Von der Live-Sendung in den Landtag
Kuschelstunde und Diskussionsrunde: Viktoria Zettel mit Sohn Finni sowie im Bayerischen Landtag mit Simone Brugger und dem CSU-Abgeordneten Sascha Schnürer. Fotos re
Viktoria Zettel (36) aus Feldkirchen-Westerham kämpft um die Rechte pflegender Eltern
Feldkirchen-Westerham/München – Dass ihr ganzes Leben ein Kampf werden würde, war Viktoria Zettel (36) aus Feldkirchen-Westerham nach dem schicksalhaften Tag im Januar 2024, als ihr kleiner Sohn Finni zehn Minuten lang klinisch tot war, schnell bewusst. Was Zettel jedoch erst nach und nach lernen musste: dass sich der Kampf nicht nur darauf beschränken wird, die bestmögliche Behandlung für ihren Sohn durchzusetzen. Denn die Nebenkriegsschauplätze wie beispielsweise der Kampf um Heilmittel oder fürs Pflegegeld sind es, die die 36-Jährige so richtig wütend machen. Doch zumindest bei einem Kampf hat Viktoria Zettel jetzt unverhoffte Unterstützung gefunden.
Herzstillstand
durch Superinfektion
Gleich mehrere Infektionen, die sich im Körper des kleinen Buben Anfang 2024 zu einer Superinfektion zusammengebraut hatten, haben das Leben der Familie Zettel aus Feldkirchen-Westerham völlig auf den Kopf gestellt. Denn die Superinfektion setzte dem Organismus des Buben so zu, dass er einen Atem- und Herzstillstand erlitt, infolge dessen er schwere Gehirnschäden davontrug. Seitdem sitzt der einst so lebenslustige und aktive Bub im Rollstuhl, kann weder sprechen noch laufen.
So ist Finn Zettel, den alle liebevoll „Finni“ nennen, rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Was zur Folge hat, dass Mama Viktoria seit dem schicksalhaften Tag nicht mehr ihrem Job nachgehen konnte. Was wiederum bedeutet, dass die fünfköpfige Familie – Finni hat noch zwei größere Brüder – von Papa Mikes Gehalt leben muss. Und vom Pflegegeld, das im Falle von Finni und seinem Pflegegrad 5 derzeit monatlich 990 Euro beträgt.
Doch selbst um dieses Geld muss die Familie kämpfen: Denn wird ein Patient länger als 28 Tage im Krankenhaus behandelt, wird ab dem 29. Tag das Pflegegeld ausgesetzt, bis der Patient das Krankenhaus wieder verlässt. Was auch in Finnis Fall so war. „Ich war die ganze Zeit mit Finni im Krankenhaus, habe das Personal bei Finnis Pflege unterstützt, selbst für Finni Essen gekocht, weil er die Sondennahrung nicht richtig verträgt“, beschreibt die 36-Jährige den Tagesablauf in der Schön-Klinik Vogtareuth, in der sie Ausgaben, aber keinerlei Einnahmen verbuchen konnte. „Und ich habe auch nach den 28 Tagen damit weitergemacht, weil das für das Pflegepersonal ja gar nicht zu schaffen wäre.“
Für Viktoria Zettel eine Ungerechtigkeit, die sie nicht länger hinnehmen will. Daher hatte sie sich für die jüngste „Jetzt red i“-Sendung des Bayerischen Rundfunks, in der es ums Thema Pflege gegangen war, eine Zuschauerkarte organisiert und sich im Studio in Mühldorf auch zu Wort gemeldet. So schilderte sie gegenüber Diskussionsgast Judith Gerlach, bayerische Gesundheitsministerin, nicht nur Finnis Leidensweg, sondern auch die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen pflegende Eltern konfrontiert sind. Ihre Lösungsvorschläge: zum einen die Abschaffung der 28-Tage-Regelung beim Pflegegeld, zum anderen die Einführung eines Gehalts für Pflegende, einer Art Care-Gehalt.
