Biberg – Im Laden duftet es nach Kräutern. An den Wänden hängen Sträucher und Bündel getrockneter Kräuter und auf einem Regal an der Wand stehen verschlossene Gläser mit Kräutermischungen. Es sieht aus, wie man es sich im Laden einer Hexe vorstellt.
Und das ist auch richtig so, denn das ist die Kräuter-Hütt‘n von Marlene Englhart-Schweiger in Grafing. Sie bezeichnet sich selbst als Kräuterhexe. „Ich bin eine weiße Hexe, also nichts Schwarzmagisches“, erklärt Englhart-Schweiger. Sie sei spirituell sehr verbunden, aber auch an das Göttliche. „Ich bin sehr gläubig, aber das hat nichts mit einem besonderen Glauben zu tun“, sagt sie. Sie verbinde sich nämlich mit Mutter Erde und der geistigen Welt.
„Die Energien
haften sich fest“
Die Verbindung zur Natur hatte sie auch in ihrem vorherigen Beruf. Früher führte sie 29 Jahre lang einen Blumenladen. Erst verkaufte sie Kräutersträuße, dann Blumensträuße in Folienverpackung und mit Schleifen. „Damals habe ich schon fair gehandelte Blumen verkauft“, erzählt die Kräuterhexe. Sie habe bereits zu dieser Zeit Wert darauf gelegt, dass die Blumen nicht gespritzt und mit Chemie behandelt sind. Durch den Drang zum Natürlichen kam es auch dazu, dass sie den Blumenladen zumachte.
Ähnliches passiert jetzt auch mit ihrer Kräuter-Hütt‘n in Grafing. Doch dieses Mal zieht sie nur um. Denn das Haus, in dem die „Hütte“ gerade ist, wurde verkauft. Ab Januar soll alles renoviert werden und deshalb zieht sie mit ihrem Laden zu sich nach Hause. „Meine Seminare finden dort schon statt und die Hütte verlege ich auch dorthin, in einen kleineren Rahmen“, sagt die 65-Jährige. Ihr Zuhause ist ein Bauernhof in Biberg, Tuntenhausen. Sie und ihre Familie haben Räume so umgebaut, damit sie dort ab Februar weitermachen kann.
Die Kurse der Kräuterhexe sind dabei vielfältig: Salben selbst herstellen, Kurse zum Räuchern, „Gesund durch den Winter“ und auch die laut ihr sehr gefragten Räucherungen zur Sonnenwende gibt es.
Bei solch einem Kurs war Verena Bofinger aus Rosenheim dabei. „Damals hat sie mich bekehrt“, sagt die Kundin und lacht. Sie kommt seit dem Kurs regelmäßig in die Kräuter-Hütt‘n. Für sie war es damals eine Kommunikation zwischen Himmel und Erde. Dafür gäbe Marlene Englhart-Schweiger den richtigen Raum. „Entweder man geht mit, oder nicht. Aber die meisten sind dabei“, sagt Bofinger.
Diese Leute werden dann vielleicht auch in die kleine Hütte nach Biberg kommen. Noch befindet sich die Kräuter-Hütt‘n sehr zentral in Grafing. Dort laufen einige Leute vorbei, die so auf den Laden und die Kräuterhexe aufmerksam werden. Das wird in Biberg nicht mehr so sein, doch das ist für Englhart-Schweiger nicht schlimm. Über die elf Jahre, die sie den Laden in Grafing bereits führt, hat sie sich eine Stammkundschaft aufgebaut. „Zu mir kommt nicht nur die grüne Yoga-Mutti mit dem Lastenfahrrad, das hat sich total verändert. Hier kommen sie auch oft mit dem SUV oder Porsche vorgefahren“, sagt die Kräuterhexe.
Und so stand Marlene Englhart-Schweiger auch schon in einer großen Villa, um sie auszuräuchern. Denn das ist ihr Spezialgebiet, das Räuchern. Es gibt zum einen das Wohlfühl-Räuchern: „Das kann man sich einfach in die Wohnung stellen, ohne dass man den Rauchmelder ausmachen muss“, sagt sie. Dabei werden Kräuter, Harze und Hölzer in einer geringen Menge verbrannt. Es entsteht nur wenig Rauch, doch diese Form des Räucherns ist laut der Hexe häufig zum Entspannen.
Oder genau das Gegenteil, das hängt von der Zusammensetzung der Kräuter ab. „Ich habe zum Beispiel auch eine Mischung zum Konzentrieren“, sagt die Kräuterhexe.
Die jeweiligen Kräutermischungen gibt es bei ihr im Laden zu kaufen, und die stellt sie auch fast alle selbst her. Genauso wie die Mischungen zum energetischen Räuchern. „Dabei gehe ich mit einem Räucherpfännchen durch die Wohnung. Da muss man den Rauchmelder ausmachen“, erklärt sie. Denn in der Pfanne ist Kohle, die die Kräuter und Harze zum Qualmen bringt.
Das Interesse kommt
von Oma und Mutter
Mit dem Pfännchen geht Englhart-Schweiger dann durch die Wohnung oder das Haus, um es von negativen Energien zu befreien. „Wenn sich jemand umgebracht hat, jemand dort an Krebs gestorben ist oder die Mieter davor viel Streit hatten: Die Energien haften sich fest“, erklärt sie.
„In der Regel nehme ich immer reinigende und segnende Kräuter mit. Weihrauch muss für die göttliche Anbindung in die Mischung“, sagt die Kräuterhexe. Genauso muss immer die Angelica-Wurzel, auch Engelwurz genannt, mit rein. „Die bietet uns beim Räuchern einen Schutzmantel“, erklärt die Bibergerin. Wenn sie Lavendel in die Räuchermischung hinzugibt, sorgt der nicht nur für einen guten Duft, sondern desinfiziert auch. „Das ist dann zur Abgrenzung. Und bei Lungenproblemen kommt Kampfer rein. Der macht die Nase frei und ist auch noch desinfizierend“, sagt Marlene Englhart-Schweiger. Für sie geht es um die Heilkräfte der Kräuter, denn ihr zufolge trägt jede Pflanze eine Essenz in sich, welche sie beim Räuchern freigibt.
Das Wissen darüber hat sie sich über die Jahrzehnte angeeignet. Sie hat an verschiedensten Kursen teilgenommen und es auch aus alten wie neuen Schriften. „Vom Pfarrer Kneipp, von Hildegard von Bingen, in Kombination mit Erkenntnissen aus der heutigen Zeit“, sagt sie. Gleichzeitig habe sie aber auch selbst viel probiert, schließlich brauche jeder etwas anderes.
Zum Räuchern an sich und zur Natur ist sie vor allem durch ihre Mutter und Großmutter gekommen. Ihre Mutter habe Kräutersalz selbst gemacht und ihre Oma häufiger Räume ausgeräuchert. „An Heiligabend musste ich als Kind immer lange warten, bis die Männer im Stall fertig geworden sind. Und dann kam noch meine Oma und musste alles ausräuchern“, sagt Marlene Englhart-Schweiger und muss lachen.
Damals war sie vom Räuchern noch nicht so begeistert, das Interesse an den Kräutern und Blumen kam dann erst im Teenager-Alter. So wurde sie Floristin, denn eine Kräuterhexen-Ausbildung gibt es nicht.