Brutale Hunde-Attacke auf Rehbock?

von Redaktion

Für Jagdpächter Josef Binder (71) aus Bad Aibling war es ein schockierender Anblick. Kürzlich fand er in seinem Revier einen schwer verwundeten Rehbock. Wie das passiert sein könnte und was er fordert, erzählt er im Mangfall-Boten.

Bad Aibling – Josef Binder hat schon vieles erlebt. Nach vielen Jahren als Jagdpächter im Jagdrevier Willing kann den 71-Jährigen so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen. Doch die Morgenstunden von Sonntag, 3. August, werden dem Aiblinger trotzdem noch lange in schrecklicher Erinnerung bleiben. Gemeinsam mit einem Mitjäger machte Binder eine grausige, eine blutige Entdeckung. Nun geht der Jagdpächter an die Öffentlichkeit, um dem „furchtbaren Leid“ ein Ende zu setzen.

„Ich bin seit vielen Jahren Jagdpächter und ich sage es gleich vorweg: Mir ist die Hege, die artgerechte Versorgung und die Beobachtung des Wildes wesentlich wichtiger als der Abschuss der Tiere“, erklärt Binder gegenüber dem OVB. Am vergangenen Sonntag habe er einen schwer verletzten Rehbock in seinem Jagdrevier zu Gesicht bekommen. Sein Kollege sei gegen 8 Uhr im Revier unterwegs gewesen, als er aus sicherer Entfernung vermeintlich zwei Rehe auf einer Wiese erspähte. „Durch das Fernglas hat er dann festgestellt, dass ein Rehbock dabei war“, sagt Binder.

„Dann folgte
das böse Erwachen“

Zu diesem Zeitpunkt sei noch nichts Auffälliges vorgefallen. „Das weibliche Tier ist abgehauen und der Rehbock konnte erlegt werden“, erzählt der 71-Jährige vom Schuss seines Kollegen. Binder selbst kam durch Zufall an diesem Morgen vorbei und suchte das erlegte Tier sodann auf, das sich noch ein paar Meter in ein Waldstück geschleppt hatte. „Als wir dann nachgeschaut haben, folgte das böse Erwachen.“ Denn was aus der Entfernung noch nicht ersichtlich war, zeigte sich nun in voller Gnadenlosigkeit. Eine faustgroße Bisswunde an der Schnauze, ein riesiges aufgerissenes Loch im Bauchraum, eine zerfetzte Keule. Der zufällige Abschuss des schwer verletzten Tieres sei in diesem Fall ein „großes Glück“ gewesen, weiß Binder. „Der Rehbock wurde so von einem langen qualvollen Tod erlöst.“

Doch wer hat ihm das angetan? „Wir haben uns sofort gefragt: War es ein Wolf, ein Luchs?“, was sich jedoch schnell ausschließen ließ. Laut Binder hätten etwa Wölfe ein solches Tier komplett zerlegt und nicht derart zurückgelassen. Ohne es letztlich beweisen zu können, ist sich der Jagdpächter deshalb sicher: „Es muss ein Hund gewesen sein.“ Binders Theorie: Ein Hundebesitzer habe die Attacke seines unangeleinten Tieres mitbekommen und ihn dann vom verletzten Rehbock entfernt. Eine Erfahrung, die der 71-Jährige in seiner Laufbahn leider nicht zum ersten Mal machen musste. So habe etwa ein Hund vor rund zwei Jahren an der Mangfall ebenfalls Rehwild gerissen.

Ähnlicher Fall im
Ghersburgwald

Auch wenn Binder seit Jahren Kontrollgänge durch sein Revier macht und aktiv auf Hundebesitzer zugeht – „die zu 80 Prozent auch Verständnis zeigen“ –, will der Jagdpächter noch einmal eindringlich darauf hinweisen: „Hunde sollen bitte angeleint werden.“ Denn er glaubt nicht, dass die Vernunft der Halter grundsätzlich nachlasse. Vielmehr gebe es schlicht einfach mehr Menschen, die sich Hunde zulegen, was wiederum zu mehr Vorfällen führe. „Die Bilder zeigen ja, was sonst passieren kann“, sagt er. Mit seiner Bitte steht Binder nicht alleine da. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im April 2023 im Bad Aiblinger Ghersburgwald. Dort wurde Jäger Karl Bauer darüber informiert, dass eine Spaziergängerin ein gerissenes Reh entdeckt hatte. „Es muss etwas passieren, damit das endlich aufhört“, sagte er damals gegenüber dem OVB. Ihm zufolge handelte es sich ebenfalls um einen Hundeangriff.

Auch er bezeichnete den Großteil der Hundehalter als vorbildlich, sie würden sich an die Leinenpflicht halten und nur die erlaubten Hauptwege im Wald nutzen. Seine Kritik richtete sich vielmehr an eine kleine Gruppe „Unverbesserlicher“, die sich respektlos gegenüber der Natur verhalte. Dieser kleine Prozentsatz der Hundehalter sorge immer wieder dafür, dass es zu derartigen Vorfällen kommt. „In den letzten zehn Jahren sind alleine in diesem Revier über 50 Rehe von Hunden angegriffen und gerissen worden“, erzählte Bauer vor zwei Jahren von der traurigen Bilanz. Hinzu komme eine hohe Dunkelziffer, da viele gerissene Rehe gar nicht gefunden werden. Bauer hatte damals gemeinsam mit der Stadt Bad Aibling zahlreiche Schilder aufgestellt, die auf die Leinenpflicht und die Einhaltung der Hauptwege hinweisen. Auch das Aiblinger Ordnungsamt bestätigte die Probleme. Leiter Martin Haas bemerkte in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Chance, die Probleme durch Bußgelder zu minimieren, recht gering sei. Die rechtlichen Möglichkeiten seien beschränkt. Überdies ist das Landratsamt für jagd- beziehungsweise naturrechtliche Fragen zuständig. Die Stadt kann nur bei Verstößen gegen die Leinenpflicht tätig werden, was jedoch oftmals schwer zu beweisen ist.

Laut Aiblinger Satzung herrscht für große Hunde über einer Schulterhöhe von 50 Zentimetern Leinenzwang, etwa in öffentlichen Anlagen, Straßen und Wegen. Josef Binder appelliert jedoch an alle Hundebesitzer, auch kleinere Tiere anzuleinen. „Wenn sie erstmal weg sind, kann es eine böse Überraschung geben“, so der 71-Jährige. Laut dem Landratsamt Rosenheim stellt ein unbeaufsichtigt in einem Jagdrevier umherlaufender Hund grundsätzlich eine Ordnungswidrigkeit dar. Wildernde Hunde dürften von den zuständigen Jägern in diesen Fällen sogar erschossen werden. Die Hunde gelten demnach als wildernd, wenn sie im Jagdrevier erkennbar dem Wild nachstellen und dieses gefährden können.

„Jagdwilderei“
ist eine Straftat

Doch die Ahndung bleibt ein Problem. Auch wenn es sich bei Hunderissen um „Jagdwilderei“ und somit um eine Straftat handelt. Solche Fälle würden in der Regel von der Polizei an die Staatsanwaltschaft übermittelt. Sollte diese das Verfahren einstellen, leitet sie den Vorgang zur Verfolgung als Ordnungswidrigkeit an das Landratsamt weiter. Hier können dann Bußgelder zwischen 150 Euro und 250 Euro verhängt werden.

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