Alarmierend trotz „Überversorgung“

von Redaktion

Gibt es genügend Hausärzte im Mangfalltal? Und wie sieht es in den einzelnen Kommunen aus? Das OVB hat eine Übersicht zusammengestellt. Und erklärt, wieso eine „Überversorgung“ für einzelne Kommunen auch negative Auswirkungen haben kann.

Bad Aibling – Droht den Bürgern aus den Mangfalltal-Kommunen Bad Aibling, Kolbermoor, Bruckmühl, Feldkirchen-Westerham, Bad Feilnbach und Tuntenhausen ein Engpass in puncto Hausärzte-Versorgung? Eher nicht, wie ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht. Denn laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) ist das Mangfalltal in puncto Hausärzte aktuell sogar „überversorgt“. Und dennoch: In Kolbermoor ist die Versorgungslage eher bedenklich.

Die KVB ist nach eigenen Angaben „für die bedarfsgerechte vertragsärztliche Versorgung“ der Patienten verantwortlich, die laut der Organisation im Bereich der Hausärzte „wohnortnah“ erfolgen soll. Daher steuert die KVB die Ansiedlung neuer Hausärzte durch den sogenannten Versorgungsgrad, der letztlich anhand der Einwohnerzahl sowie der Anzahl der angesiedelten Hausärzte berechnet wird.

Ansiedlungsstopp
bei über 110 Prozent

Liegt der Versorgungsgrad für eine Region bei 100 Prozent, gilt sie als ausreichend versorgt, ab 110 Prozent sogar als überversorgt, was auch Auswirkungen auf eine mögliche Ansiedlung neuer Hausärzte hat. Denn während sich laut KVB bei einer Versorgungslage zwischen 100 und 110 Prozent noch eine gewisse Anzahl an Hausärzten ansiedeln darf, gibt es ab einem Versorgungsgrad von über 110 Prozent einen Ansiedlungsstopp. Nur wenn ein anderer Hausarzt dort seine Tätigkeit beendet, darf sich ein neuer niederlassen.

Was derzeit für das gesamte Mangfalltal gilt, wobei die sechs Kommunen in zwei Planungsbereiche unterteilt sind: So finden sich Bad Aibling, Tuntenhausen, Feldkirchen-Westerham, Bruckmühl und Bad Feilnbach im KVB-Planungsbereich „Bad Aibling“ wieder, während Kolbermoor gemeinsam mit der Stadt Rosenheim und der Gemeinde Stephanskirchen den Planungsbereich „Rosenheim“ bildet.

Der Planungsbereich „Bad Aibling“ kommt aktuell (Stand 8. August 2025) auf einen Versorgungsgrad von 114,4 Prozent und gilt damit laut Kassenärztlicher Vereinigung als „überversorgt“, auch wenn beispielsweise im Feldkirchen-Westerhamer Gemeindeteil Vagen nach dem Abschied von Hausärztin Dr. Diana Hartmann im Frühjahr 2024 kein Hausarzt mehr ansässig ist. Zur Berechnung der Versorgungsquote hatte die KVB die Einwohnerzahlen des Bayerischen Landesamts für Statistik (LfStat) zum Stichtag 31. Dezember 2024 herangezogen.

19 Hausärzte in der
Kurstadt Bad Aibling

Aufgedröselt auf die einzelnen Kommunen bedeutet das, dass in der Stadt Bad Aibling, in der zum 31. Dezember 2024 insgesamt 18497 Menschen gemeldet waren, aktuell 19 Hausärzte niedergelassen sind. In Bruckmühl (Einwohner: 16735) sind es zwölf, in Feldkirchen-Westerham (Einwohner: 10742) sieben, in Bad Feilnbach (Einwohner: 8198) fünf und in Tuntenhausen (Einwohner: 7074) vier Hausärzte.

Von den insgesamt 47 im KVB-Planungsbereich „Bad Aibling“ niedergelassenen Hausärzten ist die Mehrzahl (24) weiblich. Der Altersdurchschnitt beträgt 54,6 Jahre und liegt damit knapp unter dem bayernweiten Durchschnitt von 55,0 Jahren. Wobei 19 der Hausärztinnen und Hausärzte in der Region bereits 60 Jahre und älter sind. Jeder fünfte der Hausärzte ist hingegen noch keine 45 Jahre alt (21,3 Prozent).

