Lebensader und Staufalle

von Redaktion

Vor 90 Jahren wurde die Autobahn A8 durchs Mangfalltal gebaut

Mangfalltal – Schnelle Verbindung, aber auch Staufalle. Panoramaweg zu den schönsten Flecken Oberbayerns, aber auch Betonwüste. Lebensader für die Kommunen, aber auch Problembringer für Städte und Gemeinden: Die Autobahn A8 zwischen München und Salzburg, die mitten durchs Mangfalltal führt, ist eine Straße der Gegensätze. Der Bau des Abschnitts über den Irschenberg und durch die Region hatte vor 90 Jahren begonnen. Doch ist die Straße mittlerweile mehr Fluch oder mehr Segen für die Mangfalltal-Kommunen? Das OVB hat nachgehakt, wenngleich aus Bad Feilnbach und Feldkirchen-Westerham keine Antwort zu bekommen war.

Sinnbild für
ein neues Zeitalter

Am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler gewählt, verfolgte Adolf Hitler bereits im Frühjahr 1933 den Plan, ein großes Straßennetz in Deutschland zu bauen. „Es sollte das kraftvolle Sinnbild eines neuen politischen Zeitalters werden“, weiß Helmut Giese, Leiter der Heimatkundlichen Sammlung des Marktes Bruckmühl. „Sein Wunsch war, bald eine Reichsautobahn von München nach Salzburg zu bauen.“

Drei Trassenverläufe wurden damals diskutiert: Eine Option war eine Autostraße durch das Mangfalltal über Helfendorf, Bruckmühl und Bad Aibling und weiter über das Weitmoos in Richtung Salzburg. „Das wäre die einfachste Lösung gewesen“, ist Giese überzeugt. Als andere Option galt eine Streckenführung über Ebersberg und Wasserburg. Dritte Option: Die später verwirklichte Strecke über den Irschenberg und südlich des Chiemsees nach Salzburg.

Panoramablick gab wohl den Ausschlag

Warum sich die Reichsregierung letztlich für die laut Giese „schwierigere“ Strecke über den Irschenberg entschieden hatte, könnte mit den Eindrücken in Verbindung stehen, die der Diktator persönlich gesammelt hatte. „Bei einer Variantenbesichtigung kam Hitler zur Ortschaft Irschenberg zur sogenannten ,Schönen Aussicht‘“, weiß Giese zu berichten. „Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Berge, einen Panoramablick von der Zugspitze zur Kampenwand.“ Was Hitler begeistert haben soll.

Der offizielle Baubeginn für die neue Verbindungsstraße erfolgte dann am 21. März 1934 bei Unterhaching. Bereits im Folgejahr war laut Giese die erste Teilstrecke zwischen München und Holzkirchen fertiggestellt, mit der nächsten Teilstrecke über den Irschenberg wurde 1935, also vor 90 Jahren, begonnen, sodass es im Mai 1936 zur Eröffnung des Abschnitts zwischen München und Samerberg kommen konnte. Endgültig fertiggestellt wurde die 134 Kilometer lange Strecke zwischen München und Salzburg dann im Frühjahr 1939.

Die oberste Bauleitung für das Mega-Projekt war in München angesiedelt. Deren Chef, der Ingenieur Dr. Fritz Todt, der später zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt werden sollte, holte sich für die Berater den Landschaftsarchitekten Alwin Seifert ins Haus. „Sie wollten eine natürliche Schnellstraße mit leichten Kurven bauen, schön eingegrünt in unsere wunderbare Voralpenlandschaft“, sagt Heimatkundler Giese. „Diese natürliche Straßenführung wurde zum Vorbild für andere europäische Länder.“

Mit Schaufeln
und Pickeln

Die Arbeit war nach Angaben des Bruckmühlers alles andere als ein Zuckerschlecken. „Mit Schaufeln und Pickeln wurde geschuftet, nur wenige Maschinen waren im Einsatz“, erzählt Giese. Was oft zu Schwächeanfällen der Arbeiter geführt habe. „Fast bei jeder Witterung war es eine sehr anstrengende Arbeit, auch die Essensversorgung war schlecht.“ Pro Stunde hätten die Arbeiter damals nur 60 Pfennige verdient, weshalb viele Männer lieber in die Rüstungsindustrie gegangen seien.

