Arbeitsplatz im Weltkulturerbe

von Redaktion

Gesprächsreihe „Baukultur im Dialog“ über den Wiederaufbau von Notre-Dame

Bad Feilnbach – Baukultur gehört zum umfänglichen Ergebnis menschlicher Leistungen in Bezug auf Lebensumfeld, Traditionen, Glauben, Religion und Kultur. Die vielerorts geschätzte Sichtbarkeit bedarf daher einer Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln. Unter diesem Aspekt startete der neu benannte Baukulturbeauftragte der Gemeinde Bad Feilnbach, Thomas Zink, einen überaus gelungenen Auftakt zu seiner Gesprächsreihe „Baukultur im Dialog“.

Schutzschild durch dünne Krümmungen

Überrascht und gleichermaßen erfreut zeigte sich Zink über die große Anzahl an Interessenten, die zum Thema „Notre-Dame in Paris nach dem Brand von 2019“ den Sitzungssaal im Bad Feilnbacher Rathaus bis auf den letzten Platz füllten. Darunter Dr. Heike Hansen vom Institut für Architekturgeschichte an der Universität Stuttgart, Ernst Kögler, Geistlicher der Pfarrei Herz Jesu und Freund gotischer Baukultur, sowie Gemeinderäte.

Referent war Professor Dr. Dr. Andreas Hartmann-Virnich, Lehrstuhl für Kunstgeschichte, Archäologie und mittelalterliche Bautechniken an der „Aix-Marseille Université“ und derzeit zum Besuch seiner Mutter in Altofing. Die Kathedrale „Notre-Dame“ im Zentrum von Paris, zwischen 1163 und 1345 auf einer Insel der Seine im Zentrum von Paris errichtet, ist ein Meilenstein frühgotischer Baukunst und gehört zum meistbesuchten Denkmal der Hauptstadt. Der Dachstuhlbrand vom 15. April 2019 richtete erheblichen Schaden an. Das französische Parlament beschloss daraufhin einen Wiederaufbau des ikonischen Symbols Frankreichs. Seit 2020 befasst sich eine mehrköpfige Arbeitsgruppe, darunter Professor Dr. Dr. Andreas Hartmann-Virnich und Dr. Heike Hansen, zusammen mit anderen Abteilungen in einem Projekt mit der Wiederherstellung des bautechnischen Gewölbes unter dem Gesichtspunkt architektonischer, baugeschichtlicher und denkmalpflegerischer Herausforderungen. Einblicke in die Restaurierung und bauarchäologischen Forschungen brachten aber auch neue Erkenntnisse und Perspektiven über verschiedene Zeitepochen hinsichtlich der Baukultur, etwa in der nach Höhe ausgerichteten Gotik. Wie bauarchäologische und baustatische Forschungen im Projekt ergaben, wirkten die dünnen Krümmungen der Gewölbe (zwölf Zentimeter im Hochchor beziehungsweise 25 Zentimeter im Hochschiff) der Kathedrale während des Brandes und hohen Temperaturen als Schutzschild.

Dank dieser Gewölbe, die mittelalterliche Meisterhände schufen, blieben beim Brand ebenso Fenster unbeschadet und bedurften lediglich eines Entrußens. Spannende Einblicke gewährte Dr. Dr. Andreas Hartmann-Virnich in seine bauarchäologischen Forschungen zu Baumaterialien und Techniken etwa mit Holz- und Eisenankern, die etwa beim Chorumgang einst verwendet wurden.

Mit Stolz und Herz
bei den Aufgaben

Das Innere der Kathedrale „Notre-Dame“ leuchtet nach fünfjähriger Restaurierung im ungewohnt sehr hellen, neuen Glanz und hat einen mächtigen Werbeschub für Paris und Frankreich gebracht. Beachtlich sei inzwischen der Besucheransturm mit Führungen in einer Richtung. Bedauert werde allerdings dabei, dass es kaum möglich sei, sich etwas Zeit zu nehmen in den restaurierten Kirchenbänken, um bei einem stillen Gebet die wiedererlangte Schönheit der Kathedrale zu genießen.

Achtung und Respekt zollte Hartmann-Virnich den unzähligen Handwerkern aus allen Teilen Frankreichs und dem europäischen Raum, die mit Stolz, Freude und Herz herausfordernde Aufgaben meistern – etwa Balken in klassischer Beil- und Hautechnik wie einst im Mittelalter zu bearbeiten.

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