Dr. Suldinger wünscht sich mehr Flexibilität

Auch der KVB-Planungsbereich Rosenheim, in dem auch die Stadt Kolbermoor liegt, gilt aktuell mit einem Versorgungsgrad von 114,05 Prozent als „überversorgt“. Von den 73 Hausärzten, die in diesem Gebiet niedergelassen sind, ist ebenfalls die knappe Mehrheit (37) weiblich. Der Altersdurchschnitt liegt mit 53,9 Jahren ebenfalls unter dem bayerischen Schnitt (55 Jahre). Knapp ein Viertel der Hausärzte (24,7 Prozent) sind dagegen noch keine 45 Jahre alt. Wobei der eigentliche Versorgungsgrad der Stadt Kolbermoor durch die hohe Hausärztedichte in der Stadt Rosenheim (65274 Einwohner) – dort sind 56 ansässig – verwässert wird. Denn Kolbermoor selbst, die einwohnerstärkste Stadt des Landkreises Rosenheim, hat mit derzeit neun Hausärzten gerade einmal einen Hausarzt mehr als die dritte Kommune des KVB-Planungsbereichs Rosenheim, Stephanskirchen, in der aber nur 10558 Menschen leben.

Vergleicht man die Anzahl der Hausärzte in Kolbermoor mit der Nachbarstadt Bad Aibling, die annähernd so viele Einwohner hat, allerdings eine Kurstadt ist, so kommt Bad Aibling auf mehr als die doppelte Anzahl an Hausärzten. Und selbst die Marktgemeinde Bruckmühl, in der über 2000 Menschen weniger leben, hat drei Hausärzte mehr vorzuweisen.

Kolbermoors Problem: Aufgrund der „Überversorgung“, die der KVB dem Planungsbereich Rosenheim bescheinigt, kann sich in der Kommune derzeit nur ein weiterer Hausarzt niederlassen, wenn dafür ein anderer seine Tätigkeit einstellt. „Da würde ich mir deutlich mehr Flexibilität seitens der KVB wünschen“, sagt daher Dr. Berthold Suldinger, der für die SPD im Kolbermoorer Stadtrat sitzt und einst selbst in Kolbermoor eine Hausarzt-Praxis geführt hat. Schließlich sei es, vor allem für ältere Menschen, nicht immer unkompliziert möglich, weitere Strecken zum Arzt auf sich zu nehmen.

Altersdurchschnitt
steigt schon länger

Letztlich habe sich diese Problematik aber bereits vor Jahrzehnten abgezeichnet, so Suldinger, nachdem nicht nur immer mehr Menschen nach Kolbermoor gezogen sind, sondern der Altersdurchschnitt der Bevölkerung auch von Jahr zu Jahr steigt. Hinzu käme, dass die wenigen Hausarztpraxen, die noch in der Stadt da sind, „am Anschlag“ seien. Was wiederum dazu führe, dass hin und wieder Patienten, die einen Hausarzt suchen, abgewiesen würden. „Man darf ja nicht vergessen, dass auch ein Arzt nur eine Batterie hat, die er aufladen kann.“

Um diesen Missstand zu beseitigen, müsste laut Suldinger noch nicht einmal „das gesamte System der Planungsbereiche“ der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns umgeschmissen werden. Es würde reichen, in Einzelfällen, beispielsweise bei Kommunen, die neben größeren Städten mit vielen Ärzten lägen, Ausnahmen bei der Neuansiedlung von Hausärzten zu ermöglichen. Doch trotz eines Hausärzte-Mangels in Kolbermoor will der Hausarzt im Ruhestand den Status quo für die Bürger des Mangfalltals nicht schlechtreden. „Natürlich kann man es immer besser machen“, sagt Suldinger. „Man muss aber auch klar und deutlich sagen: Die ärztliche Versorgung in unserer Region ist jederzeit gewährleistet.“

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