Bad Aibling – Brunhilde Dickel zog mit ihrem Mann vor knapp zwei Jahren aus Brilon in Nordrhein-Westfalen nach Bad Aibling und fühlt sich in der Kurstadt mittlerweile sehr wohl. Trotz ihres hohen Alters von 85 Jahren, das man ihr nicht ansieht, engagiert sie sich jede Woche außerhalb der Ferienzeiten von Montag bis Donnerstag eine Stunde ehrenamtlich in der Mittagsbetreuung der Georgsschule, die unter dem Dach der Diakonie fungiert.
„Am Schluss war ich die einzige Person aus unserer Familie, die hier noch lebte. Die Tochter wohnt in Bad Endorf. Mein Mann und ich wollten in ihre Nähe ziehen und haben in Bad Aibling schließlich eine neue Heimat gefunden“, nennt Dickel den Grund für den späten Ortswechsel.
Trotz eines schweren Schicksalsschlages in jungen Jahren – ihr erster Mann starb mit 29, als die gemeinsame Tochter gerade mal drei Monate alt war – war der rüstigen Seniorin unentgeltlicher Einsatz für die Gesellschaft immer wichtig. In ihrer alten Heimat wirkte die Frau, die zuletzt in der Finanzverwaltung arbeitete, sechs Jahre in der Telefonseelsorge in Meschede mit und war federführend an der Gründung einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit psychischen Krankheiten beteiligt.
1991 zählte sie zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Ipsilon“ in Brilon, der sich ebenfalls um psychisch erkrankte Menschen kümmerte. Bis 2021 stand sie an dessen Spitze und baute zusammen mit ihrem Team ein ambulantes betreutes Wohnen für diesen Personenkreis auf. „Da waren werktags oft 60 bis 70 Leute da. Das war wie ein Vollzeitjob für mich“, sagt Dickel rückblickend.
So sehr ihre ehrenamtliche Arbeit in Nordrhein-Westfalen geschätzt wurde, so sehr wunderte sie sich darüber, dass in Bad Aibling das Interesse daran eher nicht vorhanden zu sein schien. Als sie sich als Lesepatin engagieren wollte, wurde ihr signalisiert, es bestünde kein Bedarf. Bei der Aiblinger Tafel habe sie zwar „reingeschnuppert“, sei aber ihrem Empfinden nach ohne für sie erkennbaren Grund „auf schiere Ablehnung“ gestoßen.
Dass sie heute voll in ihrer Tätigkeit an der Schule aufgeht und Elke Netscher, die Leiterin der Mittagsbetreuung, von einem „absoluten Glücksgriff“ spricht, ist letztlich einer gemeinsamen Fußpflegerin zu verdanken, die die beiden Frauen zusammenbrachte. Als Dickel ihr von ihren Negativerfahrungen erzählte, wusste die sofort Abhilfe. „Die Frau Netscher ist bei mir auch Kundin. Ich rede mit ihr, die braucht immer Unterstützung“, meinte sie.
Gesagt, getan. Schon wenig später kamen die beiden ins Gespräch, seitdem ist Brunhilde Dickel fester Bestandteil des Teams der Mittagsbetreuung. „Ich freue mich immer wieder, wenn ich sie sehe. Die hat mir schon so oft aus der Patsche geholfen“, berichtet Netscher. Besonders für die Ruhe, die die 85-Jährige ausstrahlt, und die Geduld, die sie im Umgang mit den Kindern an den Tag legt, ist die Leiterin der Mittagsbetreuung sehr dankbar.
„Ich kann sie deshalb sehr gut in der Einzelbetreuung einsetzen. Dafür fehlt uns in der Regel das Personal“, sagt Netscher. Eine Aufgabe, die Brunhilde Dickel gerne wahrnimmt. Positive Erlebnisse hat sie mittlerweile genügend. „Die Kinder lieben sie“, weiß Netscher. Und sie erzählen sich offensichtlich auch untereinander, wie sehr sie die Betreuung durch die 85-Jährige schätzen.
„Darf ich auch mal mit Dir Hausi machen?“, fragte sie beispielsweise erst kürzlich wieder ein Kind aus einer ersten Klasse. Ein Schüler aus der achten Klasse ließe es sich nicht nehmen, ihr beim Abschied in die Jacke zu helfen. „Solche Dinge freuen mich unwahrscheinlich“, räumt Dickel freimütig ein.
Auch für Kinder mit Migrationshintergrund, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, ist Dickels Hilfe sehr wertvoll. „Da hatte ich mal einen Buben, der konnte zwar einigermaßen gut lesen, verstand aber nicht, was er vorlas“, erinnert sich die 85-Jährige. „Als ich das merkte, musste er mir immer erklären, was er gerade gelesen hat. Wenn er das nicht wusste, habe ich es ihm erklärt. Mittlerweile ist sein Textverständnis schon viel besser geworden“, freut sich die gebürtige Westfälin über derlei Erfolgserlebnisse.
Ihr 88-jähriger Mann bringt großes Verständnis für das Engagement seiner Frau auf. „Der nutzt die Zeit, in der ich nicht da bin, für Spaziergänge oder das Radfahren“, berichtet sie. Für sehr wichtig erachtet die Seniorin, Defizite von Kindern möglichst schon in der ersten Klasse zu erkennen.
„Dann kann ich frühzeitig mit meiner Hilfe in der Einzelbetreuung beginnen“, sagt die Frau, die Elke Netscher voller Hochachtung „als Balsam für die Seele der Kinder“ bezeichnet. „Eine Ersatzoma im positivsten Sinne“, wie sie es formuliert – getragen von der Hoffnung, noch möglichst lange auf die Dienste von Brunhilde Dickel zurückgreifen zu können.