„Rosenheim war meine erste große Liebe“

von Redaktion

Interview Beliebter Pfarrer Rainer Maria Schießler vor der Lesung „Heilige Nacht“

Bad Aibling/Rosenheim – Er ist sicher einer der bekanntesten Pfarrer Deutschlands. Rainer Maria Schießler, Stadtpfarrer aus München, sorgt mit seinen oftmals progressiven und teils provokativen Aussagen für eine lebendige und aktive Kirche. Bekanntheit erlangte er nicht nur durch seine jahrelangen Kellner-Tätigkeiten auf dem Münchner Oktoberfest – sein Gehalt spendete er an eine Wohltätigkeitsorganisation. Auch TV-Auftritte oder Bühnen-shows bescherten ihm immer wieder große Popularität. Pfarrer Schießler ist fest im Glauben verwurzelt – lässt sich aber nicht davon abhalten, geschiedene und homosexuelle Paare zu segnen oder medienwirksame Diskussionen zu beginnen. Nun kommt der bekannte Kirchenmann mal wieder in die Region, mit der er eine ganz innige Beziehung pflegt. Bevor er am Mittwoch, 17. Dezember, für die Lesung „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma ins Bad Aiblinger Kurhaus kommt, verrät er im OVB-Interview, warum Rosenheim seine erste große Liebe war, wieso die Adventszeit so wichtig ist und dass es keinen Big-Brother-Gott gibt.

Sie waren von 1987 bis 1991 Kaplan der Kirche „St. Nikolaus“ in Rosenheim. Wie ist es, wieder in die Nähe Ihrer alten „Heimat“ zu kommen?

Rosenheim war tatsächlich meine erste große Liebe. Auch Brautpaare kennen das: So richtig verliebt man sich im Leben nur einmal. Und das war bei mir Rosenheim. Ich habe hier meine ersten Priesterjahre erlebt. Die Gespräche mit den Menschen, das Heimatverbundene, dieses seelisch Tätschelnde – all das bleibt. Ich fühle mich wie ein alter Baum, der in Rosenheim Wurzeln geschlagen hat. Es ist etwas, was man schwer erklären kann. Es fühlt sich aber so an, als wäre ich hier beheimatet. Rosenheim war für mich ein Glücksfall. Und in dieser Region ist mir natürlich auch Bad Aibling zugänglich, ich kenne die Stadt und pflege auch Freundschaften dort.

Sie sind nicht nur Stadtpfarrer, sondern arbeiten an vielen anderen Projekten und Auftritten – wie stressig ist das?

Ich empfinde das tatsächlich nie als Stress. Wenn ich abends auf Bühnen stehe, ist das für mich wie eine Reinigung. Es macht mir Spaß, und es ist sehr vielfältig. Am nächsten Morgen kann ich dann wunderbar im Büro sitzen und mich wieder auf die Texte konzentrieren. Ich bin auf vielen Bühnen unterwegs, aber ich bekomme zahlreiche Anfragen und kann mir letztlich das herauspicken, was ich möchte.

Gerade ist Ihr neues Buch „Liebe – notwendiger denn je! Pulsschlag für alle Lebenslagen“ erschienen. Worum geht es?

Es geht wieder um diverse Bibelstellen, die auf ihre Lebenstauglichkeit geprüft werden. Es gibt viele verschiedene Formen, wie Liebe ausgedrückt werden kann. Doch die Menschen beherrschen nicht alle. Es gibt nur einen, der alle Formen beherrscht, und das ist der Herrgott selbst. Und dafür will ich Belege in unzähligen Bibelstellen aufzeigen.

Ihre Gottesdienste sind, im Gegensatz zu manch anderen, sehr gut besucht. Wie machen Sie das?

Der Auftrag ist nicht, die Kirche vollzubringen, sondern die Menschen zueinanderzubringen. Und natürlich ist es immer auch eine Frage des „Wie“. Also, wie transportiere ich das? Ich bin da sicher nicht besser als andere. Vielleicht kommen die Menschen gerne zu uns in die Kirche, weil sie sehen, wie wir den Glauben leben. Ich stehe auch da vorne und ringe um Antworten und zeige nicht mit dem Finger auf andere. Wir sollten den Glauben nicht als Urteil, sondern als Einladung verstehen.

Kann die katholische Kirche, die von unzähligen Austritten gebeutelt ist, gerade in der Weihnachtszeit wieder mehr punkten?

Es geht überhaupt nicht darum, zu punkten. Ich wünsche der Kirche alles Gute, aber ob sie bei den Menschen punktet, ist letztlich völlig egal. Bei all den schlimmen Krisen auf der Welt ist die Sintflut längst da. Jetzt ist die Frage, was wir Christen tun. Unsere Aufgabe ist es, aufzurütteln, wachzurütteln und uns auf die eigenen Stärken zu besinnen. Wir haben diese Welt überlassen bekommen und müssen diese jetzt retten. Schlagwörter sind dabei natürlich der Klimawandel und Frieden. Und damit sollten wir in der Adventszeit, in einer sehr intensiven Zeit, unbedingt beginnen. Das heißt aber nicht, dass nicht Glühwein und Lebkuchen genauso zu dieser Zeit gehören. Das können wir uns aber nur leisten, wenn wir wissen, worum es eigentlich geht. Gott will doch, dass die Menschen glücklich sind, er ist kein Big-Brother-Gott.

Kommen wir nochmal auf Ihren Besuch in Bad Aibling zurück. Was erwartet die Besucher am 17. Dezember?

Ich komme nicht dorthin, um einfach vorzulesen. Ich werde die Menschen begrüßen und versuchen, ihnen zu erklären, was die Geschichte von Ludwig Thoma heute zu bedeuten hat. Es geht natürlich um Ablehnung, Zurückweisung und die Kälte und Härte, die Maria und Josef erlebt haben. Dann aber auch wieder um Wärme, die ihnen Handwerksburschen entgegenbringen. In der heutigen Welt bedeutet das, auch dagegenzuhalten. Es wird aber kein Gottesdienstersatz sein. Es ist eine nacherzählte Geschichte in bayerischer Sprache, die wie ein gutes Fußballspiel 90 Minuten lang dauert. Und am Ende werde ich den Besuchern natürlich auch noch einen Gedanken mit nach Hause geben. Nicolas Bettinger

Heilige Nacht – Weihnachtslegende nach Ludwig Thoma

Artikel 8 von 11