Soziale Lücke ohne Hausarzt im Gemeindeteil

von Redaktion

Seitdem die letzte Allgemeinmedizinerin in den Ruhestand gegangen ist, gibt es in Vagen keine Hausarztpraxis mehr. Zwar gibt es in den umliegenden Orten und Gemeinden genug Ersatz, doch nicht für alle Bürger sind diese Praxen gut zu erreichen.

Vagen – In Feldkirchen-Westerham gibt es insgesamt sieben Hausärzte. Doch im Gemeindeteil Vagen ist aktuell kein Allgemeinmediziner niedergelassen. „Seit eineinhalb Jahren ist das so, dass wir hier keine Allgemeinärzte haben, die Kassenpatienten behandeln“, sagt Mathias Schmid, Vorsitzender des Ortsbeirats Vagen. Im Frühjahr 2024 verabschiedete sich die letzte Hausärztin, Dr. Diana Hartmann, in den Ruhestand. Einen Nachfolger hat man bis jetzt nicht gefunden. Hat das negative Folgen für die Bürger?

Nur teilweise, wie Mathias Schmid erklärt: „Wir sind durch die angrenzenden Hausärzte in Feldkirchen, Westerham, Bruckmühl und Bad Aibling gut ausgestattet.“ Mit der Bahn und dem Auto seien die „angrenzenden“ Arztpraxen gut zu erreichen. Allerdings nicht für alle Altersgruppen, wie der Vorsitzende betont. „Zu Fuß oder mit dem Fahrrad sind die Praxen in Bruckmühl und Aibling schwieriger zu erreichen. Vor allem für die Älteren, die nicht mehr so mobil sind, ist das schon ein Problem.“ Und das sei nicht nur Mathias Schmid klar. „Es ist schon von der Gemeinde gewünscht, dass nach Vagen wieder ein Hausarzt kommt“, sagt er. Deshalb hat sich der Ortsbeirat darüber schon Gedanken gemacht.

Doch wie schafft man es, Vagen für Hausärzte wieder attraktiver zu machen? „Meine Frau und ich haben zusammen zwei Apotheken. Wir wissen, wie schwierig dieses Thema ist“, sagt Schmid. „Vor allem in kleineren Ortschaften haben es die Allgemeinärzte schwerer, Nachwuchs zu finden.“ So seien ländliche Gebiete für einige Mediziner nicht mehr so attraktiv. Die Hoffnung, dass sich das bald in Vagen ändert, sei laut Schmid eher gering.

„Für Vagen sehr
bedauerlich“

Nicht anders sieht das Feldkirchen-Westerhams Bürgermeister Johannes Zistl. „Für Vagen ist es sehr bedauerlich, da die örtliche ärztliche Versorgung bis zur Schließung der Praxis in der Mittenkirchener Straße besser war und kurze Wege grundsätzlich von Vorteil sind“, sagt der Rathauschef.

Eine Rückmeldung, die auch von den Bürgern seiner Gemeinde komme. Auch hier bedauern einige die Schließung der letzten Hausarztpraxis. Fatal sei diese Situation aber nicht. „Vagen ist nicht isoliert, sondern eng mit Feldkirchen, Westerham und Bruckmühl verbunden, wo die hausärztliche Versorgung nach wie vor sehr solide ist“, erklärt Zistl. So gibt es in Feldkirchen und Westerham insgesamt sieben Hausärzte und in Bruckmühl zwölf. Dennoch würde es nicht schaden, wenn sich ein Allgemeinmediziner auch wieder in Vagen ansiedeln würde.

Längere Anfahrten
kosten wertvolle Zeit

Allerdings könne die Gemeinde Feldkirchen-Westerham dabei nicht viel ausrichten, wie Zistl erklärt. „Die Ansiedlung von Hausärzten liegt nicht in der Zuständigkeit der Gemeinde, da es sich um freie Berufsausübung handelt und die Zulassung über die Kassenärztliche Vereinigung erfolgt.“

Trotzdem stehe die Verwaltung der Gemeinde im Austausch mit der Ärzteschaft und unterstütze diese, so gut es geht. „Zum Beispiel bei der Suche nach geeigneten Praxisräumen“, sagt Zistl. „In Vagen gibt es bereits Bemühungen, günstig gelegene Leerstände zu vermitteln. Leider ist daraus bislang keine neue Praxis entstanden.“ Allerdings drängt hier auch nicht die Zeit, da in „näherer Umgebung“ ausreichend Hausärzte für die Bürger von Vagen vorhanden sind.

Ganz so entspannt sieht das Dr. med. Michael Iberer nicht. Denn wie ernst solch eine Situation sein kann, wenn es in einem Orts- oder Stadtteil keinen Hausarzt mehr gibt, erklärt der Vorsitzende vom Ärztlichen Kreisverband Rosenheim (ÄKV). „Ich sehe solche Situationen mit großer Sorge. Gerade in Zeiten des demografischen Wandels, in denen die Zahl älterer Patienten steigt, ist die wohnortnahe hausärztliche Versorgung unverzichtbar“, erklärt Iberer. Hat ein Ortsteil keinen eigenen Hausarzt, bedeutet das für Patienten längere Wege, um sich ärztlich versorgen zu lassen. Und das kann laut Iberer auch dazu führen, dass „notwendige medizinische Hilfe verzögert oder gar nicht in Anspruch genommen wird.“ Und das betrifft vor allem ältere Menschen, chronisch Kranke oder Familien ohne Auto. Hinzu kommt, dass die „persönliche und kontinuierliche Betreuung“ darunter leidet. „Gerade im ländlichen Raum ist der Hausarzt oft die zentrale Vertrauensperson“, erklärt Iberer. „Wenn dieser fehlt, entsteht nicht nur eine medizinische, sondern auch eine soziale Lücke.“

Doch wie schafft man es nun, auch kleinere Orte für Hausärzte attraktiver zu machen? Für Iberer ist klar, dass hier die Politik ansetzen muss. „Mittelfristig ist entscheidend, dass die Politik verlässliche Rahmenbedingungen schafft: gute Vergütung, weniger Bürokratie und bessere Planbarkeit. Nur so wird die Niederlassung auch in kleinen Orten wieder attraktiv“, erklärt er.

Und das sei laut dem Arzt sehr wichtig. Denn verlässliche Rahmenbedingungen würden die medizinischen Berufe auch bei jungen Menschen wieder begehrter machen. Iberer weiß aus Erfahrung, dass immer mehr Kollegen in Teilzeit arbeiten wollen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Möglich ist das aber noch nicht überall. „Moderne Praxisformen wie Gemeinschaftspraxen oder MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) bieten dafür gute Modelle, aber ohne bessere Vergütung und mehr Planbarkeit bleiben sie unattraktiv“, so Iberer.

Schlechte Bezahlung
ist ein Problem

Der Ärztliche Kreisverband versucht, hier wenigstens etwas entgegenzuwirken. So unterstützen sie zum einen junge Ärzte, die sich für Allgemeinmedizin interessieren, und werben auch gleich damit, dass sie in den Landkreis Rosenheim ziehen. Doch durch die Bürokratie und schlechte Bezahlung funktioniere das nicht immer. „Wenn die Politik ernsthaft will, dass es auch in Zukunft in Orten wie Vagen Hausärzte gibt, dann muss sie für verlässliche, planbare und familienfreundliche Rahmenbedingungen sorgen.“

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