Gebietsreform und Ärger ums „Scheißhäusl“

Die Tollitäten des Jahres 1975: Inthronisiert wurden Mucki I. und Toni I., im bürgerlichen Leben Raimunda Kudla und Toni Ernst. Foto Faschingsgilde

Die Tollitäten des Jahres 1975: Inthronisiert wurden Mucki I. und Toni I., im bürgerlichen Leben Raimunda Kudla und Toni Ernst. Foto Faschingsgilde

Bad Aibling im Jahr 1975 – Altbürgermeister Dr. Werner Keitz erinnert sich an das Geschehen

von werner keitz

Bad Aibling – Die Wunden, die die Landkreisgebietsreform des Jahres 1972 geschlagen hatte, waren nicht überall verheilt, da drohte mit der Gemeindegebietsreform neues Ungemach. Der Vorschlag der Regierung von Oberbayern zielte auf die Eingliederung der Nachbargemeinden Mietraching und Willing in die Stadt Bad Aibling ab.

Während man in Mietraching der Entwicklung mit großer Gelassenheit entgegensieht, brodelt es in Willing. Der Stadtrat stimmt dem Vorschlag der Regierung im Juli grundsätzlich zu, sieht allerdings noch Klärungsbedarf hinsichtlich der künftigen Grenzen zu Kolbermoor und Tuntenhausen. In Willing ringt sich der Gemeinderat nach Scheitern des Versuchs, mit Götting eine neue Gemeinde zu bilden, in der Jahresschluss-Sitzung dazu durch, mit Bad Aibling über einen freiwilligen Zusammenschluss zu verhandeln. Die Entscheidung war diktiert von der Vernunft – mit dem Herzen ist allerdings nur ein Teil der Willinger dabei.

Schwimmbadfrage
wird zum großen Thema

Heiße Debatten in Stadtrat und Bürgerschaft löste auch die Absicht der Triebwerkbesitzer aus, den Betrieb der Werke am Mühlbach einzustellen. Ein Vorschlag ging dahin, das Bachbett als Trasse für eine Umgehung des Ortskerns zu nutzen. Es setzte sich im Stadtrat die Meinung durch, den Mühlbach als bedeutsam für das Stadtbild auf jeden Fall zu erhalten.

Zu einem Mittelstandspolitikum entwickelte sich die Diskussion um einen Bauantrag der Eheleute Zehetmaier auf Errichtung eines SB-Marktes am Aiblinger Westend. Während die SPD darin eine Aufwertung der Einkaufsstadt Bad Aibling sah, befürchteten Teile der CSU verkehrliche Probleme und eine Beeinträchtigung des Stadtkerns. Letztlich fand das Projekt dann doch eine Mehrheit von 14:5 Stimmen.

Mehrfach beschäftigte sich der Stadtrat mit den Planungen der damals noch selbstständigen Kreissparkasse zum Neubau der Sparkassenzentrale und zur Gestaltung des Marienplatzes. Nach einer regen Diskussion quer durch die Parteien stimmte der Stadtrat auf Antrag von Stadtrat Gornig den Plänen im Oktober mit 11:9 grundsätzlich zu, sah allerdings noch Nachbesserungsbedarf bei Vorbau und Dachgestaltung. Bei der abschließenden Behandlung im Dezember ging es wieder sehr kontrovers zu. Besonders umstritten war die Gestaltung des Vorbaus. Nach drei abgelehnten Varianten setzte sich die Ausführung mit drei Giebeln und sechs Rundbögen durch. Gerd Vitzthum, damals Vorstand der Bank, sah diese Lösung als „wesensfremd“ an und verließ mit den Worten „Diese Scheißhäusl bau ich nicht“ wutentbrannt den Sitzungssaal. Gebaut wurden sie doch.

Ein großes Thema des Jahres 1975 war auch die Schwimmbadfrage. Während sich die Vorstellungen von CSU und SPD zunächst auf eine Modernisierung des Schwimmbades Harthausen konzentrierten, setzte sich in den Diskussionen immer mehr der Wunsch nach einer „großen Lösung“ mit einer Kombination von Freischwimmbad, Hallenbad, Sauna und Kunsteisbahn durch. Im Dezember entschied man sich für diese Variante und sprach sich mit 13:7 Stimmen für den Bau am Standort „Grüner Wald“ aus.