Doch letztlich wurde die Autobahn nicht nur aus Prestigegründen errichtet. Sie sollte vor allem einem „schnelleren Warentransport“ dienen, aber auch touristische Ziele wie Kurorte, Seen oder das Gebirge erschließen. So sollte die A8 letztlich Hitlers „persönliche Autostraße“ werden, wie Giese verrät. „Sie führt in kurzer Zeit von München nach Salzburg. Dort, in der Nähe bei Berchtesgaden am Obersalzberg, war ja auch Hitlers persönlicher zweiter Wohnsitz.“

Doch lange konnte sich der Reichskanzler nicht an seiner Autobahn erfreuen, nachdem er selbst zunächst Europa, später dann die ganze Welt mit seinen Weltherrschaftsfantasien und seinem Rassenwahn in Brand gesetzt hatte. Nach dem von Nazi-Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg herrschte nach Angaben von Giese dann zunächst „gähnende Leere“ auf der Schnellstraße. Viele Bruckmühler hätten ihm erzählt, dass sie damals nach dem Krieg die Straße genutzt hatten, um mit dem Fahrrad an den Chiemsee oder in die Berge zu fahren, berichtet Giese gegenüber dem OVB. „Irschenberger Kinder fuhren sogar mit dem Schlitten auf der Autobahn ins Tal Richtung Dettendorf. Es kamen ja oft in der Stunde nur drei, vier Autos.“

Blechlawinen
in beide Richtungen

Drei, vier Autos in der Stunde – diese Zeit ist lange vorbei. Heute schieben sich dort, vor allem in den Ferienzeiten, nicht enden wollende Blechlawinen in beide Richtungen über die insgesamt sechs Fahrspuren. Für die Kommunen im Mangfalltal scheint die Autobahn aber dennoch mehr Segen als Fluch zu sein. Auch wenn die Straße durchaus negative Auswirkungen hat. So bringt die A8 nach Angaben von Franziska Pasternack, Sprecherin der Stadt Bad Aibling, für die Kurstadt den „großen Vorteil“, da sie „eine schnelle Verbindung nach München, ins Inntal und nach Salzburg bietet.“ Besonders Berufspendler würden davon profitieren.

Außerdem sei die Stadt dadurch für Besucher gut erreichbar. „Zudem wirken die Hinweisschilder an der schönsten Autobahn Deutschlands wie eine ständige Werbetafel für die Stadt, die täglich tausendfach gesehen wird“, gibt Pasternack zu bedenken. Sie ist überzeugt davon, dass ein Infrastrukturprojekt in dieser Größenordnung heute „kaum umsetzbar“ wäre.

Dennoch will die Stadtsprecherin nicht verleugnen, dass die gute Anbindung, beispielsweise in Richtung Landeshauptstadt München, auch negative Effekte für die Kurstadt mit sich bringt. Pasternack: „Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass die sehr gute Erschließung die Attraktivität der Wohnlage steigert und somit auch die Immobilienpreise beeinflusst.“

Weniger die Immobilienpreise, dafür viel mehr das Thema Verkehr ist es, was die Autobahn A8 für die Marktgemeinde Bruckmühl nicht rundum zu einem Gewinn macht. „Bei Stau am Irschenberg fahren die Fahrzeuge in Bad Aibling oder Hofolding ab und nutzen die Staatsstraße als Ausweichstrecke, was zu Belastungen der örtlichen Verkehrsteilnehmer führt“, sagt Martina Neuhausen von der Marktgemeindeverwaltung. „Das ist besonders an Samstagen in der Urlaubszeit ein Problem.“ Was sich aber durch das seit 15. August geltende Abfahrtsverbot bessern könnte.

Dennoch sieht auch die Marktgemeinde viele Vorteile durch die stark frequentierte Schnellstraße, so laut Neuhausen unter anderem die „schnelle Anbindung in Richtung München und Salzburg beziehungsweise Kufstein“ und die „kurzen Wege für den Lieferverkehr zu den örtlichen Firmen und Gewerbetreibenden.“ Dass die Marktgemeinde zukünftig namentlich auf einer der Abfahrten genannt wird, will die Kommune aber nicht beantragen.

Vorteilhafte
Verkehrsanbindung

Kolbermoor hingegen findet sich namentlich auf der Ausfahrt Rosenheim-West wieder. Was der Stadt durchaus gelegen kommt, wie Stadtmarketing-Chef Christian Poitsch erklärt: „Seit dem Anschluss der Westtangente B15 zur Ausfahrt ,Rosenheim-West/Kolbermoor‘ ist für Kolbermoor auch die Erreichbarkeit der Autobahn ohne den Umweg über die Auffahrten ,Bad Aibling‘ oder ,Rosenheim‘ gegeben.“ Insgesamt bedeute die Nähe zur Autobahn mit den drei „Hotspots München, Salzburg und Brenner“ für die Stadt „natürlich eine sehr verkehrsgünstige Lage.“

Staatsstraße als Ausweichroute

Was aber wiederum zur Folge hat, dass sich der Verkehr auch manchmal durch die Stadt schlängelt. „Da die Staatsstraße 2078 durch Kolbermoor eine Ausweich- und Umfahrungsroute ist, kommt es in den Ferien- und Urlaubszeiten natürlich zu erhöhtem Verkehrsaufkommen“, so Poitsch weiter. „Seit der Inbetriebnahme der stationären Blitzersäule ist allerdings die Lärmbeeinträchtigung der Anwohner in Kolbermoor durch überhöhte Geschwindigkeiten, speziell nachts, deutlich zurückgegangen.“

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