„Ich hatte das Gefühl, dass Frau Gerlach wirklich eine sehr empathische Frau ist, die das Herz am rechten Fleck hat“, schildert Zettel ihre Eindrücke von Gerlach, mit der sie sich nach der Sendung noch unterhalten hatte. Doch die Antworten auf ihre Fragen beziehungsweise Vorschläge seien „eher ernüchternd“ gewesen. „Wenn die Politik sagt, dass sie darüber diskutieren will, kann man damit rechnen, dass es noch viele Jahre dauert“, glaubt Zettel, die dennoch findet: „Es ist trotzdem wichtig, dass man bei derartigen Sendungen das immer wieder ins Gedächtnis ruft.“
Zumal ihre Wortmeldung durchaus Folgen hatte. Denn nur kurze Zeit nach der Sendung nahm Sascha Schnürer, CSU-Landtagsabgeordneter aus dem Stimmkreis Mühldorf, Kontakt zu Zettel auf, um sie zu einem Gespräch in den Bayerischen Landtag einzuladen. „Herr Schnürer hat schon länger Kontakt zu Initiatoren einer Online-Petition, die sich gegen den Pflegegeld-Stopp nach 28 Tagen richtet und mittlerweile bereits über 58.000 Unterschriften hat“, verrät Zettel die Hintergründe der Kontaktaufnahme.
Mittlerweile hat das Treffen im Maximilianeum, Sitz des Landtags, auch stattgefunden – und zwar gemeinsam mit Simone Brugger, einer der Initiatorinnen der Petition. „Wir haben die Petition, die am Tag davor bereits offiziell online eingereicht worden ist, Herrn Schnürer nochmals symbolisch übergeben“, verrät Zettel. Zudem bekamen die beiden Frauen nicht nur ausführlich Gelegenheit, mit dem Abgeordneten über die Probleme pflegender Eltern zu sprechen, sondern auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die ebenfalls aus Feldkirchen-Westerham stammt, sowie Dressurreiterin Lisa Müller, die aktuell im Landtag ein Praktikum absolviert, kennenzulernen.
Trotz dieser spannenden Erfahrung: Viktoria Zettel wird nicht müde, einen wichtigen Aspekt zu wiederholen, den sie auch Ministerin Gerlach gegenüber betont hatte: „Es ist wirklich schön, wenn man Zuspruch erhält und Mitgefühl gezeigt bekommt“, sagt Finnis Mama. „Aber leider kann sich meine Familie davon nichts kaufen.“ So hofft sie nun, dass die Petition schnellstmöglich im Landtag behandelt und zu positiven Ergebnissen für pflegende Eltern führen wird. Schnürer steht jedenfalls auf der Seite von Zettel und Brugger: „Eure Geschichte hat mich tief bewegt“, sagte der Landtagsabgeordnete bei der Übergabe. „Meine Unterstützung habt ihr hier auf jeden Fall.“
Ablehnungsbescheid
auf der Heimfahrt
Auf der Heimfahrt von der BR-Live-Sendung in Mühldorf hatte sie übrigens über die App ihrer Krankenkasse den endgültigen Ablehnungsbescheid für die Fortzahlung des Pflegegeldes über die 28 Tage hinaus erhalten, nachdem sie zunächst Einspruch eingelegt hatte. „Irgendwie war auch das für mich so kurz nach der Sendung eine schicksalhafte Fügung“, findet die 36-Jährige, die sich durchaus vorstellen kann, vor dem Sozialgericht gegen den Bescheid zu klagen. Denn Viktoria Zettel wird auch in Zukunft weiterkämpfen. Für Finni. Für ihre ganze Familie. Und auch für andere pflegende Eltern, denen die Kraft für derartige Kämpfe mittlerweile ausgegangen ist.
Erinnerungsfoto: (von links) Simone Brugger, Viktoria Zettel, Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Landtagsabgeordneter Sascha Schnürer.
Dressurreiterin Lisa Müller (rechts), derzeit Praktikantin im Landtag, hatte am Gespräch mit Viktoria Zettel (links) und Simone Brugger teilgenommen.