Nach Übernahme des städtischen Krankenhauses durch den Landkreis Rosenheim zu Beginn des Jahres 1975 wurden die Referate und Ausschüsse im Stadtrat neu gebildet. Dabei wurde Karl Scherer als neuer Kurreferent bestellt. Ein wichtiges Thema im Jahr – nicht nur für Ellmosen – war die Festsetzung des Bereichs „Tattenhausener Moos“ als Landschaftsschutzgebiet.

Kommunalpolitisch von Bedeutung war auch die Einweihung des Erweiterungsbaus der Schule St. Georg im April. Es entstanden ein neuer Klassentrakt, die Turnhalle und ein Allwetterplatz. Die Baukosten lagen – man glaubt es kaum – bei 2,8 Millionen Mark.

Ende Mai wird der Stückgutbahnhof aufgelassen. Damit endete auch nach 99 Jahren die Tätigkeit der Firma Knabl als „bahnamtlicher Rollführer und Flächenbediener“. Im Juni begann die Bundesbahn mit dem Bau eines neuen Stellwerks. Die Chronik vermerkt hierzu, „Fehl- oder Doppelbelegung der eingleisigen Strecke seien damit ausgeschlossen“. Das schwere Eisenbahnunglück des Jahres 2016 sollte dieses blinde Vertrauen in die Technik entzaubern.

Auftakt im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt war der traditionelle Krönungsball. Inthronisiert wurden Mucki I. und Toni I., im bürgerlichen Leben Raimunda Kudla und Toni Ernst.

Bei den Stadtmeisterschaften im Riesentorlauf, ausgetragen am Traithenkar, wurde Altmeister Karl Zillibiller abgelöst durch Karl-Heinz Bachmeier. Bei den Damen setzte sich die erst zehnjährige Brigitte Gerzer durch.

Im Kurhaus treten in der Komödie „Amphitryon“ Klaus Löwitsch und Cornelia Froboess auf. Es war ein gelungenes Spektakel. Ende Mai feierte der Rauchclub sein 100-jähriges Bestehen. Beim Festabend in der Ausstellungshalle konnten immerhin 700 Mitglieder von Karl Gall begrüßt werden.

Ende August bewegt ein Kriminalfall die Stadt. In die Raiffeisenbank in der Sedanstraße wird eingebrochen, die Täter erbeuten 300.000 Mark.

Erschüttert wurde die Stadt auch durch Unglücksfälle. Im Mai wurde der Münchener Schauspieler Kurt Großkurth, der in Bad Aibling zur Kur war, in der Rosenheimer-Straße von einem Auto erfasst und getötet. Mitte Juni verunglückte die 14-jährige Schülerin Ingrid Siferlinger beim Baden in der Mangfall. Erst sieben Wochen später konnte ihr Leichnam geborgen werden.

Altbürgermeister Dr. Werner Keitz blickt in unregelmäßigen Abständen für den Mangfall-Boten in die Geschichte Bad Aiblings.

<p>Autogrammstunde mit Hans Ernst (Mitte), Stadtrat Anton Müller (links) und Kulturreferent Dr. Keitz.Foto  Stadler</p>

Autogrammstunde mit Hans Ernst (Mitte), Stadtrat Anton Müller (links) und Kulturreferent Dr. Keitz.Foto Stadler

<p>Fuhrmann Alois Hinterstocker beim Stückguttransport, der bis 1952 mit einem Pferdefuhrwerk durchgeführt wurde. Foto Archiv Firma Knabl</p>

Fuhrmann Alois Hinterstocker beim Stückguttransport, der bis 1952 mit einem Pferdefuhrwerk durchgeführt wurde. Foto Archiv Firma Knabl

Blick in die Statistik

Heitere Missverständnisse aus dem Stadtrat

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Samstag, 11. Juli 2026
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