Bruckmühl – Seit 30 Jahren ist der Tod ein ständiger und wichtiger Begleiter von Annelie Michel (43) aus Bruckmühl. Doch statt dem Tod mit Angst zu begegnen, hat die Bruckmühlerin den Tod als Notwendigkeit des Lebens akzeptiert. „Es ist noch keiner dageblieben“, beschreibt die 43-Jährige die Tatsache, dass ihm niemand entrinnen kann. Daher hat es sich Michel zur Aufgabe gemacht, den Lebenden im Tod zur Seite zu stehen. Und zwar als Trauerbegleiterin.
Annelie Michel kam mit dem Tod schon früh selbst in Berührung: „Ich habe im Alter von 13 Jahren, in einem Alter, in dem man mitten in der Pubertät steckt und eigentlich andere Sorgen hat, meinen Vater verloren“, sagt die heute 43-Jährige. Den Abschied vom eigenen Vater beschreibt sie als „prägendste und lebensveränderndste Verlusterfahrung“. Hinzu kam, dass sich später auch ein Mitschüler das Leben genommen hatte.
Auch der Abschied vom
Schnuller ist ein Verlust
Erlebnisse und Erfahrungen, die sicherlich maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass Michel, die Pädagogik und Psychologie studiert hat und eine Ausbildung als Businesscoach vorweisen kann, auch dem Thema Tod treu geblieben ist. So hatte sich die in Feldkirchen-Westerham aufgewachsene Michel in München zur Hospizbegleiterin ausbilden lassen und fortan Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleitet. Ein ehrenamtliches Engagement, das getrost als Grundstein für ihr berufliches Standbein als Trauerbegleiterin bezeichnet werden kann.
„Letztlich ist es ja eine Weiterführung der Arbeit als Hospizbegleiterin“, sagt Michel. „Denn für die Verstorbenen ist der Weg mit dem Tod beendet. Die Zurückbleibenden müssen aber mit der Trauer weiterleben.“ Daher habe sie sich immer wieder die Frage gestellt, die auch heute ihr Engagement als Trauerbegleiterin bestimme: „Wie kann ich die Menschen unterstützen, mit ihrer Verlusterfahrung und dem Rucksack, den sie dadurch tragen, im Leben weiterzugehen?“
Die Antworten auf diese Fragen sind nach Angaben der zweifachen Mutter vielfältig und von der jeweiligen Person abhängig: Während für den einen die Trauerarbeit in einer Trauergruppe genau das Richtige ist, sind es bei anderen Trauerspaziergänge in der Eins-zu-Eins-Betreuung, die ihm helfen, mit dem Verlust umzugehen. Dass es in puncto Trauer große Unterschiede zwischen den Geschlechtern gäbe, glaubt Michel, die auch als Trauerrednerin im Einsatz ist, indes nicht, aber: „Bei Frauen ist vielleicht grundsätzlich die Offenheit für dieses Thema ein bisschen größer.“
Wobei die Themen Tod und Trauer insgesamt in der deutschen Gesellschaft „zu sehr tabuisiert werden“, wie Michel findet. „Ich bin da auf Partys oftmals der Partycrasher, wenn ich dann über Tod und Trauer spreche“, sagt die 43-Jährige und lacht. „Ich persönlich finde aber, dass gerade dieses Thema mitten ins Leben gehört.“ Was übrigens auch in der Vergangenheit so gewesen sei. „Früher ist ein Verstorbener daheim aufgebahrt worden, damit sich die Angehörigen verabschieden können“, sagt Michel. Heute werde der Tod eher „an den Rand geschoben“, auch wenn sie mittlerweile das Gefühl habe, dass es auch gegenteilige Strömungen gebe.
Daheim gehe sie – auch gegenüber ihren beiden Töchtern im Alter von sieben und zehn Jahren – jedenfalls ganz offen mit Tod, Trauer und Verlust um. Zumal der Mensch sein ganzes Leben mit Verlusterlebnissen konfrontiert werde, was bereits beim Abschied vom Schnuller beginne. Eine Offenheit, die Früchte trage. „So hat eine meiner Töchter erst kürzlich ganz selbstverständlich den Wunsch geäußert, dass sie selbst später unter einem Baum beerdigt werden möchte.“ Kein Wunder also, dass sich auch Annelie Michel bereits mit dem eigenen Tod auseinandergesetzt und einige Entscheidungen getroffen hat. Denn sie glaubt, dass es für Angehörige, denen es im Ernstfall „oftmals die Füße unter dem Boden wegzieht“, eine Erleichterung sei, wenn einige Dinge bereits geregelt sind.
Doch kann die Bruckmühlerin bei all dem Verlustschmerz, den sie in ihrem Job hautnah miterlebt, überhaupt daheim von Tod und Trauer abschalten? „Das ist mir – auch in der Hospizarbeit – nie schwergefallen“, sagt Michel. Sie gehe ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin zwar unter dem Motto „professionelle Nähe statt professioneller Distanz“ nach, habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich die Trauer ihrer Kunden nicht auf sie selbst übertrage. Ganz im Gegenteil: Die Arbeit würde ihr sogar helfen, nicht den Tod, sondern das Leben in den Mittelpunkt zu stellen. „Mir gibt das sehr viel Lebensbejahendes“, sagt die 43-Jährige. „Wir werden schließlich alle irgendwann sterben, also ist es am besten, wenn wir jetzt damit anfangen, bewusst zu leben.“
Zumal ihr der Tod auch keine Angst macht. „Ich bin nie im besonderen Maße spirituell gewesen, habe mich aber natürlich, wie die meisten Menschen, mit der Frage auseinandergesetzt, ob es etwas nach dem Tod gibt“, erklärt die zweifache Mutter. Und sie hat darauf für sich selbst eine Antwort gefunden, auch wenn diese „nicht dem klaren christlichen Verständnis“ vom Leben nach dem Tod entspreche.
Für die Bruckmühlerin ist
es ein „Herzensthema“
„Ich glaube, dass die Energie der Menschen in irgendeiner Form erhalten bleibt. Und daran, dass wir mit diesen Energien weiterhin in Verbindung stehen.“ Die Vorstellung, dass auch nach dem Tod etwas zurückbleibe, könne letztlich auch „viel Trost spenden“.
Sie selbst ist überzeugt davon, dass diese Energie, die beim Tod ihres Vaters freigesetzt worden ist, auch dazu beigetragen habe, dass sie diesen beruflichen Weg eingeschlagen hat. „Irgendwie hat mir das mein Vater durch seinen Tod auch mitgegeben“, sagt Michel, die den Umgang mit Trauer und Verlust gerne als ihr „Herzensthema“ bezeichnet. So will sie auch in Zukunft trauernden Menschen zur Seite stehen und für neue „Stabilität“ in deren Leben sorgen. Auch wenn das für die 43-Jährige bedeutet, dass der Tod auch in den kommenden Jahren ein ständiger und wichtiger Begleiter sein wird.