Feldkirchen-Westerham – Auch wenn es in vielen oberbayerischen Gemeinden noch üblich ist, einen Weisertwecken zum erstgeborenen Sohn einer Familie zu fahren, gestalten die Westerhamer Trachtler diesen wunderschönen Brauch zeitgemäß und unkompliziert – und sind damit ihrer Zeit erstaunlicherweise gar nicht einmal voraus – ist doch in einer aktuellen Ausgabe des Heimat- und Trachtenboten des Bayerischen Trachtenverbands zu lesen, dass bereits im 19. Jahrhundert „die frischgebackene Mutter und jedes Neugeborene besucht wurde und als Weisert stärkende Speisen oder Stoff für Kleidung mitgebracht wurde“. Erst später setzte sich durch, dass nur noch beim „Stammhalter“ ein Weisert gebracht wurde.
Nicht nur das
Flügelhorn verbindet
So machte sich eine stattliche Schar von Weisertfahrern, bestehend aus den Aktivengruppen der Westerhamer und Vagener Trachtler und dem Vagener Trachtenvereinsausschuss, auf den Weg vom Trachtenheim in Westerham, wo der Wecken mit Bändern und Zweigen aufwendig geschmückt wurde, zum Weberhof zwischen Feldkirchen und Westerham, wo Veronika und Stefan Riederer mit ihrer Tochter Marlene ihre Wohnung bezogen haben. Diese Strecke wäre prinzipiell in überschaubarer Zeit zu absolvieren, selbst mit einem Anhänger, auf dem der ansehnliche Zopf vom Pferdegespann des Vageners Matthias Heigl gezogen wurde. Wären da nicht die „Vermesser“ der Westerhamer Aktiven, die aus Sicherheitsgründen die Strecke auf schwierige und gefährliche Passagen hin überprüfen mussten. Ausgerüstet mit erstklassiger Vermessungstechnik, Bandmaß und Fluchtstäben und unter Einsatz von analog berechneten Algorithmen, von deren Ergebnissen sie wohl oft selbst überrascht waren, sorgten sie zwar für einen sicheren, aber reichlich zeitaufwendigen Transport. Zur exakten Nivellierung kam offensichtlich auch das eine oder andere Stamperl Zielwasser zum Einsatz. Eine große Abordnung der Vagener Musi, bei der beide Eltern das Instrument des Flügelhorns spielen, empfing den Tross auf halber Strecke und geleitete ihn mit etlichen Märschen zum Ziel.
Dort angekommen, dankten Georg Zistl und Franz Köll junior im Namen der Vagener Trachtler und der Musikkapelle Vagen den Eltern für ihr Engagement und überreichten Geschenke. Johannes Kröll oblag es als Vorplattler, der Westerhamer mit launigen Worten ein Dirndlgwand für Marlene als Präsent zu übergeben. Die Vagener Musi ehrte die Vollblutmusiker-Eltern mit einem Ständchen, das von ihrer Vroni souverän dirigiert wurde. Anschließend musste das kunstvoll geflochtene Backwerk, das aufgrund von Marlenes Geburtsgröße von 53 Zentimetern eine Länge von 5,30 Metern aufwies, behutsam in den ersten Stock verfrachtet werden – immer unter Aufsicht der aufmerksamen Vermesser. Aufgrund baulicher Engpässe konnten diese den Weg durch die Haustür bedauernswerterweise nicht freigeben.
Gelebte und schmackhafte Brauchtumspflege
So musste die Lade mit Gebäck über die Außentreppe und ein Vordach auf die Hochterrasse umgeleitet werden. Von dort aus ging es dann über die Küche in das Schlafzimmer der Eltern, wo der Wecken schließlich angeschnitten und den Eltern zum „Anbeißen“ übergeben werden konnte. Die Eltern, aber auch Großeltern und Verwandtschaft, freuten sich über diese gelebte Brauchtumspflege und bedankten sich dafür mit Kaffee und Kuchen bei den Gratulanten, die es sich bei Ratsch und geselliger Musik bis in die Abendstunden gutgehen ließen.