitzender Alfred Wedlich, Kassier Karola Schmid, Schriftführerin Michaela Heiber sowie die Beisitzer Annette Völkl, Josef Schrötter und Barbara Jung. In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Häuser renoviert, modernisiert oder erweitert. Die Anzahl der Gebäude hat sich seit den 1950er-Jahren verdoppelt.
„Charakter hat sich
bis heute gehalten“
Derzeit wohnen in Waldheim 345 Personen. Alfred Wedlich, Zweiter Vorsitzender der IG, erklärte gegenüber unserer Zeitung: „Der Charakter der Siedlung und das Miteinander der Menschen in Waldheim haben sich trotz signifikanter Nachverdichtung und zahlreichem Zuzug von außen jedoch bis heute erhalten. Spannend wird die Zukunft sein, ob es den Waldheimern gelingt, einen Weg in dem neuen Denken der Individualität und der Akzeptanz der Gemeinschaft zum Wohl aller zu finden.“