Pflegegeld-Kürzung: Viktoria Zettel trifft Ministerin

von Redaktion

Viktoria Zettel aus Feldkirchen-Westerham kämpft für die Rechte pflegender Eltern. Weil das Pflegegeld für ihren schwerkranken Sohn Finni bei langen Klinikaufenthalten gestrichen wird, klagt sie. Nun traf sie Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach, um über die aus ihrer Sicht ungerechte Regelung zu sprechen

Feldkirchen-Westerham – Woher sie diese ganze Kraft nimmt, weiß sie manchmal selbst nicht. Seit fast zwei Jahren dreht sich im Leben von Viktoria Zettel (36) aus Feldkirchen-Westerham fast alles um die Gesundheit und das Wohlbefinden ihres kleinen Sohnes Finn, von allen liebevoll nur Finni genannt. Denn der mittlerweile Neunjährige hatte im Januar 2024 einen Atem- und Herzstillstand erlitten, der das Gehirn des Buben schwer schädigte. So kann Finni seitdem weder gehen noch sprechen, braucht rund um die Uhr Pflege.

Dass ihr jüngster Sohn – gemeinsam mit ihrem Mann Mike (46) hat Viktoria Zettel noch zwei ältere Söhne – nie mehr der „Alte“ wird, nie mehr unbeschwert herumtollen wird, damit hat sich die 36-Jährige mittlerweile „schweren Herzens“ abgefunden. „Ich hatte lange Zeit nach Finnis Wiederbelebung die naive Hoffnung, dass er eines Tages die Augen aufschlägt und sagt: ,Mama, das war wirklich eine schreckliche Zeit, aber jetzt ist alles wieder gut‘“, sagt die gebürtige Münchnerin.

Doch mittlerweile ist der ganzen Familie klar: Finni wird vermutlich nie wieder laufen, nie wieder sprechen können. „Das zu akzeptieren, ist verdammt schwer“, sagt die Feldkirchen-Westerhamerin, die alles dafür geben würde, nochmals Finnis Stimme zu hören. „Wenn ich mir alte Fotos und Videos von Finni ansehe, dann ist das wirklich ganz schlimm“, verrät Viktoria Zettel. „Mein Mann kann die überhaupt nicht anschauen, weil ihn das so mitnimmt.“

Dass die Familie nun akzeptiert hat, dass der frühere Finni nicht mehr zurückkommt, heißt für die Zettels aber nicht, dass sie die Hoffnung auf gesundheitliche Fortschritte aufgegeben haben. „Wer weiß, was die Entwicklung in der Medizin in den kommenden Jahren noch alles bringt“, sagt die 36-Jährige, die nach eigenen Angaben gemeinsam mit ihrem schwerbehinderten Kind mehr und mehr in einen Familienalltag zurückfindet.

Hirnschrittmacher scheint sich positiv auszuwirken

So hatte die ganze Familie in der Adventszeit Ausflüge auf den Feldkirchen-Westerhamer sowie den Rosenheimer Christkindlmarkt unternommen. „Ich hatte schon ein bisschen Angst davor, wie es Finni dabei geht oder wie die Menschen auf uns reagieren“, gesteht Viktoria Zettel, deren Ängste aber völlig unbegründet waren. „Es hat alles super funktioniert – und die Menschen waren alle toll, haben beispielsweise sofort für den riesigen Rollstuhl Platz gemacht.“ Selbstverständlich sei Finni in der Menschenmasse aufgefallen, aber: „Das waren keine unschönen Blicke, noch nicht einmal mitleidige, sondern eher liebevolle.“

Insgesamt spricht Viktoria Zettel im Rückblick auf die vergangenen Wochen von der „entspanntesten Phase“, die die Familie seit dem Unglückstag im Januar 2024 erlebte. „Finni schreit viel weniger, ist deutlich entspannter geworden“, bericht die Feldkirchen-Westerhamerin. Was sie unter anderem auf den Hirnschrittmacher zurückführt, der dem kleinen Kämpfer im Oktober implantiert worden ist. „Da haben wir wirklich das Gefühl, dass er dadurch große Fortschritte macht.“

Für Viktoria Zettel bedeutet diese entspanntere Phase aber nicht, die Füße hochzulegen, sondern sich mit lästigen Nebenkriegsschauplätzen rund um Finnis Schicksal zu beschäftigen. Vor allem mit einer „himmelhochschreienden Ungerechtigkeit“, wie die 36-Jährige die Tatsache nennt, dass das Pflegegeld, das der Staat dem Pflegenden zuspricht, gestrichen wird, sobald ein Kind länger als 28 Tage im Krankenhaus ist.

