Gegen „totalen Werteverlust“
Erziehungswissenschaftler Thomas Sonnenburg spricht bei der Abschlussveranstaltung der Projektwoche vor den Schülern der Justus-von-Liebig-Schule. Foto Müller/SamPlay
Mit einem neuen Projekt, das auf Schulen in ganz Deutschland ausgerollt werden soll, will der aus dem TV bekannte Streetworker Thomas Sonnenburg gegen den „totalen Werteverlust“ in der Gesellschaft kämpfen. Wieso der 62-Jährige eine Heufelder Schule als Prototyp ausgewählt hat.
Bruckmühl – Da bekam selbst der erfahrene Sozialarbeiter, der in zahlreichen Berufsjahren jede Menge Bewegendes erlebt hatte, feuchte Augen: Als die gut 200 Schüler ab der fünften Klasse der Justus-von-Liebig-Schule in Heufeld bei Bruckmühl bereits aus der Theaterhalle strömten, trat eine junge Schülerin an Thomas Sonnenburg (62) heran und überreichte dem Erziehungswissenschaftler einen kleinen, blauen Schutzengel. „Das war schon ein ganz besonderer Moment für mich“, so Sonnenburg, der gemeinsam mit der kompletten Schulfamilie an einem Projekt gearbeitet hatte, das – geht es nach dem Wunsch von Sonnenburg und Schulleiterin Arabella Quiram – deutschlandweit ausgerollt werden soll.
Grundregeln für den
Schulalltag entwickelt
Von der „Klimaschule“ über die „Schule ohne Rassismus“ bis zur „MINT-freundlichen Schule“: Für Schulen gibt es viele Möglichkeiten, ihre Einrichtung durch ein besonderes Engagement zertifizieren zu lassen. Thomas Sonnenburg hofft, dass bald eine weitere Zertifizierung hinzukommt. Der 62-Jährige, der durch die RTL-Reallife-Serie „Die Ausreißer“ deutschlandweit Bekanntheit erlangt hatte, hat sich den Slogan „Fair ist leichter!“ schützen lassen und will dieses Motto in Schulen in ganz Deutschland tragen.
„Ich bin in meiner Tätigkeit als Sozialpädagoge viel herumgekommen und habe dabei den Eindruck gewonnen, dass es immer darum geht, gegen etwas zu sein, beispielsweise gegen Krieg, gegen Mobbing oder gegen die Umweltverschmutzung“, beschreibt der gebürtige Eisenhüttenstadter seinen Antrieb zu diesem Projekt. „Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass Kinder viel mehr bereit dazu sind, Veränderungen mitzugehen, wenn sie für etwas sein können.“ So sei ein „Nein“ grundsätzlich ein „Nein“ und unterbinde jegliche weitere Kommunikation. Sein Projekt „Fair ist leichter!“ stelle daher positive Formulierungen in den Vordergrund. So geht es darum, beispielsweise ebenfalls präventiv Mobbing entgegenzutreten, aber eben durch positive Formulierungen. Denn das ist dringend nötig, wie der 62-Jährige findet. „Wir haben in den vergangenen Jahren in unserer Gesellschaft einen totalen Werteverlust“, sagt Sonnenburg. „Das ist auch kein Gefühl, sondern eine klare Feststellung.“ So sei Mobbing heutzutage allgegenwärtig – von der Kita bis hin zum Seniorenheim. Besonders erschreckt habe ihn, wie viele Menschen er kennengelernt habe, „die aufgrund von Mobbing arbeitslos sind“.
Doch wie passt die Justus-von-Liebig-Schule im beschaulichen Bruckmühler Gemeindeteil Heufeld da ins Bild? Ist hier etwa ein Mobbing-Brennpunkt, der ein derartiges Projekt dringend nötig macht? Das Gegenteil ist der Fall: „Mir ist es wichtig, zu zeigen, dass eine Schule, die funktioniert, wie diese hier in Heufeld, dennoch zwischenmenschliche Probleme haben kann“, so Sonnenburg, der zur Region ein besonderes Verhältnis pflegt. So ist er seit Jahren Mitglied im Verein „Mut & Courage“ von Irene Durukan aus Bad Aibling. Und hat in Schulleiterin Quiram eine Mitstreiterin gefunden, die „voll und ganz hinter diesem Projekt steht“, wie sie gegenüber dem OVB betont.
Eine Woche lang hatte Sonnenburg jetzt mit Schülern, Lehrern, aber auch den Eltern gearbeitet und positiv formulierte Grundregeln für den Schulalltag entwickelt, die aber auch jenseits des Schullebens Einzug halten sollen. Festgehalten wurden diese von den einzelnen Klassen auf Plakaten und als kleine Filme, die letztlich zusammengeschnitten und zum Aushängeschild für das Projekt „Fair ist leichter!“ werden sollen.
Auch wenn bei der Vorführung der Filmclips vor den mehr als 200 Schülern in der Theaterhalle natürlich das ein oder andere Kichern zu hören war, so gab’s vor allem viel Applaus für die Aussagen der Protagonisten. „Ich spreche höflich und respektvoll mit meinen Mitmenschen – ob groß oder klein“, war beispielsweise eine dieser von einem Schüler formulierten Regeln. Ein anderer stellte klar: „Wir übernehmen Verantwortung für unser Handeln.“ Auch auf Regeln wie „Wenn wir ins Sekretariat gehen, grüßen wir höflich“, oder „Wir behandeln unsere Eltern so, wie wir selbst behandelt werden wollen“ soll ab sofort vermehrt der Fokus liegen.
Wobei aber nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrkräfte am Regelwerk mitgearbeitet haben. Diese wollen „gemeinsam an einem Strang ziehen“, „gemeinsame Lösungen in Konfliktsituationen finden“ und „Vertrauen, Offenheit und ehrliche Gespräche mit den Eltern“. Auch Quiram meldete sich in einer Videosequenz zu Wort und zeigte sich „sehr zufrieden“ mit der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule. Wobei sie sich aber „in Konfliktsituationen noch mehr Geduld“ wünsche, „damit wir eine gemeinsame Lösung hinkriegen“. Quiram abschließend: „Wir wollen gemeinsam nur das Beste für die Kinder.“
Jetzt liegt der Fokus
auf Nachhaltigkeit
Dass dieses Projekt dabei helfen kann, davon sind Arabella Quiram und Thomas Sonnenburg überzeugt. Daher soll das Projekt auch unbedingt im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend präsentiert werden. Um es dann auf möglichst viele Schulen in Deutschland ausrollen zu können und zertifizierte „Fair ist leichter!“-Schulen zu ermöglichen. „Ich bin überzeugt davon, dass wir die erste ,Fair ist leichter!‘-Schule werden“, sagt die Schulleiterin, die von Sonnenburgs Idee absolut begeistert ist.
Auch wenn das Projekt noch lange nicht zu Ende ist, sondern eigentlich erst begonnen hat. Schließlich geht es laut Sonnenburg nun darum, die aufgestellten Regeln auch nachhaltig zu verinnerlichen. Erreicht werden soll das mit einem wöchentlichen Angebot, sodass das Motto „Fair ist leichter!“ nicht nur eine abwechslungsreiche Projektwoche bleibt, sondern zum Alltag für die ganze Schulfamilie wird. Durchaus ein großes Ziel – doch was soll mit Sonnenburgs neuem Schutzengel schon schiefgehen?