Ein Schicksal wie ein Weckruf
Bilder aus der Jugend: Ein unschuldiges Mädchen, das schließlich in Auschwitz starb.
Emotional aufwühlende Ausstellung „Geliebte Gabi“ am Aiblinger Gymnasium
Schulleiter Mark Lörz bedankte sich bei den Organisatoren der Ausstellung. Fotos Stache
Bad Aibling – Das geht ans Herz. Ein kleines Mädchen und ihr Alltag im Allgäu. Aufnahmen, die sie beim Älterwerden zeigen. Gabi als Baby, Gabi beim Spielen mit Bauklötzen, Gabi gemeinsam mit ihrer Mutter auf einer Wiese. Eine glückliche Kindheit, die jäh unterbrochen wurde. Die Ausstellung „Geliebte Gabi“ im Gymnasium Bad Aibling bewegte schon bei der Eröffnung die Menschen – und warnte sie.
Die Ausstellung erzählt die Geschichte eines Kindes, das in einer Zeit lebte, für die es nichts konnte. Ein Mädchen, das auf grausame Weise verfolgt wurde. Gabis Schicksal steht stellvertretend für mehr als eine Million Kinder und Jugendliche, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.
Lange Recherchen vor
Ort und in den Archiven
Der Historiker Leo Hiemer beschäftigte sich jahrelang mit dem Schicksal des Mädchens, das aus dem gleichen Dorf kam wie seine Mutter. Durch unzählige Gespräche und Recherchen vor Ort und in den Archiven Bayerns gelang es ihm, nicht nur ein Buch zu veröffentlichen, sondern auch Dutzende Gegenstände aus Gabis Leben zu finden.
Die Kuratorin Regina Gropper konzipierte mit diesen und den vielen Fotografien (über 160) aus Gabis Leben eine Ausstellung, die das Leben des Mädchens nachzeichnet – und so erinnert und mahnt. Gabis Schicksal ist ein Mahnmal und eine Erinnerung an die Ungeheuerlichkeiten der Vergangenheit, die niemals vergessen werden dürfen.
In der abgedunkelten Aula eröffnete Genoveva Baumgartner eindrucksvoll den offiziellen Teil der Ausstellung „Geliebte Gabi“. Die feierliche Stimmung bildete den Rahmen für eine Veranstaltung, die bewusst unter die Haut gehen sollte. Schulleiter Mark Lörz konnte dazu eine Reihe prominenter Gäste begrüßen. Angefangen von der Geistlichkeit mit Pfarrer Philipp Kielbassa und Markus Merz, über Staatssekretärin Daniela Ludwig, Landrat Otto Lederer und Bürgermeister Stephan Schlier bis hin zu zahlreichen Schulvertretern.
Im Mittelpunkt des Abends stand die Geschichte der kleinen Gabi Schwarz. „Wir sprechen heute über ein Mädchen, das nie eine Schule von innen gesehen hat“, sagte Lörz. Das Letzte, was die fünfjährige Gabi von innen gesehen habe, sei die Gaskammer von Auschwitz gewesen, zitierte er den Historiker Leo Hiemer.
Der Schulleiter stellte die Frage, ob es in der heutigen Zeit eine Zumutung sei, solche Schicksale im schulischen Kontext zu erzählen – und beantwortete sie selbst: „Unsere transatlantischen Partner haben wir jahrelang als Garant der Demokratie gefeiert – aber heute müssen wir das infrage stellen.“ Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei angesichts globaler Entwicklungen in seinen Augen notwendiger denn je.
Mit dem kontinuierlichen Schwinden der Zeitzeugen müsse man neue Wege finden, Geschichtsvermittlung lebendig und eindringlich zu gestalten. „Und diese Ausstellung ist ein solcher Weg“, sagte er. Mit ihr leiste die Schule einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Grundsatz „Nie wieder“.
Nach einem Intermezzo des Schulorchesters mit der Sinfonietta aus dem Weihnachtsoratorium von J. S. Bach kam die Staatssekretärin des Inneren, Daniela Ludwig, zu Wort. Nach ihren Worten ist es heutzutage mehr denn je wichtig, auf Lebensgeschichten wie der von Gabi hinzuweisen. Einfach nur „Nie wieder“ zu sagen, reiche nicht, betonte Ludwig: „Wir alle müssen hierfür auch selbst Verantwortung übernehmen.“
Sie verurteile den traurigen Höchststand von 6.236 antisemitischen Straftaten bundesweit im Jahr 2024 und mahnte: „Als Demokraten haben wir die Pflicht, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.“
Auch Landrat Otto Lederer bewegte die Geschichte von Gabi: Obwohl sie in einer Kindheit der Wärme aufgewachsen ist, wurde ihr Leben jäh ausgelöscht. „Wir glauben immer, Faschismus sei weit weg, die Wahrheit ist aber, Faschismus war und ist mitten in unserem Alltag“, erklärte der Landrat. Diese Ausstellung muss ein Weckruf sein, denn wenn dieses Wissen verschwindet, dann verschwindet auch das Bewusstsein für die Verantwortung, die speziell wir als Deutsche und als Demokraten haben, mahnte Lederer. Er wünsche allen Besuchern der Ausstellung das Gespür, dass Geschichte mit Menschen zu tun hat und nicht nur nackte Zahlen sind. „Gabis Geschichte ist eine Mahnung, die zeigt, wie wichtig Menschlichkeit, Mut und Zivilcourage sind“, unterstrich der Landrat.
Geschichte wird
anschaulich erlebbar
Bürgermeister Stephan Schlier erinnerte an den historischen Ausnahmezustand, dass wir 80 Jahre in Frieden leben können. Zunehmend wird es aber schwieriger, diesen Frieden zu würdigen, weil die Zeitzeugen immer weniger werden. „Mit dieser Ausstellung kann man Schülern den Raum geben, Geschichte nicht nur lernen, sondern auch begreifen zu können“, sagte Schlier.
Nach einem weiteren Intermezzo des Schulorchesters folgte eine kleine Podiumsdiskussion mit Autor Leo Hiemer, Kuratorin Regina Gropper, Lehrkraft und Hauptinitiator Volker Bräu sowie dem Schülersprecher Moritz Schönacher. Hierbei wurde bedauert, dass die heutige Generation durch den Wegfall von Zeitzeugen kaum mehr Möglichkeiten hat, aus erster Hand Informationen über die damalige Zeit zu erhalten.
Anschließend stand der Rundgang durch die Ausstellung an, der alle, aber wirklich alle, beeindruckte und sehr nachdenklich stimmte.