„Auch mal Nein sagen“

von Redaktion

Interview Corinna Burgemeister über den Kinderschutz

Vagen – Zuerst hatte Corinna Burgemeister überlegt, Goldschmiedin zu werden. Doch schon in jungen Jahren merkte die heute 37-Jährige, dass sie viel lieber mit Kindern zusammenarbeiten möchte. Heute ist sie die Leiterin des Pfarrkindergartens Vagen. Einen anderen Beruf kann sie sich gar nicht mehr vorstellen. Sowohl ihre Tätigkeit als auch die Einrichtung sind ihr sehr ans Herz gewachsen. „Hier wird noch Pädagogik mit Herz gelebt“, sagt Burgemeister. Besonders wichtig ist ihr und auch ihrem Team das Wohl der 63 Kinder, die sie betreuen. Im OVB-Interview erklärt sie, wie ihre Kollegen das täglich meistern und warum ein Kinderschutzkonzept nicht wegzudenken ist.

Wollten Sie schon immer Erzieherin werden?

Als die älteste von drei Geschwistern und mit vielen Cousinen und Cousins habe ich mich schon früh um Kinder gekümmert und auch mit dem Babysitten begonnen. Ich merkte schnell, dass ich gut mit Kindern umgehen kann. Ich habe dann ein Schnupperpraktikum im Kindergarten gemacht, was mir sehr gut gefiel. Mit 15 Jahren machte ich meine zweijährige Ausbildung zur Kinderpflegerin und habe sieben Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Ich wollte dann aber mehr Verantwortung übernehmen und mich mehr mit dem Thema Pädagogik auseinandersetzen. Also habe ich in einer anderen Einrichtung die Ausbildung zur Erzieherin gemacht und habe dann auch für ein paar Jahre in Mexiko in einem deutschen internationalen Kindergarten gearbeitet.

Wann haben Sie dann die Leitung im Pfarrkindergarten Vagen übernommen?

Die damalige Leiterin des Pfarrkindergartens Vagen ist in Rente gegangen und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die Einrichtung zu übernehmen. Ich bin dann als Gruppenleiterin zurückgekommen und hab eine Weiterbildung zur qualifizierten Kita-Leitung absolviert. Als Leiterin in dieser Einrichtung begeistert mich vor allem, mit meinem Team Potenziale zu erarbeiten und die Weiterentwicklung dieses Kindergartens zu begleiten, der seit 1972 besteht. Denn unser Potenzial ist enorm, auch durch die starke Einbindung in die Dorfgemeinschaft.

Das Leitziel Ihrer Einrichtung ist „der beziehungsfähige, wertorientierte, schöpferische Mensch, der sein Leben verantwortlich gestalten und den Anforderungen in Familie, Staat und Gesellschaft gerecht werden kann.“ Was steckt dahinter?

Alles, was wir hier tun, vom Handschlag am Morgen bis zu jedem kleinen Spiel, ist für die Kinder eine Erprobung des echten Lebens. Wir Erzieher haben dabei eine Vorbildfunktion, denn die Kinder nehmen wahr, wie wir uns geben und reden. Jedes Spiel ist Sozialerfahrung, Lernen von Regeln und Frustrationstoleranz. Unser Ziel ist es, wertorientierte Menschen zu erziehen, die den Mut haben, für sich selbst einzustehen. Es geht um die Balance zwischen gesellschaftlichen Regeln und der Fähigkeit, diese zu hinterfragen, nachzufragen und auch mal „Nein“ oder „Stopp“ zu sagen.

Wie bringen Sie das den Kleinen bei?

Wir greifen zum Beispiel auf gezielte Angebote wie Bilderbücher, Handpuppen oder das Kamishibai-Erzähltheater zurück, um spielerisch das Setzen von Grenzen und körperliche Selbstbestimmung („Darf ich dich umarmen?“) zu thematisieren. Es wird nicht nur vorgelesen, sondern mit den Kindern über die Situation und ihre eigenen Erfahrungen gesprochen. Eine „Gefühle-Uhr“ kann ihnen zusätzlich helfen, ihre Emotionen wahrzunehmen und auszudrücken.

Warum ist Ihnen das so wichtig, dass Kinder früh lernen, klar zu äußern, was sie gerade brauchen und was sie auf keinen Fall wollen?

Wir wollen den Kindern vermitteln, dass sie nicht gezwungen werden, sich zu äußern oder berühren zu lassen. Diese frühe Vermittlung ist wichtig, da Kinder in diesem Alter am meisten lernen. Es baut den Mut auf, sich auch in ernsten Situationen zu behaupten und auch mal einem Erwachsenen zu widersprechen.

