Bad Aibling – Mit einer ausgebuchten musikalischen Lesung setzte der Kreis Migration Bad Aibling kürzlich im Rahmen der Max-Mannheimer-Kulturtage ein Zeichen für Empathie, Dialog und gesellschaftliche Verantwortung. Unter dem Titel „Zwischen Hass und Haltung“ gestalteten Autor Dervic Hizarci sowie Ibou Kalaama & Band einen Abend, der persönliche Erfahrungen, politische Bildung und kulturellen Ausdruck miteinander verband.
Begrüßt wurden die Gäste von Michael Beer vom Vorstand der Max-Mannheimer-Kulturtage sowie Barbara Kleeblatt vom Kreis Migration Bad Aibling, die den Abend moderierte. Bereits der musikalische Auftakt von Ibou Kalaama & Band schuf eine offene, emotionale Atmosphäre, die den gesamten Abend prägte.
Rassismus und
Ausgrenzung bekämpfen
Im Mittelpunkt stand Dervic Hizarci, Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und Autor des Buches „Zwischen Hass und Haltung“. Ausgehend von biografischen Erlebnissen zeigte er, wie tief Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung in alltägliche Situationen hineinreichen.
Besonders bewegend schilderte Hizarci eine Szene aus dem Jahr 2006: Während der Feiern zu einem WM-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft wurden er und zwei Freunde von der Polizei kontrolliert. Die Frage „Wer seid ihr, dass ihr euch für Deutschland freut?“ – gestellt an drei in Deutschland geborene Männer – markierte für ihn einen Moment, in dem Zugehörigkeit abrupt infrage gestellt wurde.
Hizarci betonte zugleich die Differenziertheit der Debatte: Viele Polizisten seien engagiert und reflektiert, dennoch gebe es ein strukturelles Rassismusproblem. Bundesweit stünden derzeit Hunderte Beamte unter Rassismusverdacht. „Dabei ist es die Aufgabe der Polizei, uns vor Rassismus zu schützen“, so Hizarci.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Umgang mit Antisemitismus und Ausgrenzung im schulischen Kontext. Anhand von Textpassagen erläuterte Hizarci, wie Pädagogen reagieren können, wenn Begriffe wie „Du Jude“ als Schimpfwort fallen oder wenn scheinbar harmlose Fragen wie „Woher kommst du?“ verletzende Wirkung entfalten. Er sprach über Konzepte wie Widerspruchstoleranz und Paradoxintervention und zeigte, wie bereits Vornamen – etwa „Dervic“ – Erwartungen und Zuschreibungen auslösen. Integration sei, so Hizarci, „eine Gleichung mit zwei Seiten“: Dem Vorwurf mangelnden Integrationswillens stünden reale Ausgrenzungserfahrungen und abwertende politische Aussagen gegenüber.
Empathie als Schlüssel
zur Problemlösung
Immer wieder kehrte Hizarci zu seiner zentralen Botschaft zurück: Empathie, Differenzierung und ein Dialog auf Augenhöhe seien unverzichtbar, um Diskriminierung entgegenzutreten. Antisemitismus, Rassismus und ausländerfeindliche Haltungen ließen sich nicht durch Vereinfachung oder Schweigen überwinden, sondern nur durch Beziehung, Gespräch und das bewusste Herstellen von Verbindung zwischen Menschen.
Hizarci, geboren in Berlin-Neukölln, war Lehrer und Antisemitismusbeauftragter für Schulen. Heute engagiert er sich sowohl gegen Antisemitismus als auch gegen islamistischen Extremismus. Eine Haltung, die er – wie er betonte – von seinen aus der Türkei stammenden Eltern mitbekommen habe: „Halte die andere Wange hin – aber verliere dabei nicht deine Haltung.“
Für das leibliche Wohl sorgte das Café-FriendsTeam des Kreis Migration. Der Abend fand im evangelischen Gemeindehaus statt – ermöglicht durch die Unterstützung von Pfarrer Markus Merz.
Der Kreis Migration Bad Aibling dankte Dervic Hizarci für seine Offenheit und Klarheit sowie Ibou Kalaama & Band für die musikalische Tiefe, die den Abend getragen und bereichert hatte.