Bad Aibling – Lea Schätzl ist verzweifelt. „An manchen Tagen schaffe ich es nicht, 800 oder 900 Meter zu laufen“, sagt die Bad Aiblingerin mit schwacher Stimme. Die 23-Jährige leidet seit Jahren an den Folgeerscheinungen ihrer Corona-Infektionen. Während viele Mitmenschen nicht mehr als grippeähnliche Symptome für einige Tage durchmachten, haben die Covid-Erkrankungen für Schätzl auch Jahre später nicht nur auf ihre körperliche Verfassung erhebliche Auswirkungen. Zwar gebe es eine Behandlung, die ihre Symptome lindern könnte, doch die hohen Kosten dafür müsste sie selbst tragen. „Das ist so krass“, sagt die junge Frau, die sich ihr altes Leben sehnlichst zurückwünscht.
Ihre Mutter sagt:
„Das ist die Hölle“
2020 fing sich Schätzl die erste Corona-Infektion ein. „Danach ging es mir nicht so gut. Ich war ziemlich schlapp, habe mir aber nichts weiter dabei gedacht“, erzählt sie gegenüber dem OVB. Als sie zwei Jahre später erneut an Covid 19 erkrankte, war klar, dass etwas nicht stimmte. „Ich hatte danach extreme Übelkeit, auch Luftprobleme, monatelang.“ Da sie auch davor schon an Heuschnupfen litt, führten die Ärzte die Symptome auf „normale“ Allergien zurück, erinnert sie sich. Doch ihr Zustand verschlechterte sich schleichend von Jahr zu Jahr.
„Sie wurde einfach immer kraftloser“, beschreibt Mutter Birgit Wieseler den Zustand ihrer Tochter. Mittlerweile könne sie Lea kaum mehr alleine lassen. „Ich war schon ganz oft mit ihr in der Notaufnahme, bin gefühlt in ganz Deutschland von Arzt zu Arzt gerannt“, sagt Wieseler. Doch ohne Erfolg. Der Gesundheitszustand der 23-Jährigen habe sich nach und nach verschlechtert, sie sei erschöpft, habe Kreislaufprobleme und auch ihr Gewicht sei durch die Situation angestiegen.
Im September 2025 folgte dann eine neue Eskalationsstufe. „Sie hat eine ganz normale Semmel gegessen und plötzlich wurden ihre Lippen rot, schwollen an. Wir sind sofort in die Notaufnahme gefahren“, berichtet die Mutter von der allergischen Reaktion ihrer Tochter.
Es folgten Besuche beim Allergologen und die Gewissheit, dass Schätzl plötzlich kaum mehr etwas zu sich nehmen konnte, ohne dass ihr Körper allergisch reagierte. Auch Schmerzmittel, die ihr immer wieder durch den Alltag halfen, würde sie nun nicht mehr vertragen. „Bei diesen Reaktionen verspüre ich einen Druck im Hals, alles fängt an zu jucken, die Lippen werden dick“, schildert Schätzl die beängstigenden Momente. Diese führten nun auch dazu, dass sie kaum mehr etwas zu sich nimmt.
„Tatsächlich verträgt sie nur noch Nudeln von einer speziellen Firma und Rinderhackfleisch – Frischkäse geht seit zwei Tagen auch nicht mehr“, sagt Birgit Wieseler, die mit ihrer Tochter auf einen harten Weg zurückblickt. So habe man etliche Ärzte und Kliniken aufgesucht, Befunde gesammelt, alles dokumentiert. „Meist kommt dann aber einfach eine Standardabsage, sonst nichts, niemand kann einem helfen.“ Beide seien mit ihren Kräften am Ende. „Ich stehe manchmal nachts an ihrem Bett und kontrolliere, ob sie noch atmet – das ist die Hölle“, sagt die Mutter verzweifelt.
