„Eine Tragödie“ am Döner-Spieß

Wollten verhindern, dass Emrah Karayilan (Mitte) abgeschoben wird: SPD-Stadtrat Abuzar Erdogan und City-Döner-Chef Tuncay Sahindal. Foto Anna Heise

Wollten verhindern, dass Emrah Karayilan (Mitte) abgeschoben wird: SPD-Stadtrat Abuzar Erdogan und City-Döner-Chef Tuncay Sahindal. Foto Anna Heise

Das Unverständnis ist groß: Emrah Karayilan, ein junger Mann aus der Türkei, lebt seit drei Jahren in Rosenheim. Er hat eine Wohnung, arbeitet beim „City-Döner“ und hat sich hier ein Leben aufgebaut. Jetzt wurde sein Asylantrag abgelehnt. Ihm bleiben noch vier Wochen – dann muss er ausreisen.

von Anna Heise

Rosenheim – Emrah Karayilan kann seine Situation in einem Wort zusammenfassen. „Scheiße“, antwortet er auf die Frage, wie es ihm geht. Der junge Mann ist vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet. Er hat eine Wohnung gefunden und arbeitet seit über zwei Jahren beim Imbiss „City Döner“ in der Rosenheimer Innenstadt. „Er ist einer meiner besten Mitarbeiter und bei den Kunden wahnsinnig beliebt“, sagt sein Chef Tuncay Sahindal.

Zahlreiche Freundschaften
geschlossen

Erst vor einigen Monaten hat Karayilan seinen Führerschein gemacht, auch mit dem Deutschlernen läuft es immer besser. „Ich verstehe es besser, als ich sprechen kann“, sagt der junge Mann. Er fühlt sich wohl in Rosenheim. Er mag seine Arbeit, die Kunden und die Freundschaften, die er über die Jahre geschlossen hat. Umso größer war der Schock, als er darüber informiert wurde, dass sein Asylantrag abgelehnt wurde. Nachdem ihm auch das Ausländeramt der Stadt Rosenheim nicht weiterhelfen konnte, gibt es für Emrah Karayilan keine anderen Optionen. Er muss Deutschland verlassen. Zum Unverständnis von Tuncay Sahindal.

„Ich habe große Schwierigkeiten, überhaupt Personal zu finden“, sagt er. Dass ihm nun einer seiner besten Mitarbeiter genommen wird, trifft den Gastronomen schwer. Er blickt sich in seinem Geschäft um. Auch am frühen Nachmittag hat sich bereits eine Schlange gebildet. Einige wollen Döner, andere nehmen einen Dürüm und ein Getränk. „Die Gastro blutet aus. Niemand will heutzutage noch Döner verkaufen“, sagt Tuncay Sahindal.

Emrah Karayilan sei eine Ausnahme gewesen. Jemand, der von Montag bis Sonntag hinter der Theke stand und Döner verkaufte. Er plauderte mit den Kunden, verstand sich gut mit seinen Kollegen. Jetzt muss er gehen. Zurück in sein Heimatland, in dem er sich nicht sicher fühlt. „Meine Familie wird politisch verfolgt“, sagt er. Deshalb sei er nach Deutschland geflohen.

Doch bleiben darf er nicht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er Beruf und Wohnung hat. „Bei einem Asylverfahren zählt ausschließlich die Gefahr, die jemandem bei einer Rückkehr in sein Heimatland drohen würde“, erklärt ein Sprecher des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Bei der Entscheidung, einen Asylantrag abzulehnen, dürfe nicht berücksichtigt werden, ob die Menschen sich beispielsweise integriert haben oder arbeiten.

Allein in diesem Jahr wurden vom Bundesamt 142.495 Asylanträge entgegengenommen – 97.277 Erstanträge und 38.315 Folgeanträge. Weit über 80.000 wurden abgelehnt. „Jeder vierte Asylantrag bekommt von uns eine Zustimmung“, sagt der Sprecher der BAMF. Wenn das BAMF den Asylantrag ablehnt, besteht die Möglichkeit, Kontakt mit der Ausländerbehörde aufzunehmen. „Die Behörde kann ein Aufenthaltsrecht aussprechen“, bestätigt Christian Baab, Pressesprecher der Stadt Rosenheim. Das passiere dann, wenn geflüchtete Fachkräfte in ihren erlernten Berufen arbeiten, beispielsweise in der Pflege. Ein Bleiberecht wird aber auch dann ausgesprochen, wenn die Antragsteller einen Ausbildungsvertrag haben. Emrah Karayilan kann einen solchen nicht nachweisen.

Emrah Karayilan
ist kein Einzelfall

Fälle wie der von Emrah Karayilan sind kein Einzelfall. Sie passieren täglich. Überall in Deutschland. Fast immer hagelt es Kritik. Auch in diesem Fall. Denn als City-Döner-Chef Tuncay Sahindal von der geplanten Abschiebung seines Mitarbeiters erfahren hatte, wendete er sich an die Politik. Er suchte das Gespräch mit Abuzar Erdogan, Fraktionsvorsitzender der SPD, schrieb eine lange E-Mail an Ministerpräsident Markus Söder.

Beide meldeten sich bei ihm zurück, konnten die Entscheidung jedoch nicht abwenden. „Die Wirtschaft beklagt den Fach-, aber auch den Hilfskräftemangel, gleichzeitig will man einen Ausländer abschieben, der in einer Branche arbeitet, die schon längst kein Personal mehr findet. Das passt nicht zusammen“, kritisiert Abuzar Erdogan.

Vom Fachkräftemangel in der Gastronomie berichtet auch eine Sprecherin der Agentur für Arbeit. „Fachkräfte in der Gastronomie werden weiterhin gesucht. Die Suche gestaltet sich für die Arbeitgebenden häufig schwierig, beispielsweise aufgrund der Arbeitszeiten“, sagt sie auf OVB-Anfrage. Aufgrund des demografischen Wandels seien Arbeitgeber vor allem auf den Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland angewiesen, um den „ungebrochen hohen Personalbedarf“ zu decken. Genau das kann Tuncay Sahindal bestätigen. Er muss sich jetzt nach einem neuen Mitarbeiter umschauen. Denn Emrah Karayilan muss ausreisen. Er hat vier Wochen Zeit, um sein Leben, das er sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, zusammenzupacken. „Für unser Geschäft, aber auch für ihn persönlich ist das ein schwerer Schlag“, sagt Sahindal.

<p>Mehr Informationen zur Situation in Rosenheim von der Agentur für Arbeit gibt es auf www.ovb-online.de.</p>

Mehr Informationen zur Situation in Rosenheim von der Agentur für Arbeit gibt es auf www.ovb-online.de.

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Samstag, 11. Juli 2026
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