Wie das eben auch den Zettels passiert ist, obwohl Viktoria Zettel ihrem Buben bei den zahlreichen und langen Krankenhausaufenthalten nicht von der Seite gewichen ist und dort nahezu rund um die Uhr die Pfleger unterstützt hat. Nachdem ihre Krankenkasse die Pflegegeldfortzahlung über 28 Tage hinaus mittlerweile endgültig abgelehnt hat, zieht Viktoria Zettel nun vors Sozialgericht, um die Entscheidung anzufechten. „Mir geht es da nicht um die 330 Euro, die gestrichen worden sind“, stellt die 36-Jährige klar. „Es geht mir ums Prinzip und darum, dass es einfach ungerecht gegenüber den Betroffenen ist.“

Eine Meinung, die sie Mitte November auch in der BR-Live-Sendung „Jetzt red i“ gegenüber der bayerischen Gesundheitsministerin Judith Gerlach kundgetan hatte. Mit ungeahnten Folgen. Denn dadurch ist nicht nur ein enger Kontakt zu den Initiatoren einer Petition gegen den Pflegegeld-Stopp nach 28 Tagen, die mittlerweile mehr als 75.000 Menschen unterzeichnet haben (www.innn.it/mehrals28tage), entstanden, sondern auch wertvolle Kontakte in die Politik. So hatte Sascha Schnürer, CSU-Landtagsabgeordneter aus dem Stimmkreis Mühldorf, Zettel bereits wenige Tage nach der Sendung zu einem Gespräch in den bayerischen Landtag eingeladen.

Und nicht nur das: Mittlerweile war Zettel gemeinsam mit den Petitions-Initiatorinnen Simone Brugger und Renate Weyrich sogar bei einem fast einstündigen Gespräch mit Gesundheitsministerin Gerlach zusammengesessen. „Ich denke, dass wir in der Gesundheitsministerin wirklich eine Unterstützerin unseres Anliegens gefunden haben“, sagt Zettel, die die CSU-Ministerin als „sehr aufgeschlossen und empathisch“ beschreibt. Letztlich habe sie versprochen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Petition, die mittlerweile offiziell im Landtag eingereicht ist, auf bayern- und bundesweiter Ebene zu unterstützen.

Rückkehr ins
Berufsleben geplant

Eine Einschätzung, die andere Gesprächsteilnehmer teilen. „Es berührt mich sehr, dass wir einen so offenen Austausch mit der bayerischen Staatsministerin Judith Gerlach erleben durften“, teilt Renate Weyrich per Pressemitteilung mit. „Denn wir brauchen dringend die Unterstützung aus der Politik für mehr Sichtbarkeit, weniger Bürokratie und mehr Verständnis für unsere Lebensrealität.“ Auch Brugger ist „unheimlich stolz, dass die Ministerin uns ihre Unterstützung angeboten hat“. Was Schnürer auch für notwendig hält. „Pflegende Eltern leisten wirklich Unglaubliches“, wird der Politiker in der Pressemitteilung zitiert. „Gerade ihnen dürfen wir nicht nach 28 Tagen im Krankenhaus – in dem sie ja ebenfalls pflegen – das wenige nehmen, was sie bekommen: das Pflegegeld.“

Doch wie geht es jetzt genau mit der Petition weiter? Nach Angaben von Caroline Kubon, Sprecherin des Bayerischen Landtags, wurde der Eingang der Petition, die im Gesundheitsausschuss bearbeitet wird, den Initiatoren am 25. November bestätigt. „Am gleichen Tag wurde auch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention um Übersendung einer Stellungnahme gebeten“, so Kuban. „Sobald diese vorliegt, ist die Petition beratungsreif und kann auf die dann nächste Tagesordnung gemäß Sitzungskalender genommen werden.“ Die Frist für die Stellungnahme endet nach Angaben der Sprecherin am 26. Januar 2026.

Ein Thema also, das Viktoria Zettel auch im neuen Jahr 2026 begleiten wird. Zudem will sich die 36-Jährige aber auch zumindest ein kleines Stück ihres früheren Lebens zurückholen und – erst einmal – stundenweise wieder ins Berufsleben einsteigen. „Ich werde weiterhin so aufopferungsvoll für Finni kämpfen, kann aber jetzt auch nicht die ganze Zeit als Hausfrau daheim sitzen“, sagt die 36-Jährige, die von ihrem Arbeitgeber in den höchsten Tönen schwärmt. „Die haben mir von Beginn an den Rücken freigehalten und mich immer unterstützt.“

So ist die Vorfreude bei der 36-Jährigen groß, bald wieder zu ihrem „tollen Team“, in dem eine „sensationelle Atmosphäre herrscht“, zu stoßen. Dass sie Kraft genug hat, um auch den Wiedereinstieg in die Berufswelt zu meistern, daran dürfte nach den vergangenen zwei Jahren niemand mehr Zweifel haben.

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