Bad Aibling – Seit zehn Jahren gibt es den Verein „Ukalo“ in Bad Aibling, dessen rund drei Dutzend Mitglieder sich im Bereich der Entwicklungshilfe für Nepal engagieren. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen auf dem Sektor Schule und Bildung sowie im Gesundheitswesen. Um künftig auch Mittel des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe (BMZ) für „vertiefte Partnerschaften zwischen Kommunen in Deutschland und solchen im Globalen Süden“ erhalten zu können, hat Vereinsvorsitzende Dr. Marianne Weber-Keller jetzt in einem Brief an Landtagspräsidentin Ilse Aigner um Unterstützung für ihre Idee geworben, eine Partnerschaft zwischen dem Mangfalltal und einer Region in Nepal ins Leben zu rufen.
Begleitet würde eine solche Partnerschaft von der „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“ (SKEW). Die steht der Arbeit des Vereins laut Weber-Keller „grundsätzlich positiv“ gegenüber. Die SKEW weist aber darauf hin, dass Geld aus dem genannten Topf des Ministeriums nur dann fließen könne, wenn eine deutsche Kommune formal als Träger auftrete.
Bürgermeister
zeigen kein Interesse
„Unser Verein kann auch weiterhin die Zusammenarbeit aktiv verantworten. Finanzielle oder personelle Ressourcen müssen nicht eingesetzt werden“, nimmt Weber-Keller den Kommunen im Mangfalltal die Sorge, dass mit einer solchen Partnerschaft für sie Kosten oder Arbeit verbunden seien. Dennoch stehen die Chancen für eine Realisierung ihres Wunsches derzeit eher schlecht.
Ilse Aigner findet in ihrem Antwortschreiben auf eine schriftliche Anfrage des Mangfall-Boten zwar „beeindruckend, mit welchem Engagement Frau Dr. Weber-Keller dieses Projekt ins Leben gerufen hat und auch vorantreibt“, verweist die Vorsitzende aber an ihren CSU-Landtagskollegen Sebastian Friesinger. Der Grund: In ihrem Stimmkreis liegt als einzige Mangfalltal-Gemeinde nur Feldkirchen-Westerham. Mit deren Bürgermeister Johannes Zistl hat Aigners Büro telefonisch Kontakt aufgenommen, ist allerdings nicht auf positive Resonanz gestoßen.
Aigner teilt mit, dass Feldkirchen-Westerham laut Zistl bereits Partnerschaften mit Jenesien in Südtirol und Jallais in Frankreich unterhalte. Für seine Gemeinde sei es „eine ständige Aufgabe, diese Partnerschaften mit Leben zu erfüllen“. Für eine weitere, noch dazu in so großer Entfernung, bestünden „keine ausreichenden Kapazitäten“.
Sebastian Friesinger will sich in diese Angelegenheit nicht einmischen. „Das ist allein Sache der Kommunen“, sagt er zur Begründung. Mit seiner Skepsis hält der Abgeordnete allerdings nicht hinter dem Berg. „So eine Partnerschaft muss mit Leben erfüllt sein, sonst bringt sie nichts. Da ist die große Entfernung natürlich ein Hindernis“, so Friesinger. Ob sich Gemeinden in „für sie schwierigen Zeiten“ mit einer zusätzlichen freiwilligen Leistung beschäftigen wollten, halte er für fraglich.
Der Markt Bruckmühl winkt ebenfalls bereits ab. Eine zusätzliche Städtepartnerschaft sei „generell nicht geplant“, betont Bürgermeister Richard Richter, auch wenn er dem Einsatz des Vereins „höchsten Respekt“ zollt. Eine Partnerschaft erfordere viel Engagement und lebe in erster Linie vom Ehrenamt, erläutert der Rathauschef, warum er die Gemeinde nicht als den richtigen Ansprechpartner sieht.
Auch der Kolbermoorer Bürgermeister Peter Kloo findet die Arbeit des Vereins zwar „sehr wichtig und unterstützenswert“, konkrete Hilfe im Einzelfall kann die Stadt jedoch nicht leisten. „Wir sind mit unseren 16 Schmiedepartnerschaften in ganz Europa schon sehr stark beschäftigt“, nennt Kloo den Grund hierfür.
