Bad Aibling – Es ist nicht der erste Vorstoß, der erfolglos blieb, doch er lässt dieser Tage dennoch aufhorchen. Bayerns Wirtschafts- und Jagdminister Hubert Aiwanger fordert ein Umdenken im Umgang mit einer Tierart, die in manchen Kommunen in den vergangenen Jahren für viel Ärger gesorgt hat. „Bei den Konflikten mit der Saatkrähe darf nicht mehr weggeschaut werden. Auf EU-Ebene müssen endlich die Voraussetzungen für eine reguläre Bejagung auch in Deutschland geschaffen werden“, forderte Aiwanger kürzlich.
Eine Forderung, die in Bad Aibling auf offene Ohren stoßen dürfte. Die Kurstadt, insbesondere der Kurpark, leidet, wie auch die Jahre zuvor, unter einer massiven Krähen-Population, die von den Aiblingern meist als echte Plage empfunden wird. Etliche Saatkrähen sorgen dort für ein teils ohrenbetäubendes Balz-Geschrei samt massiver Kot-Verschmutzung. Anwohner und Besucher beklagen die Umstände an jenem Ort, der eigentlich als Ruheoase gedacht ist. Zuletzt sprach Kurdirektor Thomas Jahn von einer „schlimmen und immer schlimmer werdenden Lage“.
Vergrämung
bislang erfolglos
Der Kommune waren in der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Bei allem Ärger über die schwarzgefiederten Saatkrähen, die sich in den hohen Bäumen tummeln und dort häuslich einrichten, um den Nachwuchs auszubrüten und großzuziehen, sind die Möglichkeiten der Stadt, die Störenfriede zu vertreiben, äußerst eingeschränkt. Denn hinsichtlich des Natur- und Artenschutzes genießen die Tiere einen besonderen Schutzstatus, der etwa eine Bejagung untersagt. Diverse Vergrämungs-Aktionen blieben erfolglos oder machten die Situation sogar noch schlimmer.
„Im März 2023 haben wir die letzte Vergrämungsaktion durchgeführt und dabei festgestellt, dass es so nicht funktioniert“, erklärt Martin Haas, Bad Aiblings Ordnungsamtsleiter, gegenüber dem OVB. Die Aktion, bei der Krähen-Nester entfernt wurden, wurde damals nur für einen Teil des Kurparks genehmigt. Die Maßnahme führte nur zu einer Verlagerung des Problems, nicht zu einer Lösung, erinnert sich Haas. Die dadurch entstandenen „Splitterkolonien“ hätten das Problem schließlich sogar noch größer gemacht. Haas: „Vor der Aktion hatten wir dort 131 Nester, danach, etwa drei Wochen später, waren es 154.“
Die vertriebenen Krähen hätten sich damals einfach woanders im Kurpark angesiedelt. Hinzu seien noch weitere Krähen gekommen, die zuvor auf Koloniesuche waren. Die ernüchternde Feststellung: „Der gesamte Kurpark hat ein großes Potenzial für die Verbreiterung der Krähenpopulation“, erklärt Haas. Diese könne man durch besagte Maßnahmen überhaupt nicht steuern. Immerhin suche sich der Vogel immer den besten Platz aus, und die Saatkrähe habe in Bad Aibling mittlerweile keinen natürlichen Feind mehr. Während man im Jahr 2022 noch 51 Nester im Kurpark gezählt hatte, ergaben die neuesten Untersuchungen vom April dieses Jahres eine Zahl von 267. „Dort leben Minimum 534 Saatkrähen, zu denen die Jungtiere noch nicht hinzugerechnet sind“, sagt Haas. „Wenn man das auf die nächsten zehn Jahre hochrechnet, kann man sich denken, was passiert.“
Erschreckende
Zahlen im Kurpark
Aufgrund der großen Belastung für Bürger, Natur und Landwirtschaft macht man sich in Bad Aibling seit langem Gedanken über hilfreiche Maßnahmen. Zuletzt wurde die Stadt Teil eines Pilotprojekts des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU). Dieses erarbeitet ein „Konzept zum Umgang mit Saatkrähenkolonien in Bayern“, was ein friedliches Nebeneinander der geschützten Vögel mit den Menschen ermöglichen soll. Dabei sollen etwa wirklich wirksame Methoden der Vergrämung entstehen, wovon dann auch Bad Aibling profitieren könnte. Doch gibt es hierbei schon konkrete Fortschritte?
Laut Ordnungsamtsleiter Haas werde derzeit an einer natürlichen Methode gearbeitet, durch die die Kolonien zumindest minimiert werden könnten. „Sollte im Rahmen einer natürlichen Dürrezeit oder eines extrem harten Winters Futterknappheit entstehen, würden die Krähen normalerweise schnell relativ viele Futteralternativen finden.“
Diese fänden die Tiere beispielsweise bei Biogasanlagen oder Wertstoffhöfen beziehungsweise Grüngutsammelstellen. Diese „künstlichen Futterquellen“ würden derzeit vom LfU gesammelt und analysiert. Ziel sei es dann, mit den entsprechenden Betreibern eine Methode zu finden, diese alternativen Futterquellen abzuschirmen.
Darüber hinaus findet Haas den Aiwanger-Vorstoß, wonach man auch Krähen bejagen dürfen soll, durchaus berechtigt. „Wichtig ist, dass wir die die Art nicht auslöschen wollen, sondern ein erträgliches Maß schaffen wollen.“ Ob das irgendwann durch das Jagen, etwa per Schuss oder durch einen Falkner, möglich sein wird, weiß Haas jedoch nicht. Er wünscht sich dennoch, dass man den Schutzstatus der Krähen hinsichtlich des Föderalismus dringend überdenkt. „Es gibt in Europa und auch in Deutschland Gebiete, die sind gar nicht betroffen, dann gibt es aber auch Kommunen, wie etwa Erding oder hier, in denen die Population zu großen Belastungen führt. Da sollte man keine pauschale Aussage zum Schutzstatus treffen.“
Künstliche Futterquellen
Noch deutlicher drückt es Aiwanger aus: „Die Zustände sind nicht mehr akzeptabel. Die Betroffenen werden mit den Problemen allein gelassen. Die Saatkrähe muss dringend für Deutschland in die Liste der jagdbaren Arten der EU-Vogelschutzrichtlinie aufgenommen werden. Dann könnten wir mit der Jagd der Situation wirkungsvoll begegnen.“