Deshalb ist es wohl auch wichtig, dass es das Kinderschutzkonzept gibt?

Genau. Jede Einrichtung in Deutschland ist nach Paragraf 45 des Sozialgesetzbuchs gesetzlich verpflichtet, solch ein Konzept auszuarbeiten. Allerdings ist jede Einrichtung in seiner Gestaltung frei. Das Kinderschutzkonzept muss aber alle zwei Jahre überarbeitet werden, weil sich natürlich die Pädagogik und auch die Gesellschaft verändert. Wir überdenken es dieses Jahr wieder, da viele neue Kolleginnen dazu kamen. Dies wird als Verantwortung der Erzieherinnen gesehen, ihr Verhalten und ihre pädagogischen Grundsätze stetig zu reflektieren und weiterzuentwickeln, wozu auch Team-Fortbildungen mit externen Fachpersonen gehören.

Und warum genau gibt es nun dieses Konzept?

Das Kinderschutzkonzept betrifft alle Bereiche. Und wir müssen die Kinder in all diesen Bereichen schützen, denn aus jedem Bereich kann Gefahr kommen. Es umfasst also den Umgang mit Beschwerden, Verdachtsfällen im Elternhaus als auch Übergriffe unter Kindern. Es geht primär um den Schutz vor körperlicher, physischer, emotionaler und psychischer Gewalt, Vernachlässigung, Grobheit und übergriffigem Verhalten. Das sind alles sehr wichtige Themen, sowohl für die Eltern als auch für uns Erzieher.

Unter Kindern kommen sexuelle Übergriffe vor?

Selten, aber so was kann passieren. Ein wichtiger Aspekt ist die kindliche Sexualität, wobei zwischen natürlicher Neugier und Übergriffen unterschieden wird. Natürliche Neugier wird gefördert, damit Kinder zum Beispiel ihren eigenen Körper kennenlernen. Kritisch wird es, wenn ein Kind ein anderes zu sexuellen Handlungen zwingt, etwa durch Erpressung. In solchen Fällen ist ein Eingreifen der Erzieher zwingend erforderlich.

Sexuelle Übergriffe und Gewalt kommen aber nicht nur unter Kindern vor.

Genau. In solchen Fällen gibt es für Eltern und auch für Erzieher ein breites Unterstützungsnetzwerk. Bei Verdacht auf Übergriffe oder Missbrauch existieren klare Vorgehensweisen sowie zahlreiche Beratungsstellen wie Jugendamt, Caritas oder Kinderpsychologen, die sowohl Eltern als auch Einrichtungen begleiten.

Und wie gehen Sie und Ihr Team beim Thema Gewalt vor?

Bei kleineren verbalen Konflikten zwischen Kindern ermutigen wir sie, diese zunächst selbst zu lösen. Das pädagogische Personal greift erst nach Abwägung der Situation ein. Bei ernsteren Themen, wie zum Beispiel bei Gewalt, ist das anders. In Extremsituationen wird den beteiligten Kindern ein Schutzraum geboten, um die Situation zu reflektieren. Dabei wird erörtert, was passiert ist und wie sich die Kinder fühlen. Oft liegen den Konflikten längere Kettenreaktionen zugrunde. Das Personal tauscht sich auch untereinander aus und betreut die betroffenen Kinder vorübergehend enger, um frühzeitig eingreifen zu können. Vorfälle werden dokumentiert, und bei wiederholtem extremem Verhalten eines Kindes wird das Gespräch mit den Eltern gesucht. Kommunikation ist der Schlüssel zur Lösung.

Ist da noch mehr?

Es ist nicht nur der Schutz des Körpers, es ist auch der Schutz des Geistes. Der Druck auf Familien führt zu Forderungen nach längeren Kita-Öffnungszeiten und weniger Schließtagen. Lange Betreuungszeiten führen bei Kleinkindern zu emotionaler Überlastung und frühkindlichem Burnout. Während das Arbeitsschutzgesetz Erwachsene schützt und Schulkinder deutlich mehr Ferien haben, wird von den Jüngsten erwartet, diese Belastung durchzuhalten. Und hier muss einfach der Schutz der Kinder vor Überforderung im Vordergrund stehen.

Wollen Sie in Ihrer Einrichtung auch noch etwas verändern?

Die Einrichtung schafft einen geschützten Raum durch aktives Beschwerdemanagement für Kinder und Eltern. So sollen mittels Kinderkonferenzen, Kummerkästen und anonymer Umfragen Kinder direkt in die Gestaltung und Problemlösung einbezogen werden.

Interview: Jennifer Beuerlein

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