Bad Aiblings Rathauschef Stephan Schlier sieht aufgrund „stark begrenzter Personalressourcen“ und der großen Entfernung ebenfalls keine Chance, eine „institutionalisierte Partnerschaft“ ins Leben zu rufen, wie sie beispielsweise zwischen der Kurstadt und Cavaion in Italien besteht. Er erinnert jedoch daran, dass die Stadt stets als „Türöffner“ für den Fluss von Fördergeldern aus dem BMZ bereitgestanden habe und auch künftig bei Bedarf jederzeit für Gespräche mit dem Verein zur Verfügung stehe. „Vielleicht gibt es weitere Unterstützungsmöglichkeiten, die noch gar nicht in Betracht gezogen wurden“, so der Bürgermeister.
Momentan ist unklar, ob Weber-Keller Ansprechpartner findet, die für eine Kooperation mit einer Gemeinde in Nepal offen sind. In ihrem Schreiben an Ilse Aigner gab sie ihr jedenfalls auch Einblick in die beachtliche Leistungsbilanz, die der Verein seit seiner Gründung im Jahr 2015 aufzuweisen hat. Er habe bisher annähernd 900000 Euro für Projekte in dem Land aufgetrieben. Mit dem Geld habe er unter anderem nach einem schweren Erdbeben, welches Nepal im Mai 2015 erschüttert hatte, in der Region Sindhupalchowk im Nordosten der Hauptstadt Kathmandu unmittelbare Hilfe mit der Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und Planen für Behelfsunterkünfte geleistet.
Darüber hinaus hat der Mann von Weber-Keller, der in Bad Aibling eine Arztpraxis betreibt, vor allem Menschen in abgelegenen Dörfern des Landes zusammen mit örtlichen Fachleuten schon mehrfach ehrenamtlich medizinische Hilfe geleistet. Auch am Wiederaufbau der vier zerstörten Grund- und Mittelschulen, die sich in der Region befänden, habe sich der Verein beteiligt. „Im April 2016 konnten wir den größten Wunsch unseres visionären Projektpartners erfüllen und in Jethal eine zentral gelegene Oberschule bis zur Klasse 12 gründen und parallel zum Unterricht im Behelfsbau das erste Gebäude in erdbebenverträglicher Technik errichten“, schreibt Weber-Keller unter anderem in ihrem Brief an Aigner.
Die „Shree Sampada Secondary School“ (SSSS) ist nach Kenntnis der Vereinsvorsitzenden die erste Dorfschule in Nepal überhaupt, die allen Jugendlichen eine Schulbildung bis zum Abitur ermöglicht, ohne dass sie eine Schulgebühr entrichten oder in ein teures Internat wechseln müssen. Der Verein bezahle seither das Gehalt für besonders qualifizierte Lehrkräfte und stelle somit Chancengleichheit für Mädchen und junge Frauen her. Mittlerweile habe sich die SSSS zu einem Schulzentrum entwickelt, an dem über 350 Kinder und Jugendliche unterrichtet würden. Es diene für die Gemeinde zudem als Versammlungs- und Kulturzentrum.
In der Hauptstadt Kathmandu entstand aufgrund der Initiative des Vereins zudem ein Speziallabor zur Versorgung von rund 5500 Patienten, denen eine Niere transplantiert wurde. Daraus ging die „Neo Health Clinic And Lab“ hervor – eine Poliklinik mit circa 20 medizinischen Fachrichtungen. In ihr werden täglich etwa 100 Patienten behandelt. „Dank der Unterstützung der ‚National Health Care Foundation Nepal‘ wird hier auch die überwiegend arme Bevölkerungsmehrheit nach einem aktuellen medizinischen Standard versorgt“, weiß Marianne Weber-Keller.
Die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) habe über die Stiftung Klinikpartnerschaften den kollegialen Austausch zwischen Medizinern aus dem Landkreis Rosenheim sowie der Ludwig-Maximilian-Universität in München mit dem in dem Krankenhaus in Nepal arbeitenden Fachpersonal finanziert.
„Traurige
Realität vor Ort“
Das bisher letzte große Projekt schloss „Ukalo“ im Jahr 2022 ab. Auf Wunsch der Dorfbevölkerung wurde eine Trinkwasserversorgung für Jethal und einige Nachbardörfer errichtet. Dass der Verein aufgrund einer fehlenden Partnerschaft auf Fördergelder für seine weitere Arbeit, die er ansonsten wohl erhalten hätte, verzichten muss, betrübt Marianne Weber-Keller und ihren Mann. „Das ist ein Widerspruch zwischen politischer Absicht der höheren Ebene und der traurigen Realität vor Ort“, sagt Dr. Reiner Keller.