Etwas Licht ins Dunkel brachte nun die Erkenntnis, dass es sich bei Leas Erkrankung offenbar um Post-Covid-Symptome handelt, wie ein Klinikbesuch kürzlich ergeben habe. Demnach leide die 23-Jährige unter anderem an einem „Mastzellen-Aktivierungs-Syndrom“, am chronischen „Fatigue-Syndrom“ sowie an verklebten Blutplättchen oder auch Mikrogerinnseln. Laut Schätzl steige ohne Behandlung das Risiko für Thrombosen und andere Komplikationen.
Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO weist tatsächlich ein Teil der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen langfristig Symptome auf. Die Definitionen dieser „neuartigen Erkrankung“ seien unterschiedlich. So seien im Laufe der Pandemie unterschiedliche Begriffe vorgeschlagen worden, wie etwa „long Covid“ oder „long-haul Covid“ sowie der von der WHO angeregte Begriff Post-Covid-19-Erkrankung.
Nach Angaben der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz fasst der Begriff Post-Covid-Syndrom eine Gruppe von Symptomen zusammen, die nach der akuten Phase und als Folge einer Covid-Infektion auftreten können. Die Symptome müssten demnach über einen Zeitraum von zwölf Wochen nach der akuten Infektion hinaus noch bestehen und mindestens zwei Monate andauern. Ebenso dürfen sie nicht durch andere Diagnosen zu erklären sein.
Für Lea Schätzl ist klar, dass ihr Leidensweg auf die Folgen ihrer Covid-Erkrankungen zurückzuführen ist. „Mein Arzt hat mir dringend die ‚H.E.L.P.-Apherese‘ empfohlen, ein Blutreinigungsverfahren, das genau diese Entzündungen, Gerinnsel und Immunsystem-Überreaktionen reduziert“, erzählt sie.
Das Problem: Sie bräuchte dafür sechs bis acht Behandlungen, die jeweils rund 1.500 Euro kosten würden. „Leider sind diese keine Kassenleistungen.“ Alles, was mit Langzeitfolgen von Corona zusammenhängt, sei laut der 23-Jährigen noch kaum anerkannt, beklagt sie. Und tatsächlich fehlen in vielen Bereichen schlicht noch wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit jener Therapieformen. Das wiederum führe dazu, dass Krankenkassen nicht bereit seien, die Kosten zu übernehmen.
Und mit diesen schmerzlichen Erfahrungen ist die Bad Aiblingerin kein Einzelfall. Immer wieder zeigen Medienberichte Krankheitsverläufe, bei denen Corona-Patienten schließlich zu Pflegefällen wurden. Auch hier halfen oftmals zwar Behandlungen der sogenannten Help-Apherese. Probleme gab es jedoch stets bei der Finanzierung, da die Krankenkassen die Kosten nicht übernahmen.
Lea Schätzl hofft
auf Unterstützung
Schätzl brauche jedoch nicht nur dringend eine Behandlung. Auch benötige sie aufgrund der großen Erschöpfung und der damit einhergehenden Immobilität dringend Hilfsmittel wie einen stabilen Rollator und einen Rollstuhl, sagt sie. Anders könne sie Arztbesuche oder Einkäufe kaum schaffen. Um die Situation irgendwie zu verbessern, hat die 23-Jährige auch über GoFundMe ein Crowdfunding gestartet.
Denn eigentlich war Lea Schätzl vor ihren Corona-Infektionen eine gesunde junge Frau, die ihrer großen Musik-Leidenschaft nachging und nahezu jede Woche Konzerte besuchte. Doch die Erkrankung führte letztlich sogar dazu, dass sie vor Jahren ihre schulische Ausbildung abbrechen musste. Deshalb hofft sie nun auf Behandlungsmöglichkeiten und will im kommenden Jahr, wenn es ihr Gesundheitszustand zulässt, die FOS besuchen. „Mein Traum wäre es, irgendwann dann etwas in Richtung Medizin zu studieren.“