Bad Aibling – Wurden junge Frauen durch eine Yogabewegung systematisch manipuliert, gebrainwashed und dem alten Guru Gregorian Bivolaru zu stundenlangen Tantra-Sex-Ritualen zugeführt? Mit den Vorwürfen gegen eine internationale Yogabewegung, die auch in Deutschland aktiv ist, haben sich die preisgekrönten Journalistinnen Christiane Hawranek (41) und Katja Paysen-Petersen (39) intensiv beschäftigt. Beide arbeiten als Investigativ-Journalistinnen für den Bayerischen Rundfunk, unter anderem für den Podcast „Seelenfänger“. Zuletzt brachten sie das Buch „Toxic Tantra – Machtmissbrauch und Manipulation im Yoga“ heraus, das sie nun am Donnerstag, 22. Januar, um 18.30 Uhr im Bad Aiblinger Buchladen „momo & frieda“ vorstellen werden. Vorab erzählt Christiane Hawranek im OVB-Interview, was hinter der Yogabewegung steckt, wie es den Leidtragenden erging und was der aktuelle Ermittlungsstand ist.
Frau Hawranek, wie sind Sie überhaupt auf dieses Thema gekommen?
Eines Tages kam eine Hörerin auf Katja zu und sagte: „Ich glaube, ich habe da was für euch. Es geht um eine Yogaschule.“ Beim ersten Treffen hat sie uns erzählt, dass sie eigentlich einfach nur Yoga machen wollte. Letztendlich sei sie aber in Frankreich gelandet, beim sogenannten Guru. Sie sei mit verbundenen Augen an einen geheimen Ort gebracht worden – und sie hatte Tantra-Sex mit ihm. Im Nachhinein fühlt sie sich missbraucht. Nach dem ersten Gespräch haben wir uns gefragt: Gibt es noch mehr Frauen, denen das passiert ist? Für unsere Recherche haben wir mittlerweile mit 46 Aussteigern und Aussteigerinnen aus der Yogabewegung gesprochen – und viele berichten ganz ähnliche Details.
Ihr Buch behandelt also Machtmissbrauch und Manipulation im Yoga. Was kann man sich darunter grundsätzlich vorstellen?
Kursleiter und -leiterinnen haben Frauen in der Yogaschule dazu gebracht, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht wollten. Sie wurden Schritt für Schritt manipuliert. Erst erscheint alles harmlos und spannend. Doch dann werden die Grenzen herabgesetzt, zum Beispiel mit der Aufforderung eines Yogalehrers: „Mach ein Foto von dir im Bikini, das geht an unseren spirituellen Lehrer.“ Viele haben sich im ersten Moment gedacht: „Auf gar keinen Fall, warum sollte ich? Ich kenne den doch gar nicht!“ Aber dann entsteht oft eine Art Gruppendruck: Die anderen machen es auch, es kommen Sprüche wie „Sei doch mal offen“, „Sei nicht so verklemmt“. Ohne das Foto bleibt der Zugang zu speziellen Gruppen verwehrt, so haben uns das mehrere berichtet. Und dann haben sie das Foto doch abgegeben. Das ist nur ein Beispiel für Machtmissbrauch und Manipulation – bei unseren Recherchen haben wir viele weitere kennengelernt. Manche Frauen haben am Ende sogar Sexarbeit gemacht.
Wer oder was steckt hinter der Yogabewegung Atman und wie stark ist sie auch in Deutschland vertreten?
Atman ist ein Dachverband mit Mitgliedsschulen in fast 30 Ländern. Auch in Deutschland gibt es einen Verein mit Yogaschulen an mehreren Standorten, unter anderem in München und Berlin. Schätzungen gehen von bis zu 40.000 Menschen weltweit aus, die sich der Yogabewegung angeschlossen haben. Der Begründer heißt Gregorian Bivolaru und stammt aus Rumänien – er ist der spirituelle Lehrer, der von vielen als Yoga-Guru und Tantra-Meister verehrt wird, dem sogar magische Kräfte zugeschrieben werden. Er hat aktuell keine offizielle Funktion in der Yogabewegung.
Das Buch erzählt die Geschichte von Frauen, die Opfer dieser Bewegung wurden: Wie einschneidend waren die Erfahrungen für die Leidtragenden?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben Frauen kennengelernt, die uns erzählt haben, die Yogaschule habe ihr Leben zerstört. Viele hatten – gerade, wenn sie den Yoga-Guru persönlich getroffen haben – hinterher Albträume, Flashbacks und sprechen von traumatischen Erfahrungen. Manche sind psychisch und finanziell am Ende. Andere sind heute Aktivistinnen und klären über die Gefahren von toxischen Gruppierungen auf. Wir haben aber auch Frauen getroffen, die damit komplett abgeschlossen haben.
Können Sie etwas zum aktuellen Stand der internationalen Ermittlungen sagen?
Mitten während unserer Recherchen haben wir die Nachricht bekommen: Der Guru wurde in Paris bei einer großen Razzia festgenommen! Seit mittlerweile zwei Jahren sitzen er und fünf weitere Beschuldigte in Untersuchungshaft in Frankreich. Die Vorwürfe lauten: Vergewaltigung, Entführung, Menschenhandel und Vertrauensmissbrauch. Da er bisher nicht verurteilt ist, gilt die Unschuldsvermutung. Die Yogabewegung streitet viele Vorwürfe ab, vor allem der deutsche Verein distanziert sich offiziell und sagt, Bivolaru sei nicht ihr Guru.
Was dürfen die Bad Aiblinger bei Ihrer Buchvorstellung am 22. Januar erwarten?
Es wird ein spannender Abend – nicht nur für True-Crime-Fans. In unserem Buch erzählen wir die wahren Geschichten von zwei Frauen und einem Mann, die in die Fänge der Yoga-Sekte geraten sind. Es ist aufgebaut wie ein Episodenroman. Wir werden Ausschnitte daraus vorlesen und Einblicke hinter die Kulissen unserer Recherchen dieses großen Kriminalfalls geben. Wir werden aber auch erzählen, wie Menschen sich aus Manipulation und emotionaler Abhängigkeit befreien können. Dazu kann es in vielen Bereichen des Lebens kommen, nicht nur im Yoga: am Arbeitsplatz, im Sportverein oder in toxischen Beziehungen. Gerne beantworten wir außerdem Fragen aus dem Publikum.
Abschließend gefragt: Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Yoga und wie hat sich diese durch die tiefgreifenden Recherchen verändert?
Katja und ich haben vor der Recherche gerne Yoga praktiziert, als Hobby. Dann haben wir Probestunden bei der besagten Yogabewegung besucht – und hatten danach das Gefühl: Wir können überhaupt kein Yoga mehr machen! Denn alles hat uns plötzlich an diese Yogabewegung erinnert. Dieses Gefühl hat sich zum Glück mit der Zeit wieder gelegt. Wir haben auch sehr engagierte und seriöse Yogalehrerinnen kennengelernt – und bieten mittlerweile sogar auch eine Kombination aus Yogastunde und „Toxic Tantra“-Lesung an.
Nicolas Bettinger